Super-GAU à la Suisse: Wenn der Wasseralarm einmal echt ist
Aktualisiert

Super-GAU à la SuisseWenn der Wasseralarm einmal echt ist

In der ganzen Schweiz war letzte Woche Probealarm. Was aber, wenn die Sirenen einmal heulen, weil der Ernstfall eingetreten ist, wenn zum Beispiel eine Talsperre bricht? 20 Minuten Online stellt die grössten Katastrophen-Szenarien bei Wasseralarm vor.

von
Joel Bedetti

Wie jeden ersten Mittwoch im Februar heulten auch vergangene Woche in der Schweiz die Sirenen. Probealarm, nichts passiert. Doch was, wenn sie einmal an einem anderen Tag losgehen? Dann heisst es möglicherweise: Sachen packen und auf den nächsten Hügel fliehen - eine Flutwelle ist im Anzug.

In der Schweiz, dem Land der Wasserkraft, gibt es über 1000 Staudämme. Die meisten sind eher klein und haben kein grosses Gefahrenpotential. Aber es gibt auch die schlummernden Riesen, die das Zeug haben, Katastrophen auszulösen. 20 Minuten Online zeichnet einige Szenarien auf.

Szenario 1: Der Sihlsee-Staudamm bricht, Zürich wird überschwemmt

Die Wassermassen des Sihlsees bei Einsiedeln würden 40 Kilometer weit ins das Sihltal ergiessen, mit einer Geschwindigkeit von fünf Metern pro Sekunde im Flussbett und eineinhalb Metern pro Sekunde ausserhalb des Flussbettes. Nach einer Stunde und 25 Minuten würde die Flut Zürich südlichstes Quartier Leimbach erreichen, nach einer Stunde und 50 Minuten hätten sie den Hauptbahnhof und die Bahnhofstrasse acht Meter unter Wasser gesetzt, was einer Höhe von fast drei Stockwerken entspricht (siehe Karten). Weil in diesem Teil Zürichs die Fundamente schwach sind, würden der Wasserdruck sowie anschwemmende Trümmer Gebäude zum Einsturz bringen. Die Überflutung Zürichs würde vier bis fünf Stunden andauern.

Ein kleines Problem gibt es: Die Stadt Zürich hat keinen präzisen Evakuationsplan, die Menschen müssten sich selber helfen. Allerdings haben die Personen in den gefährdeten Gebieten in Zürich-Süd einen Plan erhalten, der ihnen zeigt, ob sie auf den Zürich- oder den Uetliberg fliehen müssten.

«Zurzeit werden durch ein spezialisiertes Ingenieurbüro neue Berechnungen für das Katastrophenszenario vorgenommen», sagt Dominik Bonderer von der Kantonalen Baudirektion gegenüber 20 Minuten Online.

Szenario 2: Der Damm des Lago di Lei bricht, Chur ist unter Wasser

Der imposante Stausee im Valle di Lei liegt zum grossen Teil auf italienischem Gebiet, wird aber in die Schweiz entwässert. 197 Millionen Kubikmeter sind dort gestaut. Wenn die 138 Meter hohe und über 600 Meter breite Staumauer brechen würde, würde die Flutwelle nach 3 Minuten das Dorf Innerferrera erreichen, nach 19 Minuten Thusis, und nach einer Stunde und 12 Minuten würde sie über Chur hineinbrechen. In Thusis und auch in Ems würde das gesamte Wohngebiet (Blochers Imperium inklusive) unter Wasser stehen, in Chur würde der Rhein schnell anschwellen und das westliche Stadtgebiet überfluten, erst die Bahngleise im Osten würden das Wasser stoppen.

Chur ist aber auch anderweitig in Gefahr: Bräche einer der Surselva-Staudämme, würden die nassen Massen nach drei Minuten über Vals hineinbrechen, nach 18 Minuten über Ilanz, nach anderthalb Stunden würden sie Chur teilweise überschwemmen.

Abgesehen davon, dass an die gefährdeten Gemeinden Pläne mit Fluchtwegen ausgegeben wurden, gibt es im Kanton Graubünden keine Pläne für eine Evakuation. Hans Gasser, Chef des Amtes für Militär und Zivilschutz, sagt gegenüber 20 Minuten Online, dass sich so ein Szenario gar nicht planen lasse. Die Karten des Katastrophenszenarios Valle die Lei sind gemäss Gasser vertraulich und werden nicht veröffentlicht.

Szenario 3: Die Grande-Dixance bricht, Sion wird überflutet

Der grösste Staudamm der Schweiz, die Grande-Dixence, wurde 1961 nach elfjähriger Bauzeit in Betrieb genommen. Die Staumauer ist 285 Meter hoch und 700 Meter breit, 400 Millionen Kubikmeter Wasser drücken gegen die mit sechs Millionen Kubikmeter Beton gebaute Talsperre. Was bei einem Dammbruch genau passieren, muss unklar bleiben: «Wir geben gewisse Daten nicht heraus», sagt Claude-Alain Roch, beim Kanton Wallis zuständig für die Notfallszenarien: Man sage nichts über die Höhe und die Geschwindigkeit, die das Wasser haben würde.

Die lokale Bevölkerung sei im Besitz von Karten, auf denen Verhaltensregeln stünden und die zeigen würden, wohin man am besten fliehen würde. Roch sagt: «Viele Gemeinden haben diese Karten bekommen, auch Sion.» In der Tat würde die Flutwelle, nachdem sie sich rund 16 Kilometer durch ein Tal gekämpft hätte, Sion überschwemmen und sich dann über weitere Ortschaften im Rhonetal ergiessen – bis hinunter nach Martigny.

Roch begründet die Vertraulichkeit der Daten auch damit, dass man nicht unnötig Angst verbreiten wolle. «Wenn man in einer Gemeinde nahe der Grande-Dixence lebt, ist es etwa so, als ob man neben einem Atomkraftwerk leben würde», sagt Roch, vielen Leute sei es mulmig zumute. Aus einem Leitfaden des Walliser Zivilschutzes geht hervor, was die Menschen im Falle eines Dammbruches packen müssten: Bargeld, ID, Wasser in Flaschen, Ersatzkleider, Wanderschuhe, Taschenradio und –lampe.

Szenario 4: Der Grimsel-Stausee bricht

Die 95 Millionen Kubikmeter Wasser des Grimselsees würden sich vor allem über die beiden Ortschaften Guttannen und Innertkirchen ergiessen. «Danach bremst ein Berg den Fluss des Wassers», sagt Josef Erni, Chef der Katastrophenorganisation im Berner Bödeli, die Wassermassen würden Interlaken und Meiringen nur noch schwach in Mitleidenschaft ziehen. Dann würde das Wasser in den Brienzersee fliessen. Aber: «Durch die Stauwirkung des Berges würde der Wasserpegel bei Innertkirchen hoch werden», so Erni. Mit andern Worten: Künftig könnten nur noch Taucher das Dorf besuchen.

Szenario 5: Der Verzasca-Stausee bricht

Würde die Mauer des Verzasca-Stausees einstürzen, von der Pierce Brosnan aka James Bond eingangs von «Golden Eye» sprang, würde die ganz grosse Katastrophe wohl ebenfalls ausbleiben. Die Wassermassen würden erst durch ein unbewohntes Tal schiessen, dann auf breiter Fläche an Kraft verlieren, wohl ein paar kleine Dörfer überschwemmen und die Nachwuchshoffnungen, die im nationalen Jugendsportzentrum am Seeufer joggen, mehr oder weniger unbeschadet in den Lago Maggiore spülen.

Nur keine Panik

Bleibt noch die Frage, wie es denn zu einem plötzlichen Bruch kommen könnte. Staudämme sind massive Bauwerke, die nicht einfach einstürzen. «Physikalisch ist es kaum möglich, dass ein Staudamm auf einen Schlag zusammenbricht», sagt George Darbre, Leiter der Sektion Talsperren im Bundesamt für Energie und damit der oberste Stausee-Beamte im Lande,

Ein Terrorakt wäre theoretisch denkbar, praktisch aber kaum durchführbar. Die wichtigen Staudämme werden durch Wärter überwacht, und um die massiven Mauern sprengen zu können, müssten ganze Terrorbrigaden Tonnen von Sprengmaterial heranschaffen und anbringen. Trotzdem ist das der Grund, wieso der Bund die Karten mit den Katastrophenszenarien nicht veröffentlicht, wie George Darbre erklärt.

Dass die Bauwerke von selbst, durch Materialversagen oder Baufälligkeit, einstürzen könnten, ist gemäss den Verantwortlichen ebenfalls fast nicht möglich. Die Mauern werden ständig überprüft, bei geringsten Anzeichen würde der Wasserspiegel gesenkt oder die Bevölkerung frühzeitig evakuiert. Fachleute kontrollieren regelmässig die Staumauern und ihre Kontrollschächte sowie das benachbarte Gebirge, um etwaige Veränderungen festzustellen. Messinstrumente rund um die Staumauern registrieren Veränderungen im Wasser, in der Luft und im Boden in Echtzeit. Die Gefahr eines Bruchs sei deshalb eher theoretischer Natur, so der Tenor der Verantwortlichen.

Kleine Stauseen sind gefährlicher

Realer sind Gefahren wenn schon bei den kleinen Bauwerken. Wie an einer Fachtagung 2008 bekannt wurde, haben die Schweizer Behörden nicht wirklich den Überblick über die mehr als 1000 Staudämme im Land. Für zwei Drittel dieser Anlagen gebe es keine Überwachungsreglemente, schrieb der «Sonntag», viele Bauten seien sanierungsbedürftig.

Heinz Joos, Sekretär der Schweizer Talsperrenkommitees, sagt zu 20 Minuten Online: «Es gibt viele kleine Stauseen, die ein Risiko darstellen.» Besonders in der Nordostschweiz seien im Zuge der Industrialisierungen viele kleine und mittlere Stauseen entstanden, die schlecht unterhalten wurden. «Heute meint die lokale Bevölkerung, das seien natürliche Seen, weil Bäume oder anderes Gewächs über die Mauern gewachsen sind. Diese Dämme könnten gemäss Joos weiterhin einbrechen.

Dasselbe gelte für die neuste Mode: Stauseen mit Wasser für die Schneekanonen. «Diese Seen werden von privaten Unternehmen, teilweise ohne Erlaubnis und meist ohne Kenntnis der Behörden gebaut – die sie so nicht kontrollieren können», so Joos. Das sei teilweise gefährlich. George Darbre sagt: «Es stimmt aber nicht, dass solche kleinen Stauseen grosse Risiken bergen. Jeder Damm, der potenziell Menschenleben gefährden könnte, wird schon heute überwacht.»

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