«Time out» mit Klaus Zaugg: Wenn ein Hockeyclub Theater spielt
Aktualisiert

«Time out» mit Klaus ZauggWenn ein Hockeyclub Theater spielt

Sportlich läuft es beim HC Fribourg-Gottéron (noch?) nicht so recht. Dafür bietet Gottéron seinen Fans ein kulturelles Highlight: Den Theaterklassiker «Warten auf Godot».

von
Klaus Zaugg
Cristobal Huet: In Fribourg wartet man gespannt.

Cristobal Huet: In Fribourg wartet man gespannt.

Erstmals in der Geschichte unseres Hockeys setzt ein Hockeyunternehmen ein weltberühmtes Theaterstück in die Wirklichkeit um.

Der Franzose Cristóbal Huet (35) trainiert mit Gottéron. Aber er darf noch nicht spielen. So sitzt einer der teuersten und besten Torhüter der Welt auf der Tribüne. Und er hat schon zwei Goalies im Einsatz gesehen, die nicht gut genug sind, um in der NLA die Nummer eins zu sein: Damiano Ciaccio (21) und Biels letztjährige Nummer zwei Pascal Caminada (24). Aber die beiden müssen durchhalten, bis Huet spielen darf.

Der Stanley-Cup-Sieger (mit Chicago) verdient diese und nächste Saison je 5,625 Millionen Dollar. Er kassiert im Monat mehr als sein aktueller Trainer und Sportchef Serge Pelletier während der ganzen Saison. Die nächsten Tage werden eine Zitterpartie für Pelletier: Das vermeintlich leichte Startprogramm mit den Partien gegen Biel (5:7), Langnau (4:3 n.P), die Lakers, Servette und Ambri wird zur Falle: Wenn es nicht gelingt, aus dieser Startphase drei oder vier Siege einzufahren, ist Pelletiers Job schon ein wenig in Gefahr. Es folgen dann die Partien gegen Kloten, Davos, Bern und Zug. Die sind selbst mit Huet im Tor nur schwer zu gewinnen.

Der Fehler mit Caron

Trainer Serge Pelletier hätte sich viel ersparen können, wenn er als Sportchef seinem kanadischen Torhüter Sébastien Caron die Freigabe für den Transfer nach Russland erst nach dem Eintreffen von Huets Spielberechtigung erteilt hätte. Die Möglichkeit bestand. Aus einem laufenden Vertrag heraus gibt es ohne Unterschrift des alten Arbeitgebers keinen internationalen Transfer. Auf die Frage, ob er denn diese Möglichkeit nie in Betracht gezogen habe, sagt Pelletier auf Anfrage knurrig: «Nein.» Wäre der eingebürgerte Kanadier nur Trainer, dann würde er jetzt seinen Sportchef scharf kritisieren.

Und so findet sich Pelletier unverhofft in einer Eishockey-Version des Stückes «Das Warten auf Godot» wieder. Die Hauptfiguren in diesem Klassiker sind die beiden Landstreicher Estragon und Wladimir sowie Pozzo und sein Diener Lucky. Die Herren verbringen ihre Zeit damit, auf eine Person namens Godot zu warten. Am Ende eines jeden Aktes in diesem Theater erscheint ein Junge, der verkündet, dass sich Godots Ankunft weiter verzögert. Spätestens dann keimen bei den Wartenden Zweifel auf, doch können sie sich trotzdem nicht mehr aus der Situation befreien. Dies drückt sich im Theaterstück in einem mehrfach wiederkehrenden Dialog aus:

Estragon: Komm, wir gehen.

Wladimir: Wir können nicht

Estragon: Warum nicht?

Wladimir: Wir warten auf Godot.

Estragon: Ach so.

Auf Fribourg-Gottéron übertragen, können wir uns einen solchen Dialog zwischen dem immer unwilliger wartenden Präsidenten Laurent Haymoz und seinem Trainer und Sportchef Serge Pelletier vorstellen:

Haymoz: Komm, wir stellen jetzt endlich den Huet ins Tor.

Pelletier: Wir können nicht

Haymoz: Warum nicht?

Pelletier: Wir warten auf die Spielbewilligung von Huet.

Haymoz: Ach so.

Oder folgender Dialog zwischen dem Präsidenten und Team-Leitwolf Sandy Jeannin ist in diesen Tagen denkbar oder sogar ziemlich wahrscheinlich:

Jeannin: Präsident, Du musst endlich Trainer Pelletier feuern.

Pelletier: Wir können nicht

Haymoz: Warum nicht?

Pelletier: Wir warten auf die Spielbewilligung von Huet.

Haymoz: Ach so.

Kommt Huet doch nicht?

«Warten auf Godot» (bzw. «Warten auf Cristóbal»): Das Stück von Samuel Beckett passt wunderbar zur Situation von Gottéron und Beckett ist ja auch durch den Sport zu seinem Klassiker inspiriert worden. Als er am Strassenrand auf die Fahrer der Tour de France wartete.

Übrigens: Godot erscheint im Theaterstück bis zuletzt nicht. Das Warten auf ihn ist vergeblich und macht die Beteiligten zu Witzfiguren. Huets Spielbewilligung wird, anders als Godot, voraussichtlich schon noch kommen. Die Verträge zwischen Gottéron und Chicago sind ja gemacht und unterschrieben der Vertrag mit Huet auch. Das Salär zahlt weiterhin Chicago, Gottéron zahlt eine Leihgebühr an den NHL-Klub. Aber frühestens am 26. September ist der Transfer möglich, der nichts anderes ist als eine Relegation von Huet ins Farmteam bzw. nach Europa zu Fribourg. Und am 26. muss Huet noch 48 Stunden lang auf die sog. «Waiver-Liste». 48 Stunden lang haben die anderen NHL-Teams dann Zeit, Huet samt Vertrag (5,625 Millionen Dollar für diese und nächste Saison) zu erwerben ohne Kompensation in Form von Spielern oder Draftrechten an Chicago leisten zu müssen.

Pelletiers Gnadenfrist dank Huet

Die Gefahr, dass eine andere NHL-Organisation den teuren Goalie holt, ist zwar nur theoretischer Natur. Denn wegen der Lohnbegrenzung (die NHL-Teams dürfen für die Löhne nur eine bestimmte Gesamtsumme ausgeben) muss Chicago Huet in dieser Saison im Farmteam bzw. in Fribourg parkieren. Damit sein Lohn nicht mehr zur Teamlohnsumme gezählt wird.

Aber eigentlich muss Trainer und Sportchef Serge Pelletier hoffen, dass Godot bzw. die Spielbewilligung für Huet noch nicht so schnell kommt und das Theaterstück «Warten auf Godot» noch eine Weile dauert. Denn so lange Gottéron auf Huets Lizenz wartet, wird Pelletier sicher nicht gefeuert.

Der Moment der Wahrheit kommt für Fribourgs Trainer und Sportchef erst, wenn Huet spielt. Da Godot in Becketts Theaterstück nicht gekommen ist, wissen wir noch nicht, was sein wird, wenn das Warten vorbei ist und Huet spielt.

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