Auf dem Holzweg: Wenn die Ambulanz nach dem Weg fragen muss
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Auf dem HolzwegWenn die Ambulanz nach dem Weg fragen muss

Wyssachen hat keine Strassennamen. Für die Rettungsdienste eine besondere Herausforderung: Sie klingeln schon mal an einer wildfremden Türe, um nach dem Einsatzort zu fragen.

von
meg

Die Gemeinde Wyssachen liegt im südlichsten Teil des Oberaargaus an der Grenze zum Emmental. Ein Ort am Fusse des Napfs mit 1200 Einwohnern, verteilt über 11.69 km2 und einer Buslinie, die um 2 Minuten vor 19 Uhr zum letzten Mal losfährt (Mo-Fr). Es ist ein Ort, an dem sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen könnten.

Für die Mitarbeiter von Elmar Rollwage, dem Rettungsdienstleiter bei der Spital Region Oberaargau (SRO) AG, ist die kleine Gemeinde eine spezielle Herausforderung. Denn Wyssachen hat keine richtigen Strassennamen und auch nicht alle Häuser haben Nummern. Die Weiler heissen Sager, Dürrenbühl oder Schweinbrunnen. Die Adressen setzen sich meist aus Flur- oder Hofbezeichnungen zusammen – was sich mitunter fast schon poetisch anhört: Messerihüsli, Käppihof oder schlicht Sünneli. Wer hier an eine Adresse will, etwa mit der Ambulanz, muss mitunter ziemlich suchen.

Im besten Fall mit der Landkarte unterwegs

«Es gab hin und wieder Probleme, einen Einsatzort zu finden», sagt Elmar Rollwage und ergänzt: «Wir versuchen, aus den uns bekannten Informationen so schnell wie möglich den Ort zu finden.» Oft können die Mitarbeiter vorgängig den genauen Standort über Telsearch eruieren und düsen dann mit der Landkarte los.

Doch nicht alle Einsatzorte lassen sich so herausfinden. Dann müssen andere Tricks her. «In der Nacht schauen wir auch schon mal, in welchem Haus das Licht brennt», sagt Rollwage. Wenn in einem Weiler mit sechs Häusern nur aus einem Haus Licht dringt, ist der Fall relativ klar. «Wir haben aber auch schon Anrufer gebeten, vor die Türe zu stehen und sich bemerkbar zu machen», so der Einsatzleiter weiter. Etwa durch Lichthupen. Doch man musste auch schon zu dem Mittel greifen, das Rollwage möglichst vermeiden will. «Wir klingelten bei irgendeinem Haus und fragten, wo denn der Hunziker Willi wohnt.»

«Hubers-Haus: Nummer 33-36»

Das Problem hat mittlerweile auch die Gemeinde erkannt. Nicht nur die Rettungsambulanz, auch Polizei und Feuerwehren hätten «vermehrt Mühe», die Adressen zu finden, meldete die «Berner Zeitung». Gemeindepräsident Ulrich Steffen sagt gegenüber 20 Minuten Online: «Der Gemeinderat hat nun eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die sich um die Neubeschilderung unserer Strassen kümmert. Dabei werden auch die bestehenden Häusernamen berücksichtigt.» Ein Weiler mit drei Häusern könnte dann etwa heissen: Hubers-Haus: Nummer 33-36. Wie viele Strassen betroffen sind, wie viel das kostet und wie man die Bevölkerung in die Strassennamen-Suche einbezieht, wird in der Arbeitsgruppe erarbeitet. Steffen sagt: «Die heutige Situation entspricht nicht mehr den aktuellen Anforderungen.»

Wyssachen zieht damit mit der Nachbargemeinde Eriswil gleich. Dort hat man kürzlich den Strassen Namen gegeben. Andernorts aber regt sich Widerstand. In der Appenzeller Gemeinde Bühler etwa kämpfen die Anwohner gegen die Einführungen konkreter Adressen. Nachdem im Oktober 2009 die Gemeinde über das Projekt informierte und mit einem Fachmann der Post die Adressen erarbeitete, hagelte es Proteste, schreibt die SDA. Die Flurnamen seien ein Stück Appenzeller Kultur, in denen sich historische und sprachliche Entwicklungen widerspiegeln. Die Gemeinde muss nun erneut über die Bücher.

Wyssachen ist kein Einzelfall

Ulrich Steffen rechnet in Wyssachen nicht mit Widerstand. «Bisher gab es keine negativen Rückmeldungen», sagt der Gemeindepräsident. Elmar Rollwage begrüsst die geplante Reform. Den Anfahrtsweg werde dies in einigen Fällen verkürzen. Allerdings ist Wyssachen nicht die letzte Gemeinde ohne Strassennamen. In den 115 Gemeinden, die Rollwage und sein Team abdeckt, gebe es noch einige Lücken. Wie viele, das müsste er erst erarbeiten. Rollwage sagt: «Vielleicht müssen wir jetzt aktiver werden und an die jeweiligen Gemeindepräsidenten gelangen, um das Bezeichnungsproblem zu lösen.» Denn ehe die Strassennamen auch auf der GPS-Karte angezeigt werden, vergehen rund zwei Jahre.

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