07.07.2017 20:13

KonzessionenWenn die SOB übernimmt, verschwinden Sitzplätze

Ab Dezember 2020 soll die St. Galler SOB Fernverkehrs-Züge der SBB übernehmen. Die neuen Züge sind bequemer – aber WLAN fehlt weiterhin.

von
Stefan Ehrbar

Jeannine Pilloud, Chefin Personenverkehr bei der SBB, spricht über die neue Partnerschaft mit der SOB, Sitzplatzprobleme und die Konkurrenz zur Berner Bahn BLS.

In Zukunft will die St. Galler Bahngesellschaft SOB drei Fernverkehrslinien der SBB betreiben. Wenn es nach dem Willen der beiden Bahngesellschaften geht, fährt die SOB ab 2020 mit ihren Zügen die stündliche Interregio-Linie Bern-Burgdorf-Zürich-Ziegelbrücke-Chur, die zweistündliche Linie Basel-Luzern-Tessin über die alte Gotthard-Bergstrecke und die ebenfalls zweistündliche Verbindung über die alte Gotthard-Strecke ins Tessin von Zürich aus.

Zum Einsatz kommen sollen neue Züge des Thurgauer Bahnherstellers Stadler. Sie basieren auf den Flirt-Regionalzügen, sind aber für den Fernverkehr optimiert. Es werden bequemere Stühle eingebaut, die Sitzabstände sind grösser, in jedem Abteil gibt es Steckdosen, und zusätzlich stehen ein Verpflegungs- und ein Snackautomat zur Verfügung.

Über 100 Plätze weniger

Die neuen Züge werden von der SOB gekauft und von ihrem Personal gefahren. Die Zugbegleiter könnten allerdings von der SBB und der SOB gemeinsam gestellt werden. Auf gewissen Strecken, etwa auf der heutigen Regio-Express-Linie Zürich-Ziegelbrücke-Chur, lösen die neuen Züge Rollmaterial aus dem S-Bahn-Verkehr ab. Dass die SBB solche Züge auch im Fernverkehr einsetzte, sorgte immer wieder für Kritik.

Die neuen Züge haben aber auch Nachteile. In der Hauptverkehrszeit werden in Zukunft weniger Plätze zur Verfügung stehen. Heute werden etwa auf der Strecke Zürich-Ziegelbrücke-Chur bei grossem Andrang zwei sechsteilige Doppelstock-S-Bahn-Züge zusammengehängt, die 1070 Sitzplätze bieten. In Zukunft können maximal 920 Sitzplätze geboten werden, wie aus den technischen Daten der neuen SOB-Züge hervorgeht. Das sind 150 weniger.

«Adäquates Angebot»

Die Verantwortlichen betonen, dass es genug Platz geben werde. Niemand müsse stehen, sagt Jeannine Pilloud, Leiterin Personenverkehr der SBB, zu 20 Minuten (siehe Video). Aus der Statistik wisse die SBB, dass die Züge heute eher zu wenig ausgelastet seien. «Wir werden das Angebot adäquat gestalten können», sagt Pilloud.

Die SBB dürfte aber ganz froh sein, dass sie die Doppelstock-Züge mit hoher Kapazität wieder anderswo verplanen kann. Sie könne diese Züge nun auf anderen Interregio-Linien mit hohem Passagieraufkommen einsetzen, hiess es heute an einer Medienkonferenz.

Kein WLAN im Zug

Trotz der neuen Betreiberin wird es auch in Zukunft kein WLAN in den Zügen geben. Die SOB habe sich dagegen entschieden, sagt der SOB-Chef Thomas Küchler zu 20 Minuten. Stattdessen werde die SOB spezielle Fenster in die Züge einbauen, die das Mobilfunk-Signal besser in die Wägen liessen.

Zudem teste die SOB zurzeit spezielle Kabel entlang der Strecken, die als Mobilfunkantennen dienen und für ein besseres und stabileres Signal sorgen. Wenn der Test in der Region Brunnadern SG erfolgreich sei, werde er ausgeweitet, sagt Küchler. Schon heute werden in Tunnels Kabel gezogen, die das Mobilfunk-Signal leiten und als Antennenersatz dienen.

BLS geht leer aus

Vorläufige Verliererin der Zusammenarbeit ist die Berner Bahngesellschaft BLS. Sie hat in der Vergangenheit kommuniziert, dass sie ebenfalls Interesse an der Strecke Bern-Burgdorf-Zürich hat. Sollte der Bund die Konzession für die Strecke nun aber der neuen SBB-SOB-Partnerschaft übergeben, muss sich die BLS die gewinnversprechende Linie ans Bein streichen.

Ein BLS-Sprecher sagt, man sei weiterhin in «konstruktiven Verhandlungen» mit der SBB und strebe eine Lösung an, die es der BLS ermögliche, gewisse Fernverkehrslinien selbständig zu betreiben.

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