«Time-Out»: Wenn Göttibuben die Wahrheit aufzeigen
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«Time-Out»Wenn Göttibuben die Wahrheit aufzeigen

Der SC Bern ist ein Titelanwärter, langweilt aber seine Fans zu oft und verliert zu viele grosse Spiele - wie am Samstag bei der zweiten Niederlage gegen Biel. So gibt es im Frühjahr keine Meisterfeier.

von
Klaus Zaugg
Die SCB-Ausländer, wie hier Travis Roche, bringen zu wenig Charisma mit sich.

Die SCB-Ausländer, wie hier Travis Roche, bringen zu wenig Charisma mit sich.

Das Problem des SC Bern lässt sich an einer Episode erklären: Kürzlich erzählte mir ein langjähriger SCB-Fan, er wisse jetzt, warum der SCB das Publikum im eigenen Stadion oft langweile. Er habe seinen Göttibuben gefragt, von welchem SCB-Spieler es ein Dress wolle. Der Bub habe lange überlegen müssen bis er in Gottes Namen halt auf Travis Roche gekommen sei. Früher sei das ganz anders gewesen, da hätten die Göttikinder mit heissen Herzen ein Dress von Rexi Ruotsalainen oder Alan Haworth oder Derek Armstrong oder Andreas Johansson oder Yves Sarault oder Patrik Juhlin gewünscht.

Tatsächlich ist das Unvermögen von SCB-Sportchef Sven Leuenberger, einmal vier wirklich gute, charismatische Ausländer zu finden, der Kern des Problems. Der SCB hat nämlich viele fleissige, folgsame, talentierte und routinierte Schweizer. Würde die Meisterschaft ohne Ausländer gespielt, wäre der SCB klarer Favorit. Würde das aktuelle Team mit vier erstklassigen ausländischen Stars ergänzt, hätte der SCB den Titel auf sicher.

Die SCB-Manager haben das Geld, um Europas beste Spieler zu bezahlen. Aber nicht mehr den Verstand, sie zu finden. Die beiden Stürmer Byron Ritchie (34) und Jean-Pierre Vigier (35) sind tapfere, ehrliche Arbeiter. Aber niemand kauft ein Ticket, um Ritchie und Vigier zu sehen, und die zwei Kanadier sind ja auch nicht wirklich SCB-Entdeckungen: Sie spielten früher schon bei Servette. Sie haben die spielerische Qualität, um bei einem Sportunternehmen mit den Ansprüchen und dem Selbstverständnis des SC Bern die Ausländer Nummer drei und vier zu sein. Sie sind aber die Nummer eins und zwei. Auch der kanadische Verteidiger Travis Roche (33) ist ein tapferer Profi ohne Fehl und Tadel – aber das Charisma eines Rexi Ruotsalainen hat er natürlich auch nicht. Die vierte Ausländerposition ist mit Joel Kwiatkowski (34) mit einem Verteidiger besetzt, der mit ziemlicher Sicherheit unter die Wolldecke gesteckt würde, wenn er nicht Ausländer wäre. Der Kanadier ist vom Tempo in unserer Liga beim Laufen und Lesen des Spiels überfordert und defensiv der schwächste SCB-Defensivspieler.

Keine eigenen Entdeckungen

An der Basis der samstäglichen 2:3-Niederlage in Biel steht folgerichtig einer der unglückseligen Ausländer-Transfers des SCB-Sportchefs: Er hat als temporären Ersatz für den verletzten Travis Roche den von Biels Trainer Kevin Schläpfer aus disziplinarischen Gründen gefeuerten Mario Scalzo (26) für drei Spiele übernommen. Der Kanadier hatte am 1. Oktober nach harscher Kritik Schläpfers in der Partie gegen Kloten im letzten Drittel gestreikt. Auch das ist typisch: Der SCB holt praktisch nur noch Ausländer, die schon da waren, gerade da sind oder hier nicht mehr gebraucht werden können.

Mario Scalzo spielte bei der 2:3-Niederlage in Biel in einer entscheidenden Szene eine wichtige Rolle. Er liess sich in der eigenen Zone wie ein Junior von Biels wirbligem Kufentier Marco Truttmann ausspielen und Adrien Lauper traf zum 3:1. Die Entscheidung.

Der Vertrag des Kanadiers ist mit dieser Partie in Biel ausgelaufen. Er rechnet nicht mit einer Verlängerung und sagte gegenüber 20 Minuten Online: «Am Montag gehe ich nicht mehr ins Training. Meine Arbeit in Bern ist beendet». Er wird nun die Offerten sortieren. Am liebsten würde er in der Schweiz bleiben, hat aber auch Angebote aus Finnland. Mit leeren Händen musste er nicht heim: Biels Kommunikationschef Chris Habegger überbrachte ihm noch drei, seit seiner Abreise eingetroffene, Fanpostbriefe.

Fans wollen charismatische Spieler

Der SC Bern hat so viel spielerische Substanz und ein so grosse Kadertiefe, dass es auch im Laufe dieser Qualifikation zu keiner echten Krise kommen wird. Trainer Larry Huras macht mit den Spielern, die er zur Verfügung hat, alles richtig und auch das taktische Konzept stimmt. Die Folge ist eine solide, disziplinierte, unerschütterliche, die Spiele meist dominierende, aber langweilige Mannschaft, die zu selten begeistert, zu oft nur Pflichtsiege einfährt und zu viele grosse Partien verliert. Will der SCB weiterhin die höchsten Zuschauerzahlen ausserhalb der NHL schreiben, dann muss der Unterhaltungswert erhöht werden. Auch der Berner lebt nicht vom Sieg alleine. Spektakel gehört einfach dazu. Der Zuschauerschnitt ist trotz zwei Derbys und Gastspielen von Gottéron und Meister Davos auf 15 329 pro Partie gesunken. Seit dem Lockout (2004/05) sind im Schnitt nie weniger als 15 600 Fans pro Spiel gekommen.

Der SC Bern kann die Meisterschaft nur gewinnen (und der Titel muss für dieses Unternehmen immer das Ziel sein), wenn es Sportchef Sven Leuenberger gelingt, bis zu den Playoffs wenigstens einen charismatischen ausländischen Leitwolf und Topskorer zu finden. Einen Ausländer, der so gut ist, dass der Göttibub meines Bekannten weiss, welches Spielerleibchen er im Frühjahr haben möchte.

Eigentlich wäre es einfacher gewesen, diese Arbeit im Sommer zu erledigen.

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