17.07.2020 05:09

Pfleger (28) muss Land verlassen «Wenn Fuad ausgeschafft wird, haben wir ein Problem»

Fuad Hussein (28) aus Äthiopien muss innert 30 Tagen die Schweiz verlassen. Im Thuner Alterszentrum, wo der junge Mann arbeitet, hat man wegen der bevorstehenden Ausschaffung ein Problem. Auf die Hilfskraft ist man derzeit nämlich besonders angewiesen.

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Mit dem 28-jährigen Fuad Hussein, der im Thuner Betrieb zurzeit bereits eine Vorlehre absolviert, schien man einen sicheren Wert, eine tüchtige Arbeitskraft gefunden zu haben.

Mit dem 28-jährigen Fuad Hussein, der im Thuner Betrieb zurzeit bereits eine Vorlehre absolviert, schien man einen sicheren Wert, eine tüchtige Arbeitskraft gefunden zu haben.

Doch ein Schreiben des Staatssekretariats für Migration (SEM) stellt jetzt alles auf den Kopf: Der junge Pfleger hat die Schweiz innert 30 Tagen zu verlassen.

Doch ein Schreiben des Staatssekretariats für Migration (SEM) stellt jetzt alles auf den Kopf: Der junge Pfleger hat die Schweiz innert 30 Tagen zu verlassen.

Per Ende Juli muss er zurück in den Nordosten Afrikas. Fuad Hussein Alis Asylgesuch wurde nach vier Jahren abgelehnt, der anschliessende Rekurs beim Bundesverwaltungsgericht brachte jetzt ebenfalls keinen Erfolg.

Per Ende Juli muss er zurück in den Nordosten Afrikas. Fuad Hussein Alis Asylgesuch wurde nach vier Jahren abgelehnt, der anschliessende Rekurs beim Bundesverwaltungsgericht brachte jetzt ebenfalls keinen Erfolg.

Darum geht es

  • Für Pflegebetriebe war es wegen Corona heuer besonders schwierig, Lernende zu finden.
  • Im Domicil Selve Park in Thun hatte man eigentlich bereits vorab einen Auszubildenden gefunden
  • Nun wird der junge Mann, der seit vier Jahren als Asylsuchender in der Schweiz lebt, per Ende Juli ausgeschafft
  • Das Altersheim in Thun steht nun vor einem Problem

Während des Lockdown wurden Alters- und Pflegeeinrichtungen völlig von der Aussenwelt isoliert. Besucher wurden keine empfangen, neues Personal konnte auf die Schnelle nicht rekrutiert werden. Auch Schnupperlehren für potentiell Auszubildende mussten wegen Corona abgesagt werden. Für Pflegebetriebe war es deswegen heuer besonders schwierig, Nachwuchs zu finden.

So schätze man es im Domicil Selve Park in Thun, bereits vorab einen Lernenden für August 2020 gefunden zu haben. Mit dem 28-jährigen Fuad Hussein, der im Thuner Betrieb zurzeit bereits eine Vorlehre absolviert, schien man einen sicheren Wert, eine tüchtige Arbeitskraft gefunden zu haben. «Fuad ist zuverlässig und engagiert, der Umgang mit den Bewohnern ist äusserst liebevoll, Mitarbeitende könnten stets auf ihn zählen – genau solche Leute braucht es in der Pflege», sagt Monika Hoffleit, Leiterin Pflege und Berufsbildungsverantwortliche. Erst kürzlich sei der junge Mann vom Unternehmen ausgezeichnet worden – «das Zeugnis seiner Vorlehre war schlicht makellos».

Doch ein Schreiben des Staatssekretariats für Migration (SEM) stellt jetzt alles auf den Kopf: Der junge Pfleger hat die Schweiz innert 30 Tagen zu verlassen. Per Ende Juli muss er zurück in den Nordosten Afrikas. Fuad Hussein Asylgesuch wurde nach vier Jahren abgelehnt, der anschliessende Rekurs beim Bundesverwaltungsgericht brachte jetzt ebenfalls keinen Erfolg. Zu Einzelfällen können die Behörden aus Gründen des Daten- und Persönlichkeitsschutzes keine Stellung nehmen; die Hintergründe des Entscheides sind also nicht abschliessend bekannt.

Zu wenig Arbeitskräfte – «jetzt haben wir ein Problem»

Bei Fuad Husseins Arbeitgeber in Thun ist man nun aber geschockt. «Das Wegfallen von Fuad ist ein Riesenverlust. Sein Lehrvertrag wurde offiziell genehmigt, er ist fest bei uns eingeplant», sagt Hoffleit. Gerade in der Langzeitpflege, wo es wegen knapper Ressourcen auf jede einzelne Arbeitskraft ankomme, sei ein solcher Abgang, zudem noch ein solch kurzfristiger, nicht zu verkraften – «wenn Faud Ende Monat wirklich weg ist, dann haben wir hier ein Problem», sagt seine Chefin. Es fehle dann an einer wichtigen Arbeitskraft.

Zusammen mit dem Branchenverband und etwa dem Berner Lehrstellennetz will man nun gegen die bevorstehende Ausschaffung kämpfen. Michael Raaflaub, Geschäftsführer vom Lehrstellennetz meint: «Dass hier ein erfolgreicher Lernender aufgrund eines Papierentscheids ausgeschafft wird, wollen wir nicht einfach so hinnehmen.» Auch hat sich der Berner Jürg Schweri, ehemaliger Präsident der Schweizerischen Auslandshandelskammer Swisscham, privat in die Sache eingeschaltet. Er fordert in einem Brief von Bundesrat Guy Parmelin und dessen Departement einen «sofortigen Ausschaffungsstop für Personen des Asylbereichs in Ausbildung». Solche Entscheide entbehren laut Schweri «jeglicher sinnvollen, menschlichen und politischen Logik.» Mit der Abschiebung vernichte man bereits getätigte Investitionen von gut 100’000 Franken pro Fall. «Die Arbeitnehmer werden zudem vor grössere Probleme gestellt, wenn ein Lehrvertrag unvermittelt aufzulösen ist oder kurzfristig nicht angetreten werden kann», gibt Schweri zu bedenken.

Zu viel Zeit, um Wurzeln zu schlagen

Damit keine Zeit zum Verwurzeln bleibt, werden neue Asylverfahren seit März 2019 beschleunigt abgewickelt. Die Verfahren sollen innert 140 Tagen abgeschlossen werden. Als Fuad Hussein jedoch im 2015 in die Schweiz gekommen war, gab es dieses neue, beschleunigte Asylverfahren noch nicht. So hatte der junge Mann nun auch vier Jahre Zeit, sich hier im Land ein Leben aufzubauen. «Politiker und Beamte sind dringend gefordert, für genau solche Fälle arbeitgeberfreundliche und auch sozialverträglich Lösungen zu finden», sagt Schweri.

Diese würden auch dem Domicil Selve Park in Thun nun helfen: «Wir haben viel in Faud investiert, ihn geschult und ausgebildet», sagt die Chefin Hoffleit. «Dieser Aufwand muss sich für uns auszahlen.» Spätestens in zwei Jahren – so ist sich die Thunerin sicher – wäre ihr Angestellter zu einer weiteren, essenziellen Kraft in der Schweizer Pflegebranche geworden. «Nun können wir einfach nur noch hoffen, dass es irgendwie noch eine Möglichkeit gibt, Fuad zu behalten. Wir würden ihn alle im Team sehr vermissen.»

Obwohl für den jungen Pfleger die Zeit in der Schweiz bald abläuft, erscheint er nach wie vor täglich zum Dienst. Irgendwie hofft er doch noch auf eine Wendung. «Wenn ich abgeschoben werde, ist alles verloren: Friede, Arbeit und Investition», meint der junge Mann.

Was blüht Fuad in Äthiopien?

Nicht nur die Tatsache, dass die Existenz, die er in den letzten vier Jahren hier in der Schweiz aufgebaut hat, vernichtet werde, macht Fuad Hussein zu schaffen. Auch die Situation in seiner Heimat bereite ihm Angst: «Vor fünf Jahren musste ich aus Äthiopien flüchten, da ich aus dem somalischen Teil stamme, in welchem es damals viele Konflikte zwischen der Zentralregierung und dem ONLF (Ogaden National Liberation Front ) gab. Als Helfer der ONLF hatte ich Probleme mit der Polizei und sah mich zur Flucht gezwungen», sagt der Mann. Zwar gehe man in der Schweiz davon aus, dass sich die Lage in Äthiopien entspannt hätte. Auch herrscht zwischen Äthiopien und der Schweiz ein Rückübernahmeabkommen. Dieses soll eine rasche und sichere Rückübernahme von Personen durch ihren Herkunftsstaat gewährleisten. Doch Hussein hat Zweifel: «Nach wie vor kommt es in meiner Heimat zu dramatischen Ereignissen.»

(miw)

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