Aktualisiert 07.12.2010 11:00

Scharia

Wenn Ehefrauen zu Mörderinnen werden

Der Iran verzeichnet eine steigende Zahl von Frauen, die ihre Ehemänner ermorden - aus Verzweiflung über ein Rechtssystem, das sie systematisch benachteiligt.

von
Omid Marivani
Früher begingen iranische Männer «Ehrenmorde» an ihren Ehefrauen. Aus Verzweiflung drehen diese den Spiess inzwischen um.

Früher begingen iranische Männer «Ehrenmorde» an ihren Ehefrauen. Aus Verzweiflung drehen diese den Spiess inzwischen um.

Gerichtsurteile gegen Frauen, die ihre Ehemänner ermordet haben sollen, waren einst eine Seltenheit im Iran. Heute sind diese Geschichten so alltäglich, dass sie – zumindest dort – kaum noch Aufmerksamkeit erregen. Fälle wie das Steinigungsurteil gegen Sakineh Mohammadi Ashtiani, das im Westen hohe Wellen schlägt, sind die Ausnahme. «Die Alltäglichkeit mordender Ehefrauen ist ein neues Phänomen im Iran», sagte ein iranischer Anwalt, der anonym bleiben wollte, gegenüber «Mianeh», einem iranischen Nachrichtenportal. «Ich kann mich kaum an solche Fälle in den vergangenen 30 oder sogar 20 Jahren erinnern.»

Genaue Statistiken sind kaum verfügbar, aber die Sozialforscherin Samira Kalhor hat die Berichterstattung über solche Fälle im Jahr 2007 analysiert und Folgendes entdeckt: 22 Prozent aller Familienmorde entfielen auf Frauen, die ihre Ehemänner umbrachten, 27 Prozent auf Männer, die ihre Ehefrauen umbrachten. Diese Zahlen berücksichtigen keine Fälle, in denen die Frau als Komplizin verurteilt wurde, was offenbar ein häufiges Phänomen ist.

Früher vor allem «Ehremorde»

Schahla Moazzami und Mohammad Aschuri, zwei Professoren an der Universität Teheran, haben eine der wenigen Studien zu diesem Thema durchgeführt. Sie fanden heraus, dass bei der Tötung von Ehemännern nur ein Drittel der Verbrechen von den Ehefrauen selbst begangen wird. In den übrigen Fällen war eine Drittperson involviert, die in ihrem Auftrag handelte. Oft handelte es sich dabei um Männer, die eine Affäre mit den Frauen hatten. Aschuri sagte gegenüber der iranischen Tageszeitung «Hamschahri», dass Frauen im Iran wenig Verbrechen begehen, mit Ausnahme von Mord.

Das ist eine bedeutende Verschiebung innerhalb der iranischen Gesellschaft, wo traditionell so genannte «Ehrenmorde» vorherrschten: Artikel 630 des iranischen Strafgesetzes erlaubt einem Mann, sowohl seine Ehefrau als auch ihren Liebhaber zu töten, wenn er sie in flagranti erwischt. In der Realität begehen Männer «Ehrenmorde» vor allem aus Eifersucht und Argwohn – oder einfach um die Ehe zu beenden. Wenn Frauen ihre Ehemänner töten, geschieht dies laut den verfügbaren Daten in zwei Drittel der Fälle aus Rache für deren Untreue.

Verzweiflung mündet in unglaubliche Brutalität

Moazzami und Aschuri fanden zudem heraus, dass in 58 Prozent der Fälle die Frauen sich vergeblich um eine Scheidung bemüht hatten. Ihre Ehemänner hatten das Einverständnis verweigert, oder sie hatten Kinder und wären bei einer Scheidung mittellos geworden. Oft sind Frauen, die gewalttätig werden, zuvor selbst misshandelt worden. Vom iranischen Rechtssystem können sie indes wenig Gerechtigkeit erwarten.

Oft fehlt ihnen auch der Zugang: Viele von ihnen leben in den verarmten Vororten von Grossstädten, sind Hausfrauen und haben wenig Schulbildung. Sie wurden in jungen Jahren zur Ehe gezwungen, oft mit einem bedeutend älteren Mann. So haben sie kaum Möglichkeiten, sich aus ihrer Situation zu befreien und wählen in einem letzten Akt der Verzweiflung den Weg der Gewalt. In den urbanen Zentren sieht die Sache anders aus: Hier reichen gebildete, finanziell unabhängige Frauen immer häufiger die Scheidung ein und setzen sich damit auch durch, wie die «New York Times» berichtet.

Oft zeichnen sich die Mordfälle durch eine unglaubliche Brutalität aus. Behdschat Karimzadeh wartet derzeit im Gefängnis auf ihre Verurteilung wegen Mord an ihrem Ehemann zusammen mit einem Komplizen: «Ich erwürgte meinen Ehemann, und als ich ihn anschaute, bekam ich Angst, er könnte nicht tot sein. Also schnitt ich ihm mit einem Messer den Kopf ab.» Fatemeh, eine andere Verurteilte, erklärte nach zehn Jahren im Gefängnis: «Nachdem ich meinen Ehemann vergiftet hatte, schnitt ich ihm die Hände ab. Mit diesen Händen hatte er meine Nase gebrochen.»

«Blutgeld» kann Leben retten

Fatemehs Hinrichtung ist ausgesetzt, weil die Familie ihres Ehemanns einem Gnadegesuch zustimmte und auch auf die Zahlung von «Blutgeld» verzichtete. Auf diesem Weg kann eine Hinrichtung verhindert werden, was sich auch Menschenrechtsorganisationen zunutze machen. Im Fall der zum Tod verurteilten Akram Mahdavis überzeugten sie einen nahen Verwandten des Ehemanns, für dessen Tod «Blutgeld» zu akzeptieren. Jetzt sammeln sie Spenden, um die nötigen 75 Millionen Rial (rund 7000 Franken) zusammenzubekommen.

Mohammad Dschaavad Laridschani, der Vorsteher des Menschenrechtsrats der iranischen Justiz, hat in einem Interview angedeutet, Sakineh Ashtiani auf demselben Weg vor der Hinrichtung zu bewahren. «Blutgeld» bietet zwar einen Ausweg, trägt aber ebenfalls die Handschrift eines Rechtssystems, das Frauen systematisch benachteiligt: Das Blutgeld für eine Frau ist halb so hoch wie das für einen Mann. Ein Mann hat also grössere Chancen, das Geld für eine tote Frau zusammenzubekommen als umgekehrt.

Scharia

Die Scharia ist das unabänderliche islamische Recht, das auf dem Koran und damit auf Gottes Wort beruht. Es unterscheidet zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen und weist Frauen einen unterschiedlichen Rechtsstatus zu, der sie in der Regel benachteiligt.

Die Scharia bedroht eine Reihe von verbotenen Handlungen mit Körperstrafen («Hadd-Strafen»): Dazu zählen Alkoholgenuss, Unzucht, die falsche Bezichtigung der Unzucht, Diebstahl, Geschlechtsverkehr zwischen Männern und der Abfall vom Islam.

Für Ehebruch (Unzucht) bei volljährigen Frauen, die verheiratet sind oder waren, sieht der Koran lebenslangen Hausarrest oder einen von Gott geschaffenen «Ausweg» vor. Dieser Ausweg ist in der Rechtspraxis die Steinigung. Unzucht muss allerdings von vier männlichen Zeugen bestätigt werden, was praktisch ein Geständnis notwendig macht.

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