«Henkerstaaten»-Bericht: Wenn der Staat töten lässt
Aktualisiert

«Henkerstaaten»-BerichtWenn der Staat töten lässt

Der neuste «Henkerstaaten»-Bericht von Amnesty International enthüllt: Mehrere Länder, in denen lange niemand von Staats wegen getötet wurde, sind zur Todesstrafe zurückgekehrt.

Mit Ausnahme von Weissrussland gibt es in Europa schon lange keine Todesstrafe mehr. Anderswo schon: Nach dem jüngsten Amnesty-Bericht wurden 2012 weltweit mindestens 682 Menschen hingerichtet. Höchstwahrscheinlich sogar Tausende. Auch in Ländern, die längere Zeit darauf verzichtet hatten.

Bei seinen mutmasslich letzten Worten hatte Naw Kham so viel Aufmerksamkeit wie die ganzen 44 Jahre seines Lebens nicht. Drei Dinge durfte der Mann aus Burma vor den Kameras des chinesischen Staatsfernsehens CCTV noch loswerden: «Ich vermisse meine Mutter. Ich will meine Kinder grösser werden sehen.» Und: «Ich will nicht sterben.»

Dann wurde der mutmassliche Drogenbaron von zwei Polizisten in schwarzer Uniform zur Hinrichtung geführt. Gnädigerweise blendete sich der Sender aus, bevor der Henker die Giftspritze setzte.

China hält sich bedeckt

Nur diese Zurschaustellung machte aus Naw Khams staatlich angeordneter Tötung Ende Februar einen Sonderfall. Öffentliche Hinrichtungen gehören auch in China seit Jahrzehnten der Vergangenheit an.

Allen internationalen Appellen zum Trotz lässt die Volksrepublik nach Schätzungen aber immer noch jedes Jahr mehrere Tausend Menschen exekutieren. Die genaue Zahl wird als Staatsgeheimnis behandelt.

Dunkler Fleck China

Im «Henkerstaaten»-Bericht von Amnesty International - der weltweit zuverlässigsten Erhebung dieser Art - ist China deshalb auch dieses Jahr wieder nur ein dunkler Fleck. In einem aber ist sich Amnesty sicher: «China hat 2012 wieder mehr Menschen hingerichtet als der gesamte Rest der Welt zusammen.» (s. Box)

Insgesamt liessen noch 21 Staaten hinrichten - genauso viele wie 2011. In Europa vollstreckt als letztes Land nur noch Weissrussland die Todesstrafe. 2012 wurden drei Menschen hingerichtet.

Rückschläge in Indien und Japan

Mehr als zwei Drittel der 193 UNO-Mitgliedsländer haben die Todesstrafe inzwischen de facto abgeschafft. Doch gab es für die Hinrichtungsgegner in letzter Zeit auch schwere Rückschläge.

So wurden in grossen Demokratien wie Indien und Japan nach längerer Unterbrechung wieder Todesurteile vollstreckt. Gambia schickte nach mehr als einem Vierteljahrhundert Pause gleich neun verurteilte Verbrecher in den Tod - an einem einzigen Tag.

Öffentlich gehängt - nach sechs Jahren Hinrichtungsstopp

Das jüngste Beispiel lieferte Kuwait Anfang April. In dem Golfstaat, wo fast sechs Jahre lang ein Hinrichtungsstopp gegolten hatte, wurden drei mutmassliche Mörder zeitgleich gehängt - auf dem öffentlichen Parkplatz vor dem Zentralgefängnis. Die Männer durften noch eine letzte Zigarette rauchen.

Dann bekamen sie Kapuzen über den Kopf, Arme und Beine wurden mit Ketten und Lederbändern gefesselt. Ihre Leichen wurden erst vom Galgen geholt, nachdem die Fotografen ihre Bilder gemacht hatten. (sda)

China tötet mehr Menschen als der Rest der Welt

Die Volksrepublik China hat im vergangenen Jahr wieder mehr Menschen hinrichten lassen als der gesamte Rest der Welt. Dies geht aus dem jüngsten Todesstrafe-Bericht von Amnesty International hervor. Demnach liess der Staat in China 2012 mehrere Tausend verurteilte Verbrecher töten. Im Rest der Welt gab es mindestens 682 Hinrichtungen - zwei mehr als im Jahr zuvor.

Auf Platz zwei der «Henkerstaaten-Statistik» lag wieder der Iran, wo mindestens 314 Menschen gehenkt wurden. Es folgen der Irak (mit 129 Fällen), Saudi-Arabien (79 Fälle), die USA (43 Fälle) und der Jemen (28 Fälle). In Weissrussland - dem einzigen europäischen Staat mit der Todesstrafe - gab es drei Exekutionen. Mit Ausnahme der USA sind das alles Mindestzahlen.

Auf eine genaue Statistik für China verzichtet Amnesty schon seit Jahren, weil die Daten zur Todesstrafe dort praktisch als Staatsgeheimnis behandelt werden. Nur in Ausnahmefällen wird öffentlich darüber berichtet. In dem Bericht ist jedoch von «Tausenden» Hinrichtungen die Rede. Andere Menschenrechtler gehen von 4000 bis 8000 Hinrichtungen aus.

Der einmal pro Jahr erscheinende Amnesty-Bericht gilt als weltweit zuverlässigste Quelle zur Todesstrafe. Die Zahlen basieren auf offiziellen Angaben und Schätzungen von Experten. (sda)

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