8 Fragen, 8 Antworten: Wenn die dritte Welle kommt – wie heftig wird es für uns?
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8 Fragen, 8 AntwortenWenn die dritte Welle kommt – wie heftig wird es für uns?

Mehr Kontakte, mehr Mutanten, aber auch mehr Geimpfte: Eine dritte Corona-Welle kündigt sich an. Droht uns eine Situation wie im letzten Jahr?

von
Fee Anabelle Riebeling
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Die dritte Welle rollt an. Drohen uns in den kommenden Wochen Szenarien wie während der ersten und zweiten Welle? 

Die dritte Welle rollt an. Drohen uns in den kommenden Wochen Szenarien wie während der ersten und zweiten Welle?

Robert Michael/dpa-Zentralbild/d
Eindeutig vorhersagen lässt sich das nicht. Laut Bundesamt für Gesundheit BAG ist die aktuelle Situation aber zumindest «unsicher»: Die Zahlen stagnieren oder steigen leicht.  Zudem liegt der R-Wert seit Tagen in den meisten Kantonen über 1, was bedeutet, dass eine infizierte Person im Schnitt mehr als eine weitere ansteckt.  

Eindeutig vorhersagen lässt sich das nicht. Laut Bundesamt für Gesundheit BAG ist die aktuelle Situation aber zumindest «unsicher»: Die Zahlen stagnieren oder steigen leicht. Zudem liegt der R-Wert seit Tagen in den meisten Kantonen über 1, was bedeutet, dass eine infizierte Person im Schnitt mehr als eine weitere ansteckt.

BAG
Als Haupttreiber gilt die britische Virusvariante B.1.1.7. Sie gilt als deutlich ansteckender – und ist zudem auch tödlicher. 

Als Haupttreiber gilt die britische Virusvariante B.1.1.7. Sie gilt als deutlich ansteckender – und ist zudem auch tödlicher.

AFP/Paul Ellis

Darum gehts

  • Das Coronavirus breitet sich aus und die Angst vor der dritten Welle wächst.

  • Den Weg ebnen ihr Mutanten, Pandemiemüdigkeit und Öffnungen.

  • Trotzdem gibt es Grund zur Hoffnung.

Sind wir in einer dritten Welle?

Die epidemiologische Lage gilt zumindest als «unsicher», so Virginie Masserey, Leiterin Sektion Infektionskontrolle beim BAG, am 9. März 2021. «Die aktuellen Zahlen sind stagnierend oder leicht steigend.» Zudem liegt der R-Wert seit Tagen in den meisten Kantonen über 1, was bedeutet, dass eine infizierte Person im Schnitt mehr als eine weitere ansteckt, was wiederum bedeutet: Das Virus breitet sich verstärkt aus. Nur in vier Kantonen lag der R-Wert noch unter 1.

Was hat dazu geführt?

Die Entwicklung ist auf mehrere Faktoren zurückzuführen. Die grössten Treiber sind aber wohl die «variants of concern» (VOC), die als besorgniserregend geltenden Sars-CoV-2-Mutanten. Sie machen laut Masserey mittlerweile über 70 Prozent aller neuen Covid-Fälle aus. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der britischen Variante B.1.1.7, die ansteckender und tödlicher ist als frühere Varianten. Erstmals Ende Dezember in der Schweiz nachgewiesen, gehen mittlerweile mindestens 4485 Infektionen (Stand 11. März 2021) auf B.1.1.7 zurück. Eine noch nicht von externen Fachleuten begutachtete Studie von Forschenden der Harvard University weist darauf hin, dass Infektionen mit dieser Mutante länger dauern könnten, was – sollte sich das bestätigen – eine längere Quarantäne und Isolation nötig machen würde. Unklar ist weiter, ob die Betroffenen auch länger infektiös sind, wie Sandra Ciesek, Virologin am Uniklinkum Frankfurt am Main, im «Coronavirus-Update» des NDR sagt.

Den Varianten aus Südafrika (B.1.351) und Brasilien (P.1) wird ebenfalls eine höhere Infektiosität nachgesagt, zudem sollen sie auch der menschlichen Immunantwort besser entkommen können. Allerdings wurden sie in der Schweiz bislang «nur» 178 (B.1.351) beziehungsweise fünf Mal (P.1) nachgewiesen und dürften dementsprechend hierzulande noch nicht als Pandemietreiber fungieren.

Eine weitere Rolle spielt indes die zunehmende Corona-Müdigkeit in der Bevölkerung. Manche setzen die Vorgaben deshalb nicht wie verlangt um, warnte die Weltgesundheitsorganisation WHO bereits vergangenen Herbst. Das Schleifenlassen der AHA-L-Regeln (siehe Box) könnte ebenfalls zu einer dritten Welle führen. Denn diese sind insbesondere im Hinblick auf die erwiesene höhere Infektiosität der Mutanten jetzt noch wichtiger als im vergangenen Jahr. Entsprechend bergen auch die schrittweisen Öffnungen eine Gefahr: «Wir gehen mit den Lockerungen ein gewisses Risiko ein», sagte Alain Berset in einer Medienkonferenz Ende Februar 2020. Deutlicher drückte sich da Viola Priesemann, Physikerin am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen, gegenüber Zdf.de aus: «Jede Lockerung führt auf jeden Fall zu irgendwelchen Anstiegen von Fallzahlen.»

Was heisst AHA-L?

Die AHA-L-Regel bezeichnet – vor allem in Deutschland – die zur Eindämmung der Corona-Pandemie empfohlene Kombination der Vorsorge-Massnahmen. Mitunter wird die Regel noch um ein C ergänzt. Dafür stehen die Buchstaben:

A – Abstandsregeln einhalten

H – Hygieneregeln beachten

A – (Alltags)Maske tragen

L – Regelmässig und richtig lüften

C – Corona-Warn-App nutzen

Hätte man die dritte Welle mit mehr Impfstoff abwenden können?

Wahrscheinlich. Das zeigt der Blick nach Israel, das bereits kurz vor Weihnachten mit dem Impfen begonnen hat. Von den rund 9,3 Millionen Einwohnern des Landes haben bislang knapp 5,1 Millionen Personen eine Erst- und davon knapp vier Millionen auch eine Zweitimpfung erhalten, heisst es von Seiten des Gesundheitsministeriums. Darunter auch viele Jüngere und sogar Jugendliche. Das schlägt sich auch in den Zahlen wieder: Machten gerade noch Meldungen von einer drohenden nächsten Welle die Runde, meldet die Behörde nun erstmals seit Dezember 2020 eine Infektionsrate von unter drei Prozent, was 2802 neuen Fällen entspricht. Vergangene Woche waren es noch 4666 positiv Getestete.

Zudem zeigte eine Studie mit 600’000 bereits geimpften Personen, dass von denen, die sich trotzdem infizierten, 94 Prozent weniger symptomatische Infektionen und 92 Prozent weniger schwere Verläufe erlitten.

Trotzdem sind die Menschen im Land aufgefordert, sich weiterhin an die Massnahmen zu halten. «Man müsse vorsichtig bleiben, zitiert Ynetnews.com Arzt Nachman Ash, der die Bekämpfung der Pandemie koordiniert.

Wird die dritte Welle so heftig wie die zweite?

Das lässt sich nicht eindeutig vorhersagen: So hatten wir es im Herbst und Winter noch nicht mit den Virus-Mutanten zu tun. Hinzu kommt die Pandemie-Müdigkeit der Menschen. Doch es gibt auch Aspekte, welche die Situation positiv beeinflussen. So ist mittlerweile die Impfkampagne angelaufen, zudem können sich die Menschen aufgrund der wärmeren Temperaturen wieder mehr draussen aufhalten, wo das Infektionsrisiko deutlich geringer ist als in Innenräumen. Zudem ist ein massiver Ausbau von Covid-19-Tests auch für Symptomlose geplant. Desweiteren beginne nun eine grosse Massentest-Kampagne. Auch sollen kostenlose Selbsttests zur Verfügung gestellt werden.

Welche Unterschiede sind sonst noch zu erwarten?

Zwar hat sich die Vermutung, die britische Mutante sei besonders für Kinder und Jugendliche ansteckend, nicht bestätigt. Trotzdem dürfte eine dritte Welle vor allem Jüngere treffen, so Physikerin Priesemann. Der Grund: Derzeit werden vor allem aufgrund ihres Alters oder Vorerkrankungen besonders gefährdete Personen geimpft – und das mit Erfolg, wie der «Tages-Anzeiger» schreibt: So geht bei den über 80-Jährigen die Zahl der Infektionen, Spitaleintritte und Todesfälle deutlich stärker zurück als in allen anderen Altersgruppen. Das heisst: Die nächste Welle dürfte vor allem die noch nicht Geimpften und damit die Jüngeren treffen. «Die Intensivstationen werden dann leider auch mit ihnen gefüllt werden.» Denn auch sie sind nicht vor einem schweren Verlauf gefeit. Und selbst wenn sie mild oder gar asymptomatisch erkranken, könnte das Long-Covid – Spät- und Langzeitfolgen – nach sich ziehen.

Welche Corona-Massnahmen können jetzt helfen?

Neben dem schnellen Impfen sei vor allem die gewissenhafte Verwaltung des eigenen «Kontaktbudgets» wichtig, erklärt Hajo Zeeb, Epidemiologe am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen gegenüber Zdf.de: Trotz Lockerungen «geht es in der Summe darum, dass unser ‹Kontaktbudget› nicht durch die Decke schiesst.» Denn auch wer meint, kerngesund zu sein, kann hochgradig ansteckend sein, wie eine US-Studie zeigt. Laut dieser geht ein Grossteil der Corona-Ansteckungen von Symptomlosen aus.

Sogar einen Weg aus der Pandemie versprechen die Initiativen No- und Zero-Covid – zumindest aus Sicht der Initianten. Die haben vor, die Inzidenzen so weit wie möglich gen null zu drücken, um das Virus unter Kontrolle zu behalten. Das halten einige Experten zwar für unrealistisch, dabei soll aus Sicht von David Schrittesser, Mitglied des Zero-Covid-Presseteams, selbst eine etwas radikalere Idee umsetzbar sein, wie er im Instagram-Live mit dem Dortmunder Medizinjournalisten Marc Raschke erzählte: «Zero-Covid bedeutet nicht, dass wir überall die Pandemie gleichzeitig beenden, indem wir durch einen gigantischen totalitären Lockdown auf null Fälle kommen.» Vielmehr wolle man es so wie bei Feuer machen: «Das heisst nicht, dass es nirgendwo mehr brennt. Aber wenn es brennt, dann löscht man es, bis die Flammen aus sind.»

Ist bei einer beginnenden dritten Welle die Öffnung der Restaurant-Terrassen realistisch?

Das hängt von der Entwicklung der Zahlen ab. Am heutigen Freitag, 12. März, wird der Bundesrat über den Stand der Dinge informieren und diese Frage allenfalls beantworten.

Auf welche Massnahmen setzen unsere Nachbarn?

Die Zahl der Neuinfektionen steigt erneut an: Besonders deutlich ist der Anstieg in Mittel- und Osteuropa, aber auch Deutschland meldet bereits: «Wir haben ganz klare Anzeichen dafür: Die dritte Welle hat schon begonnen». Wie die Lage bei unseren Nachbarn ist und wer auf welche Massnahmen setzt, findest hier.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Tel. 147

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