Drogenkrieg in Mexiko: Wenn die Frauen zu den Waffen greifen
Aktualisiert

Drogenkrieg in MexikoWenn die Frauen zu den Waffen greifen

Im mexikanischen Xaltianguis haben sich über 100 Frauen bewaffnet, um ihre Familien vor der Gewalt der Drogenkartelle zu schützen. Für die Regierung ist das mehr Problem als Segen.

von
kle

In den letzten vier Tagen haben sich über 100 Frauen der Bürgerwehr «Unión de Pueblos Organizados del Estado de Guerrero» (Vereinigung der organisierten Völker des Bundestaates Guerrero) angeschlossen. Miguel Ángel Jiménez, Polizeichef der Stadt Xaltianguis im Süden des Landes, bestätigte gegenüber der Zeitung «Prensa Libre», dass «sich neun Gruppen mit je zwölf Frauen gebildet haben», die tagsüber in der Gemeinde patrouillieren.

Die Frauen seien für die Aufgabe vorbereitet, versicherte Polizeichef Jiménez: «Sie haben gelernt, mit den Waffen umzugehen, mit denen ihre Männer nachts auf Streife gehen.» Vor allem Mütter seien fest entschlossen, Sicherheit in ihre Nachbarschaften zu bringen.

«Wir Frauen sind tapfer und fähig, unser Dorf zu beschützen», sagt die zweifache Mutter Silvia Hipolito. Unter ihren Kolleginnen hätten sie sich die Arbeitszeiten so aufgeteilt, «dass unsere Hausarbeit nicht darunter leidet».

Polizisten in der Falle

In Mexiko ist die Bildung von Bürgerwehren nicht neu. Für die Regierung ist der Trend jedoch mehr ein Problem als ein Segen. Denn immer häufiger greifen Zivilisten zu den Waffen und übernehmen die Kontrolle über ihre Dörfer. Dabei kommt es öfter zu Konfrontationen mit Sicherheitskräften.

Der jüngste und bisher schwerste Vorfall vom vergangenen Wochenende dient als Beispiel für ein ausser Kontrolle geratenes System: Die Bundespolizei versuchte in der Ortschaft Aquila im Westen Mexikos 45 Anhänger der Bürgerwehr festzunehmen, denen Entführung, Raub und unerlaubter Waffenbesitz vorgeworfen wurden. Bald aber sass die Patrouille von 30 Mann selbst in der Falle, weil aufgebrachte Dorfbewohner, darunter Frauen und Kinder, sie eingekreist hatten. Die Polizisten sollten als Faustpfand dienen.

Immer mehr Vorfälle

«Unsere einzige Hoffnung war, so über die Freilassung der Festgenommenen verhandeln zu können», sagte der Sprecher der vor allem von Indios bewohnten Ortschaft, Octavio Villanueva, vergangene Woche dem Radiosender MVS. Aus dem Tauschhandel wurde jedoch nichts. Bundespolizisten befreiten ihre Kameraden.

Die Sicherheitsbehörden sind beunruhigt. In den vergangenen Monaten sind Soldaten immer wieder in ähnliche Situationen geraten. Anfang August kesselten Dorfbewohner und selbst ernannte Gemeindepolizisten in der Ortschaft El Pericón im Bundesstaat Guerrero rund 60 Soldaten ein. Sie forderten die Streitkräfte auf, ihre Patrouillen einzustellen. Ende Mai hielt die Bürgerwehr der Ortschaft Buenavista Tomatlán in Michoacán eine Militärpatrouille mehrere Stunden in der Polizeiwache fest.

«Das hat mit Gemeindepolizei nichts mehr zu tun»

Bürgerwehren oder «Policías comunitarias» (Gemeinschafts- oder Gemeinde-Polizei), wie sie sich selbst nennen, blicken gerade in den von indigenen Volksgruppen geprägten Bundesstaaten im Südwesten des Landes auf eine lange Tradition zurück. Seit Anfang des Jahres hat das Phänomen allerdings eine neue Qualität. Wo früher respektierte Dorfbewohner höchstens mit der Flinte die Regeln der Gemeinde durchsetzten, kontrollieren heute vermummte Männer mit modernen Sturmgewehren die Zufahrt zu den Ortschaften.

Die Regierung vermutet, dass die Gruppen mittlerweile ihre eigenen Ziele verfolgen oder sogar mit dem organisierten Verbrechen kooperieren. «Das hat mit Gemeinde-Polizei nichts mehr zu tun», sagte der kommissarische Gouverneur von Michoacán, Jesús Reyna, nach der Kraftprobe in Aquila. Offenbar hätten die Dorfbewohner dort im Streit um Bergbautantiemen zu den Waffen gegriffen.

«Polizisten und Kartellmitglieder frühstücken zusammen»

In anderen Teilen des Bundesstaats dürfte das harte Regiment der «Caballeros Templarios» (Tempelritter) zum Aufblühen der Bürgerwehren geführt haben. Seit Jahren müssen die Bewohner der Tierra Caliente eine Art Steuer auf jede Art von wirtschaftlicher Aktivität zahlen. Nach einer abermaligen Erhöhung der Abgaben war das Mass Anfang des Jahres voll. «Am Ende mussten wir dafür zahlen, leben zu dürfen», sagt der Sprecher der Selbstverteidigungskräfte von Tepalcatepec, José Manuel Mireles Valverde, in einem im Internet veröffentlichten Video.

Die staatlichen Sicherheitskräfte würden ihnen nicht helfen. «Die Polizisten und die Kartellmitglieder frühstücken manchmal zusammen.» Also habe man das Recht in die eigene Hand genommen. «Wir verteidigen unsere Dörfer», sagte im vergangenen Monat der Chef der Bürgerwehr in der benachbarten Ortschaft La Ruana, Hipólito Mora, der Nachrichtenagentur DPA.

Entwaffnung der Bürgerwehren

Einige Bürgerwehren wurden bereits entwaffnet, andere haben sich nach Abkommen mit der Regierung demobilisiert. Auch Moras Männer tragen seit dem Einmarsch der Streitkräfte in der Region zumindest ihre Sturmgewehre nicht mehr offen mit sich herum. Verdächtige melden sie nun den Sicherheitskräften.

«Eine Art Gemeindepolizei kann ein guter Weg beim Kampf gegen die Unsicherheit sein. Aber sie muss legal sein und mit der Regierung zusammenarbeiten», schreiben Experten des Forschungsinstituts International Crisis Group in einer Analyse. «Gruppen, die das Recht in die eigene Hand nehmen, sorgen nur für mehr Menschenrechtsverletzungen und Blutvergiessen.» (kle/sda)

Deine Meinung