Lippenstift statt Achselhaare: Wenn Feminismus plötzlich sexy wird
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Lippenstift statt AchselhaareWenn Feminismus plötzlich sexy wird

Feminismus ist zum Lifestyle-Trend geworden. Das weiss Hollywood genauso wie Karl Lagerfeld auch. Doch was bedeutet das für die Gleichberechtigung?

von
C. Steiner/L. Esseiva

Barbara Schöneberger (41), erfolgreichste Frau im deutschen TV, fungiert seit Neuestem auch als Namensgeberin einer Frauenzeitschrift. «Barbara» unterscheidet sich von üblichen Magazinen, verzichtet bewusst auf Diät-Tipps oder Schmink-Ratgeber. Chefredaktorin Brigitte Huber erklärt das Konzept gegenüber Meedia.de so: «Barbara ist wie ein Mädelsabend – mal lustig, mal ernst, aber immer ehrlich.»

Das Konzept ist so erfolgreich, dass von der Oktober-Startauflage von 350'000 Magazinen noch einmal 50'000 nachgedruckt werden mussten. Das ist nicht verwunderlich, denn «Barbara» lässt die Frauen einfach nur Frau sein. Die darf sich schminken, ohne in die Tussi-Ecke gestellt zu werden. Aber genauso gut darf sie ein Bäuchlein haben und sich trotzdem wohl fühlen – genau wie Barbara Schöneberger auf dem ersten «Barbara»-Cover. Solche Signale machen «Barbara» zu dem, was niemand aussprechen mag: zu einem Magazin für moderne Feministinnen.

Früher Achselhaare, heute Chanel-Lippenstift

Lange machten Frauen, vor allem junge, einen weiten Bogen um das Thema Feminismus. Zu sehr war der Begriff behaftet mit Verbissenheit, Unsinnlichkeit und müffelnden Achselhöhlen. Plötzlich ist alles anders, und Vorreiter waren wie sie oft Prominente. Beyoncé steht auf der Bühne, hinter ihr prangt in grossen Lettern der Schriftzug «Feminist». Taylor Swift, der grösste Popstar der Welt, redet regelmässig über Frauenrechte, Emma Watson wollte mit ihrer Rede vor der UN die Männer zu einem sanften Feminismus bewegen. Und Miley Cyrus bezeichnet sich selbst als die «grösste Feministin der Welt».

Sogar Karl Lagerfeld, der einst Frauen wie Adele als «zu dick» titulierte, – nicht unbedingt eine frauenfreundliche Haltung – rief 2014 seine Fashion Show im Zeichen der Frauenrechte aus. Am Ende der Präsentation der Chanel-Frühjahrskollektion 2015 schickte er Models mit Schildern und Megafonen auf den Laufsteg. Sie verkündeten «Feminist but Feminine».

Das fasst die neue Bewegung ziemlich genau zusammen: Das Thema ist hip, sexy, Hochglanz-kompatibel. Es ist okay, sich hübsch zu machen und ebenso, sexuelle Reize einzusetzen. Trotzdem bleibt die Botschaft die alte: Die Gleichstellung der Frau in der Gesellschaft ist das oberste Ziel.

«Keine Angst vor femininem Feminismus»

Mit unrasierten Beinen, brennenden Büstenhaltern und propagierter Lustfeindlichkeit will man nichts zu tun haben, auch wenn sich dieses Klischee schon längst überholt hat. Aber wenn Feminismus dezidiert glamourös ist, ist es für die breite Masse der Frauen auch okay, Emma Watsons Appelle zu retweeten.

Sogar Männermagazine wie «Maxim» wollen feministisch sein. Auf dem Cover war kürzlich eine fast ungeschminkte Taylor Swift zu sehen. Dass der neue Feminismus sexy sein darf, findet auch die Kolumnistin Polly Vernon. Ihr Buch, das im Juni erschien, heisst «Hot Feminist». Ihre Meinung: Make-up und High Heels sind voll okay. Sie selbst beschreibt sich als «überall rasiert und besessen von ihrem Aussehen».

Regula Zweifel von der Alliance F, dem Bund Schweizerischer Frauenorganisationen, findet das nicht problematisch. «Wenn Feminismus ein Synonym für weiblich ist, im Gegenteil – im Wort steckt ja feminin.» Und wie sieht es mit der Nachhaltigkeit des Sofa-Engagements aus, wie es auf den Social Media betrieben wird? Bleibt von diesem «Trend» etwas hängen? Ja, meint Zweifel. «Weil die Botschaft heisst: keine Angst vor femininem Feminismus. Das ist eine gute Basis für das Einfordern der Lohngleichheit.»

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