Homosexualität in Games: Wenn Elfen-Krieger knutschen
Aktualisiert

Homosexualität in GamesWenn Elfen-Krieger knutschen

Sabbernde Aliens, erotische Elfen und muskelbepackte Zwerge: Die Welt der Videospiele ist brutal, sexy und kunterbunt. Nur eines ist sie kaum: schwul.

von
Jan Graber

Das Gameuniversum ist bevölkert von muskelbepackten Haudegen und leicht bekleideten Amazonen mit langen Beinen und üppigen Kurven. Übersexualisierte Fantasiegestalten, die sich durch Welten schlagen, die von ebenso virilen Figuren bewohnt werden. Doch auf offizielle Homosexualität trifft man so selten wie im Vatikan.

Zum einen liege dies an der Natur der Spiele, sagt der Psychologe und Konfliktforscher Allan Guggenbühl: «Bei Spielen handelt es sich mehrheitlich um Helden-Epen, moderne Märchen, in welchen die sexuelle Orientierung in den Hintergrund tritt.» Andererseits sind die Mehrzahl der Spieler Jugendliche. Die Suche der Jungen nach der eigenen geschlechtlichen Identität äussert sich laut Guggenbühl in einer Unsicherheit, die sich durch eine Homophobie ausdrücke. Schimpfworte wie «Schwuler» oder «Lesbe» werden besonders oft gebraucht.

Die Game-Industrie ist sich dessen bewusst und hat bisher weitgehend auf die Integration von homosexuellen Spielcharakteren verzichtet – niemand stösst freiwillig die eigene Klientel vor den Kopf. Dennoch scheinen sich die Zeichen der Zeit zu ändern: In den letzten zehn Jahren haben zunehmend Figuren Eingang ins Spieluniversum gefunden, denen entweder eine klare gleichgeschlechtliche Ausrichtung zugeschrieben werden kann, oder die dem Spieler die Möglichkeit lassen, frei über deren sexuelle Präferenz zu entscheiden.

Einzug der Homosexuellen

Vor allem das amerikanische Spielentwicklerstudio Bioware hat in Games wie «Dragon Age: Origins» (2009), «Dragon Age II» (2011) und «Mass Effect 2» (2010) in letzter Zeit für Aufsehen gesorgt. Während in «Mass Effect 2» eine gleichgeschlechtliche Beziehung eingegangen werden konnte, sofern die Hauptfigur weiblich war, erlaubten die «Dragon Age»-Titel auch Beziehungen zwischen Männern.

Bioware war indessen nicht das ersten Studio, das Homosexualität mit ins Spiel brachte. Bereits 1987 wurde im Prügelspiel «Street Fighter» eine Figur namens Zangief eingeführt: ein behaarter Muskelberg mit Schnauz und Bart und kurzem Höschen – eine Figur, die in der homosexuellen Szene als «Bär» bezeichnet wird.

Frühe Exemplare

Wie bei «Street Fighter» wurden von der sogenannten Gaymerszene (von engl. gay, homosexuell) weitere Spielfiguren als mögliche Homo- und Transsexuelle enttarnt, zum Beispiel die Figur Flea aus «Chrono Trigger» (1995), Cybil Bennett aus «Silent Hill» (1999) oder sogar das Mischwesen Birdo aus der «Mario»-Reihe. Enttarnt werden sie vor allem über Verhalten und Kleiderstil, der sogenannten Codierung. Dabei handelt es sich um Zeichen, die von der homosexuellen Szene als Winks mit dem Zaunpfahl interpretiert werden – ganz ähnlich, wie sie in Untersuchungen auch schon im Zusammenhang mit Hollywoodfilmen erkannt worden sind.

Explizite Darstellung

Offen zutage trat Homosexualität indessen 1996 im Spiel «SimCopter», ein Game aus der Schmiede des legendären Entwicklers Will Wright. In «SimCopter» waren muskulöse Männer zu beobachten, die sich küssten. Aus der Feder des Gamedesigners stammte zudem das erfolgreichste Game für PCs überhaupt: «The Sims» (2002). Das Spiel erlaubt gleichgeschlechtliche Beziehungen und ermöglicht, zwei Männer ins Bett zu stecken und sie ein Kind adoptieren zu lassen. «Das Spiel versteht ich als einer der ersten Fürsprecher für gleichgeschlechtliche Heirat und Adoption», sagte Gaygamers.net-Gründer Flynn DeMarco in einem Interview mit AfterElton.com.

Seitdem sind vermehrt homosexuelle Figuren in Erscheinung getreten, sei als überdrehte transsexuelle Figur Makoto im Spiel «Enchanted Arms» 2006, als schwuler Wrestler Joachim im Prügelspiel «Shadow Hearts 2» (siehe auch Video) oder als Gay Tony in «Grand Theft Auto» (2009).

Wandel der Werte

Der Paradigmenwechsel hat laut Psychologe Guggenbühl mit dem Wertewandel zu tun: Die Gesellschaft habe einen grössere Toleranz entwickelt. Auch Jugendliche seien nicht per se gegen Homosexuelle, bekundeten aber Mühe mit der Homoerotik.

Dass Homosexuelle zunehmend die Videospielwelt bevölkern, dürfte aber auch am demographischen Wandel des Gamepublikums liegen: Erwachsene Spieler bilden für die Gameentwickler einen immer wichtigeren Markt. Seien es Games wie «Fahrenheit» (2009), ebenfalls mit einer homosexuellen Figur oder die eingangs erwähnten Titel der Wegbereiter Bioware – es kommen zunehmend Spiele heraus, die nicht für Kinder und Jugendliche gedacht sind. Darin spielt Sexualität naturgegeben eine wichtigere Rolle. Zudem schliessen sich Homosexuelle mittlerweile in Communities wie Gaygamers.net zusammen und bilden eine Lobby.

Noch nicht am Ziel

Die Hoffnung in BioWare dürfte indessen bald einen Dämpfer erhalten: Im kommenden «Star Wars: The Old Republic» wird man laut Entwicklerstudio vergeblich nach gleichgeschlechtlichen Beziehungen suchen – Worte wie «schwul» oder «lesbisch» würden im Star-Wars-Universum nicht existieren, lautet die Erklärung.

Überhaupt ist noch längst nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen im Spieluniversum. Wer sich beispielsweise ein einem Xbox-Live-Chat als homosexuell outet, sieht sich schnell Beleidigungen übelster Art ausgesetzt. Was allerdings eher ein Zeichen davon ist, dass sich in den Chats vor allem Jugendliche tummeln, für die Homophobie ein Mittel zur Selbstfindung ist.

Wrestling der Männer: Gameszene aus «Shadow Hearts 2» mit Joachim als Held

Quelle: YouTube.com

Wundern über Kanji aus «Persona 4»

Quelle: YouTube.com

Frauen, die sich lieben: «Mass Effect 2»

Quelle: YouTube.com

Lesbische Liebe in «Dragon Age II»

Quelle: YouTube.com

Homo- und transsexuelle Gamehelden:

* Zangeif, «Street Fighter» (1987)

* Poison und Roxy, «Final Fight» (1989)

* Ash, «Streets of Rage» (1991)

* Flea, «Chrono Trigger» (1995)

* Bridget, «Guilty Gear» (1998)

* Cybil Bennett, «Silent Hill» (1999)

* Rain und Hana, «Fear Effect 2» (2001)

* Joachim, «Shadow Hearts 2» (2004)

* Tommy, «Fahrenheit» (2005)

* Makoto, «Enchanted Arms» (2006)

* Zevran und Leliana, «Dragon Age: Origins» (2009)

* Kanji, «Persona 4» (2009)

* Anthony Prince alias Gay Tony, «GTA: The Ballad of Gay Tony» (2009)

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