Aktualisiert 30.06.2011 09:22

Nach dem Vulkanausbruch

«Wenn die Asche fällt, ist es unerträglich»

Asche, Staub und Dreck: Seit fast einem Monat ist das Leben in Patagonien eine wahre Herausforderung. Eine Bewohnerin erzählt, wie schwierig sich der Alltag gestaltet.

von
Karin Leuthold

In Bariloche und Villa La Angostura, im Süden Argentiniens, geht das Aschegestöber weiter. Seit über drei Wochen stösst der chilenische Vulkan Puyehue täglich Asche aus. Nun hat Bariloches Bürgermeister, Marcelo Cascón, den sozialen und wirtschaftlichen Notstand für seine Stadt ausgerufen. Obwohl am Sonntag die zweite koordinierte Putzaktion stattfand, ist die Region, die im Winter vor allem vom Tourismus profitiert, immer noch mit einer dicken Staubschicht bedeckt.

Für die Menschen, die dort wohnen, gestaltet sich der Alltag schwierig. Rocio Leuthold, Enkelin eines Schweizer Einwanderers, wohnt im Skiort Bariloche selber. Mit 20 Minuten Online sprach sie über die Schwierigkeiten, die den Leuten das Aschegestöber bereitet.

Wie waren diese letzten drei Wochen für Sie?

Rocio Leuthold: Ein wahres Desaster! Das geht schon fast einen Monat so und wir wissen nicht, wann das aufhört. Das Leben ist ein Chaos.

Fällt immer noch Asche?

Ja! Täglich. Manchmal ist es mehr, manchmal weniger. Aber wenn wirklich viel davon fällt, dann kann man nicht auf die Strasse.

Wie muss man sich die Asche vorstellen? Eher wie Zigarettenasche oder wie Sand?

Es ist unterschiedlich. Es gibt zwei Sorten: An einigen Tagen fühlt es sich eher wie Sand an. Die Asche wirkt zwar feucht, wenn sie fällt, am Boden sieht sie dann aber auch wie echter Sand aus. Und manchmal ist es eine ganz feine Asche, die eine weisse, dünne Schicht bildet.

Wie ist es, wenn es regnet?

Noch mühsamer als sonst. Mit den Autoscheiben wird es richtig schlimm. Die Asche verwandelt sich in eine Art Schlamm. Man kriegt das Zeug kaum weg und kann natürlich so nicht fahren. Es ist zum Teil auch gefährlich, weil sich das Gewicht der Asche mit dem Wasser verdoppelt. In einigen Häusern sind sogar schon Decken eingestürzt. Einige Schulen sind deshalb bis heute geschlossen.

Riecht es auch komisch?

Nein, das nicht. Man riecht gar nichts.

Wie sieht es bei Ihnen zuhause aus?

Es ist alles dreckig! Wir sind konstant am Putzen und Wischen. Jedes Mal, wenn man von der Strasse hineinkommt, hat man kiloweise Staub an den Sohlen kleben. Und wenn man an der Bushaltestelle wartet, darf man sich ja nicht an den Pfosten lehnen. Danach sind die Kleider völlig verdreckt.

Die Asche bleibt wahrscheinlich auch überall kleben.

Eine ganz eklige Sache! Die Asche wegzuräumen, ist sehr anstrengend. Zum Glück gehen jetzt arbeitslose Männer aus der Region spontan durch die Häuser und helfen für ein paar Pesos den Dreck wegzuschaffen. Ich ging am Samstag aufs Dach, um die Ablaufrinnen zu putzen. Die Asche war gefroren. Ich konnte einfach die Blöcke hinunterwerfen. Das war recht seltsam.

Hat das auch Folgen für die Gesundheit?

Wenn die Asche fällt, ist es unerträglich. Es kratzt im Hals und in der Nase. Sogar die Augen sind gereizt. Gestern musste ich mit Schneebrillen raus, weil es so schlimm war.

Strom und Telefon funktionieren normal?

Ja, nur in den ersten Tagen wurde der Strom abgestellt. Die Telefonleitungen haben immer funktioniert. Das grösste Problem ist aber das Wasser. Die Behörden warnen vor dem Konsum von Hahnenwasser, weil sie nicht wissen, ob Asche in die Leitungen eingedrungen ist. Man weiss nicht, wie schädlich dies für die Gesundheit sein kann.

Wie steht es um den Flughafen und die Zugangsstrassen?

Der Flughafen ist seit Ausbruch des Vulkans geschlossen. Es heisst, dass er am Freitag wieder aufgeht, aber das glaube ich kaum. Es wird keiner riskieren, dass Asche in die Turbinen gerät und es einen Absturz gibt. Die schlimmsten Pessimisten im Dorf meinen sogar, dass der Flughafen über mehrere Monate geschlossen bleiben wird. Die lokalen Busse haben hingegen immer funktioniert, wenn auch manchmal mit grösseren Zeitabständen. Wenn viel Asche fällt, kann man nicht fahren. Man sieht überhaupt nichts!

Sind die Leute in Panik geraten?

Viele waren schon nach den ersten Tagen weg. Entweder gingen sie zu Verwandten nach Neuquen oder nach Buenos Aires. Andere rannten in den Supermarkt und kauften Wasser in Riesenmengen ein.

Was machen Sie jetzt ohne Touristen?

Es wird ein harter Winter für uns. Der Bürgermeister hat inzwischen den Notstand erklärt und die Regierung hat uns bereits Subventionen und Steuerbegünstigungen zugesprochen. Wir verpassen die ganze Schneesaison. Im Normalfall müssten jetzt bis zu 5000 Brasilianer pro Tag anreisen.

Geht es den anderen Skiorten auch so?

In Villa La Angostura sieht es noch schlimmer aus. Dort sterben die Tiere, weil sie nichts zu fressen finden. Die Leute konnten teilweise gar nicht aus ihren Häusern. Ich war selber nicht dort, habe aber schreckliche Bilder gesehen. Die brauchen im Moment alles: Nahrungsmittel, Decken, Handschuhe und Schaufeln.

Können Sie trotz Asche den Winter geniessen?

Kaum. Ich war heute auf dem Berg, es liegt schon Schnee. Aber unter der feinen Schneeschicht ist Asche und das würde mein Board komplett verkratzen. Das heisst, fahren kann man auch nicht.

Kann man der ganzen Sache auch etwas Gutes abgewinnen?

In der Tat. Unser Strand am See Nahuel Huapi besteht aus Steinen. Jetzt, mit der Asche, haben wir bald einen Sandstrand. Das ist super!

Anm. der Red.: Rocio Leuthold ist mit der Redaktorin nicht verwandt.

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