Häufung von Selbstmorden: Wenn die Wirtschaftskrise zur Lebenskrise wird

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Häufung von SelbstmordenWenn die Wirtschaftskrise zur Lebenskrise wird

Der deutsche Pharma-Unternehmer Merckle, der Finanzchef des US-Hypothekarriesen Freddie Mac, der CEO von Julius Bär und viele andere – der finanzielle Niedergang treibt einst vom Erfolg begünstigte Manager in den Freitod. Aber auch unter Angestellten und Arbeitern fordert die Rezession ihren Tribut.

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wg/scc

Der US-Milliardär Finn Casparsen, bekannter Mäzen und Milliardenerbe der Konsumenten-Kreditbank Beneficial Corporation, hat sich in der vergangenen Woche erschossen. Seine Leiche wurde mit einer Kugel im Kopf auf dem Shelter Harbor Golf Club im US-Bundesstaat Rhode Island gefunden. Obwohl der 67-Jährige an Krebs litt, reagiert sein Umfeld schockiert und überrascht. Der Philanthrop spendete Dutzende von Millionen für Spitäler und Universitäten. Gemäss «New York Times» verdächtigten die Behörden Casparsen des Steuerbetrugs und bereiteten eine Klage gegen ihn vor. Die Summe, die dem Staat entging, beläuft sich angeblich auf 100 Millionen Dollar.

Versagen und Schmach als Auslöser

Kürzlich war auch bekannt geworden, das James McDonald, Chef der Investmentfirma Rockefeller & Co. den Freitod gewählt hat. Die Gesellschaft entstand als Vermögensverwalter der legendären Milliardärsfamilie Rockefeller. Bei ihm dürfte im Gegensatz zu Casparsen nicht die Schmach, als Gesetzesbrecher entlarvt zu werden, Auslöser des Suizids gewesen sein, sondern das «Versagen» als Vermögensverwalter.

Standesgemäss nahm Anjool Malde vor einigen Monaten Abschied. Der junge Investmentbanker der Deutschen Bank zog sich nach einer langen Partynacht im Londoner Westend am Sonntagmorgen einen Hugo-Boss-Anzug an und begab sich ins Luxusrestaurant «Coq d'Argent». Dort kaufte sich der 24-Jährige ein Glas Champagner. Mit dem Kelch in der Hand ging er auf die Dachterrasse, überstieg die Balustrade - und stürzte vor entsetztem Publikum 25 Meter in den Tod.

Wenn sich das Lebenswerk in nichts auslöst

Es ist meistens nicht so, dass die Selbstmörder Pleite gegangen oder sonst mausarm wären. Aber der Nymphus des Erfolgs ist verflogen, ein grosses Engagement ist komplett schief gelaufen, das Lebenswerk löst sich in nichts auf.

So auch für Kirk Stephenson: Die Londoner Finanzwelt reagierte im September des vergangenen Jahres schockiert auf den Selbstmord des 47-jährigen Investors, Multimillionärs und Chefs der Beteiligungsgesellschaft Olivant Advisers. Zusammen mit Luqman Arnold, der für kurze Zeit Konzernchef der UBS gewesen war, hatte er im Juni 2008 für über eine Milliarde Euro UBS-Aktien übernommen.

Zahlreiche Anfeindungen

Viele Manager leiden nicht nur unter finanziellen Verlusten, sondern auch unter öffentlichen Anfeindungen. So hatte der republikanische US-Senator Charles Grassley die Manager des schlingernden Versicherungskonzerns AIG aufgefordert, sie sollten dem «japanischen Modell folgen» und entweder «zurücktreten oder Selbstmord begehen». In England waren Luxuslimousinen und Anwesen von Bankchefs mehrfach das Ziel von Attacken des aufgebrachten Mobs.

Angesichts der zunehmenden Perspektivlosigkeit im Arbeitsmarkt betreffen die steigenden Selbstmordraten jedoch nicht nur Manager und Superreiche. Immer mehr Arbeiter und Arbeiterinnen wählen den Freitod. Besonders temporäre Arbeiter, die im Zuge des massenhaften Abbaus von Stellen ihre Posten verloren haben, sowie arbeitslose Einwanderer sind in erhöhtem Masse selbstmordgefährdet. «Wir befürchten, dass sich die Suizidraten angesichts der Wirtschaftskrise voraussichtlich negativ entwickeln werden»,

erklärt Armin Schmidtke, Vorsitzender des deutschen Nationalen Suizid-Präventionsprogramms.

France Télécom hat eine Suizid-Hotline eingerichtet

France Télécom hat eine Hotline mit externen Psychiatern eingerichtet, um zu verhindern, dass eine Serie von Selbstmorden unter Angestellten nicht zu einer Kettenreaktion führt. Seit Februar 2008 haben sich 23 Angestellte das Leben genommen. Vergangenen Freitag stürzte sich eine junge Frau aus dem Fenster ihres Büros. Die Gewerkschaften sehen einen Zusammenhang zwischen dem Konzernumbau und den Verzweiflungstaten. France Télécom hat die Restrukturierung wegen der Selbstmordwelle bis Ende Oktober ausgesetzt.

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