Häusliche Gewalt: Wenn die Teenager-Liebe gewalttätig wird
Aktualisiert

Häusliche GewaltWenn die Teenager-Liebe gewalttätig wird

Nicht nur bei erwachsenen Paaren, sondern auch zwischen Jugendlichen kommt es häufig zu Gewalt. Die Betroffenen leiden schwer darunter.

von
Lukas Mäder
Im Bereich Krisenintervention gebe es zu wenige Angebote wie das Mädchenhaus oder das Schlupfhuss, Sandra Fausch, Co-Leiterin der Bildungsstelle Häusliche Gewalt in Luzern. Archivaufnahme des Schlupfhuus in Zürich.

Im Bereich Krisenintervention gebe es zu wenige Angebote wie das Mädchenhaus oder das Schlupfhuss, Sandra Fausch, Co-Leiterin der Bildungsstelle Häusliche Gewalt in Luzern. Archivaufnahme des Schlupfhuus in Zürich.

Das Klischee von der romantischen Jugendliebe stimmt oft nicht. Jede vierte bis fünfte junge Frau wird Opfer von körperlicher Gewalt ihres Freundes, zeigen Zahlen aus den USA und aus Grossbritannien. Männliche Teenager sind bis zu 18 Prozent betroffen. Schweizer Teenager dürfen ähnlich häufig zu Opfern werden. «Diese Zahlen stimmen mit der Erfahrung aus meiner praktischen Arbeit im Mädchenhaus Zürich überein», sagt Sandra Fausch, Co-Leiterin der Bildungsstelle Häusliche Gewalt in Luzern. Zahlen für die Schweiz gibt es keine, aber Fausch schätzt: «Gewalt kommt bei jugendlichen Paaren ähnlich häufig vor wie häusliche Gewalt unter Erwachsenen.» Je nach Befragung sind zwischen 10 und 20 Prozent der Frauen bereits einmal Opfer von körperlicher Gewalt ihres Partners geworden. Von sexueller Gewalt sind rund 10 Prozent betroffen.

Doch körperliche und sexuelle Gewalt ist nur ein Aspekt bei jugendlichen Paaren. Viel häufiger kommt es zu psychischer Gewalt, wie Fausch sagt. In einer englischen Studie gaben drei Viertel aller Mädchen und die Hälfte aller Knaben an, davon schon betroffen gewesen zu sein. «Psychische Gewalt empfinden die Betroffenen als genauso einschneidend wie körperliche Gewalt», sagt Fausch. Oft kommt es zu einer Kontrolle des Partners, die als einfache Eifersucht beginnt. Diese würde laut Fausch häufig als Liebesbeweis missverstanden, könne aber fliessend übergehen in eine Kontrolle, wann und mit wem sich der Partner trifft. Ebenfalls speziell bei Jugendlichen verbreitet ist das Zurschaustellen im Internet oder via Handy. Ein Viertel aller jugendlichen Mädchen gaben laut einer amerikanischen Studie an, schon einmal explizite Bilder von sich gepostet oder verschickt zu haben. Gut die Hälfte davon habe das unter Druck getan.

Drogen und Selbstverletzung

Die Auswirkungen solcher Gewalt in Teenager-Beziehungen sind drastisch. Betroffene Jugendliche zeigen ein risikoreicheres und gesundheitsschädigerendes Verhalten. Dazu gehört ein vermehrter Drogen- und Alkohol-Konsum, wie Fausch auch aus ihrer praktischen Arbeit weiss. «Die Betroffenen wollen sich ablenken oder betäuben.» Vor allem Mädchen und junge Frauen haben häufiger Essstörungen oder fügen sich selbst Verletzungen zu. «So wollen sie den Schmerz betäuben, den die Gewalt auslöst», vermutet Fausch. Vielleicht sei es auch eine Möglichkeit, irgendwie die belastende Erfahrung zu verarbeiten.

Von diesen Vorgängen ahnen die Eltern oft nichts – genauso wenig wie von der Gewalt in den Beziehungen. Zwar gebe es einen Austausch, so dass die Eltern meist von der Beziehung ihres Kindes wissen, sagt Flausch. «Sie haben aber keine Ahnung, was genau in der Beziehung läuft, und sprechen nicht über schlechte Erfahrungen.» Grund dafür könnte laut Flausch sein, dass die Eltern sich gar nicht vorstellen können, dass es zu Gewalt kommen könnte in der Beziehung ihres Kindes.

Sensibilisierung auf mehreren Ebenen

Doch die Jugendlichen sind nicht unbedingt auf die Hilfe der Eltern angewiesen. «Erstaunlicherweise schaffen es Jugendliche einfacher als Erwachsene, selbst Hilfe zu holen beispielsweise bei einer Jugendberatung», sagt Fausch. Doch dazu braucht es neben einer Information der Jugendlichen auch das entsprechende Hilfsangebot – und hier besteht Nachholbedarf. Gerade im Bereich Krisenintervention gibt es zu wenig, sagt Fausch. Das Mädchenhaus oder das Schlupfhuus seien häufig ausgebucht. Dass das Angebot von Anlaufstellen knapp ist, glaubt auch Irene Huber Bohnet von der Fachstelle gegen Gewalt, die beim Gleichstellungsbüro des Bundes (EBG) angesiedelt ist. «Doch diese sind wichtig, da die Jugendlichen in einem Alter sind, in dem sie sich nicht mehr an die Eltern wenden.»

Da in der Schweiz nur wenig über Gewalt in Teenager-Beziehungen bekannt ist, sind die Fachkräfte auch nicht speziell sensibilisiert. Deshalb sei eine vermehrte Schulung der Beratungsstellen nötig, sagt Fausch. Parallel dazu müsse aber auch die Grundlagenforschung vorangetrieben werden. «Denn die Fachpersonen müssen wissen, was in Beziehungen zwischen Jugendlichen passiert, um sie unterstützen zu können.»

16 Tage gegen Gewalt an Frauen

Am 25. November startet die Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen», mit der über 50 Organisationen für das Thema sensibilisieren wollen. Obwohl es eine Vielzahl von Gesetzen gebe, würden Frauen immer noch von ihren Partnern geschlagen und diskriminiert, schreibt die Organisation cfd in einer Mitteilung. Die Kampagne findet dieses Jahr bereits zum dritten Mal statt und legt den Fokus auf das Thema Waffen und Gewalt gegen Frauen. Mit Dutzenden Veranstaltungen in der ganzen Schweiz wollen die Organisationen für verschiedene Gewaltformen sensibilisieren. (mdr)

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