Ölkatastrophe: «Wenn die uns dicht machen, sind wir geliefert»
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Ölkatastrophe«Wenn die uns dicht machen, sind wir geliefert»

An der US-Golfküste droht eine ökologische und wirtschaftliche Katastrophe. Die Ölpest gefährdet die Fischerei, den Tourismus und die Häfen.

von
Vicki Smith

Wenn Kenny LeFebvre keine Arbeit mehr hat, dann haben auch die zwei Männer keine, die ihm helfen, die Blaukrabben an Bord zu hieven. Ebenso seine Schwester und sein Schwager, die ihm Köder verkaufen, den Fang abnehmen und die Krustentiere vermarkten. So wie ihnen geht es noch Tausenden anderen Familien, die von den reichen Fanggründen am Golf von Mexiko leben und deren Lebensgrundlage nun durch die Ölpest zerstört zu werden droht.

«Ich weiss nicht, was ich machen werde. Ich weiss es wirklich nicht», sagt LeFebvre. Er ist Krabbenfischer, seit er mit 14 Jahren von der Schule abging. Gerade mal 20 Minuten, bevor die Behörden von Louisiana bis Florida ein Fangverbot verhängten, brachte er noch eine knappe Tonne Krabben an Land. Da war noch keine Spur von Öl zu sehen, nicht einmal zu riechen. Und die Krabben hatten gerade angefangen zu beissen.

Die 600 Fangkörbe, die er am Freitag ausgelegt hat, wird er die nächsten Wochen nicht einholen können, schätzt LeFebvre. Vielleicht die nächsten Monate nicht. Oder Jahre. Wie er sechs Kinder ernähren soll, ist ihm schleierhaft. «Ich bin 35. Ich habe meinen Lebtag noch keinen Nagel in die Wand gehauen. Das hier kann ich, genau das», sagt er. «Den ganzen Winter über haben wir am Hungertuch genagt, und gerade war es so weit, dass wir was verdienen und wieder auf die Beine kommen könnten.»

Ganze Region lebt vom Meer

Der Ölteppich von der gesunkenen Bohrinsel «Deepwater Horizon» gefährdet an der US-Küste nicht nur Vögel und Fische: Er bedroht auch eine jahrhundertealte Lebensweise, die Dutzende von Hurrikanen überstanden hat und nun vor einer ökologischen und wirtschaftlichen Katastrophe steht. Die Bundesbehörden verhängten am Sonntag ein Fischereiverbot in einer Gewässerzone über vier US-Staaten hinweg, vom Mississippi-Delta in Louisiana bis nach Florida. Mindestens zehn Tage lang soll es gelten.

Die gesamte Region lebt vom Meer. Von Fischerei und Sportanglern sind Hafenbetriebe, Zubehörläden und Tankstellen abhängig. Die Gastronomie ist mit 140 000 Beschäftigten und einer Wirtschaftskraft von fünf Milliarden Dollar im Jahr der grösste private Beschäftigungssektor in Louisiana. Fast zwei Drittel der Restaurants haben Meeresfrüchte auf der Karte.

Bananen, Stahl und Ölprodukte

Und dann sind da noch die Handelshäfen, die zu den betriebsamsten Umschlagplätzen der Welt zählen: Von hier aus geht Rohöl von den Bohrinseln den Mississippi hinauf und Getreide aus dem Mittleren Westen hinaus in die Welt. Gulfport in Mississippi etwa ist der zweitgrösste Fruchtimporteur der USA, vor allem für Bananen aus Mittelamerika. In New Orleans wurden 2008 73 Millionen Tonnen Fracht umgeschlagen, Kaffee aus Südamerika ebenso wie Stahl aus Japan, Russland, Brasilien und Mexiko. Auch drei Kreuzfahrtschiffe mit jährlich mehr als 600 000 Passagieren legen hier an.

Stromaufwärts liegt der Hafen von Süd-Louisiana, mit 224 Millionen Tonnen jährlich – vor allem Getreide und Chemieprodukte – der grösste der USA. Als vor zwei Jahren bei New Orleans ein Tanker mit einem Schlepper kollidierte und Öl verlor, stauten sich an die 200 Frachter tagelang, bis sie gesäubert waren. Der Schaden ging in die Millionen.

«Alle haben eine Heidenangst»

Rund 200 Kilometer weiter in Ocean Springs im Staat Mississippi kalkuliert Paul Nettles seinen eigenen Schaden. Der 38-Jährige hat vergangenen August mit Partnern ein Kajakunternehmen aufgezogen und paddelt mit Touristen hinaus in die Marschen und zu kleinen Inseln. «Das ganze Jahr haben wir Reklame gemacht, und jetzt fängt es an, sich auszuzahlen. Wenn der ganze Sommer im Eimer ist, dann wird das verheerend», sorgt er sich.

Auch auf der winzigen Grand Isle mit den einzigen weissen Sandstränden Louisianas denkt Hotelmanagerin Penny Benton mit Grausen an den Sommer. Die Motels, die Lokale, die Zubehörgeschäfte leben von dem Wettangeln, das hier jedes Wochenende stattfindet. Das grösste Ende Juli ist so gut besucht, dass man für die Fahrt über die knapp zehn Kilometer lange Insel zwei Stunden braucht. «Meine grösste Furcht ist, dass keiner kommt, weil sie nicht angeln können, keine Garnelen fangen, gar nichts.», sagt Benton. «Ich mag gar nicht dran denken.» Man könne nur noch beten. «Alle haben eine Heidenangst.»

Milliardenbranche Angelsport

Der Angelsport lockt jährlich rund sechs Millionen Gäste an, sorgt für 300 000 Arbeitsplätze und trägt mit 41 Milliarden Dollar zur Wirtschaft an der Golfküste bei. Ein Milliardengeschäft sind auch die Austern und Krabben, Garnelen und Alligatoren allein für den US-Markt. Jeder Ausfall oder auch nur Zweifel an der Qualität der Meeresfrüchte nützt der ausländischen Konkurrenz, die ohnehin schon 80 Prozent Marktanteil hat.

«Das Leben von tausenden und abertausenden Menschen steht hier auf dem Spiel», warnt Russell Pratts, Besitzer eines Meeresfrüchtehandels in Delacroix, der Krabben nach Alabama verkauft. Wenn er nicht liefern kann, suchen sich seine Abnehmer jemand anders – vielleicht endgültig. «Wenn das Öl kommt und die uns dicht machen, dann sind wir geliefert.»

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