Medikamenten-Vergiftung: Wenn Grosis Herzpillen zu Smarties werden
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Medikamenten-VergiftungWenn Grosis Herzpillen zu Smarties werden

Vergiftungen durch Medikamente sind bei Kindern in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Meistens sind die Eltern dafür verantwortlich, dass heitere Familientage im Spital enden.

von
R. Reinecke

Bunte Dragées, Kapseln oder Tabletten: Für die Kleinen sehen sie aus wie Smarties oder andere Süssigkeiten. Sobald die Eltern einen Moment unachtsam sind, wittert der Dreikäsehoch seine Chance und schluckt die oft reizvoll verpackten Pillen.

Nicht selten endet ein solcher Vorfall im Spital: Alleine im Jahr 2010 kam es in der Schweiz zu mehr als 4500 unbeabsichtigten Medikamenten-Vergiftungen bei Kindern. «Wir konnten im Laufe der letzten Jahre eine Zunahme solcher Fälle bei Kindern bis fünf Jahre beobachten», bestätigt Hugo Kupferschmidt, Direktor des Schweizerischen Toxikologischen Informationszentrums, kurz Tox-Zentrum.

Sorgloser Umgang mit Medikamenten

Der Mediziner nimmt an, dass in den Haushalten mehr Medikamente vorhanden sind als früher. Auch der sorglose Umgang, vor allem mit verschreibungspflichtigen Arzneien, könnte laut Kupferschmidt dazu beitragen, dass immer mehr Kinder unter Vergiftungen leiden, die auf die Einnahme von Medikamenten zurückzuführen sind. «Gefährlich sind vor allem verschreibungspflichtige Arzneien wie Diabetes-Präparate (Blutzucker-Senker), Opiate, Herz- und Kreislaufmedikamente sowie Psychopharmaka», meint der Experte. Je nach Medikament drohen lebensbedrohliche Symptome wie etwa Herz-Rhythmus-Störungen.

Ob die eingenommene Arznei dem Nachwuchs tatsächlich schaden kann, lässt sich für den Laien nur schwerlich erkennen. Kupferschmidt rät deshalb zur Vorsicht: «Egal, um welches Medikament es sich handelt: sofort beim Tox-Zentrum anrufen!» Glücklicherweise können die Experten in den meisten Fällen bereits am Telefon Entwarnung geben.

Im Notfall hilft die Aktivkohle

Für den Fall der Fälle empfiehlt der Direktor des Tox-Zentrums, immer Aktivkohle in der Hausapotheke aufzubewahren: «Die kann man den Kindern nach Rücksprache mit Experten verabreichen, sobald eine gewisse Gefahr für eine Vergiftung besteht».

Von der weitläufig verbreiteten Meinung, man müsse dem Kind nach der versehentlichen Einnahme von Medikamenten grössere Mengen Flüssigkeit zu trinken zu geben, hält Kupferschmidt überhaupt nichts: «Das ist absolut unnötig. Gibt man den Kindern Milch, kann das sogar gefährlich werden», ergänzt der Spezialist. Milch enthalte Fette und die können dazu beitragen, dass die Aufnahme fremder Substanzen im Darm begünstigt wird.

Damit es nicht zu einer Vergiftung kommt, sollte man die Kleinen erst gar nicht auf dumme Ideen bringen: «Kinder neigen dazu, das Verhalten der Eltern nachzuahmen. Deshalb sollte man Medikamente nicht in ihrem Beisein einnehmen», weiss Kupferschmidt und weist darauf hin, dass man Arzneien immer für Kinder unzugänglich – am besten in einer verschliessbaren Hausapotheke – aufbewahren sollte. Damit der Überblick im «Giftschrank» gewahrt bleibt, dürfen ausgediente Medikamente in jeder Apotheke zur Entsorgung zurückgegeben werden.

Vergiftung? Dann die 145 wählen!

Sie können die Experten des Schweizerischen Toxikologischen Informationszentrums rund um die Uhr unter der Nummer 145 erreichen.

Weitere Informationen gibts auf toxi.ch.

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