ASMR-Videos: Wenn Haarebürsten zum «Gehirn-Orgasmus» führt
Aktualisiert

ASMR-VideosWenn Haarebürsten zum «Gehirn-Orgasmus» führt

Tausende Youtube-Nutzer sehen sich monotone Filmchen an – und empfinden dabei höchste Befriedigung. Das Phänomen konnte noch nicht erklärt werden.

von
Stephanie Sigrist

Videos wie dieses lösen bei einigen Zuschauern ein angenehmes Kribbeln aus. (Quelle: Youtube/Fairy Char ASMR)

Eine junge Asiatin macht in einem Youtube-Video 25 Minuten lang Kussgeräusche und flüstert in die Kamera. Dieses Filmchen konnte innerhalb von drei Wochen knapp 180'000 Aufrufe verzeichnen. Eine Zuschauerin schrieb in der Kommentarspalte: «Ich schaue mir das jeden Tag an und es verleiht mir ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit.»

In einem anderen Clip wird im Zeitlupentempo ein winziges Stückchen der Verpackungsfolie eines Kinder-Überraschungseis angehoben. Daraufhin wird das Folienstückchen von knallrot lackierten Nägeln leicht gebogen und einen Millimeter weiter vom schokoladigen Inhalt entfernt. Insgesamt 20 Minuten dauert es, bis das süsse Ei schliesslich von seiner Verpackung befreit ist. Das Youtube-Video schaffte es auf mehr als 230'000 Klicks.

Hier wird 20 Minuten lang ein Überraschungsei ausgepackt. (Quelle: Youtube/DonnaASMR

Eine weitere Dame zeigt auf Youtube, wie sie ihrer Schwester die Haare bürstet und zu einem Zopf flicht. Das Video beginnt allerdings damit, dass pinke Gelnägel langsam über eine Strickjacke fahren, was leise Kratzgeräusche verursacht. Mit diesem kurios anmutenden Handlungsverlauf erzielte sie ebenfalls über 180'000 Klicks.

Mehr als eineinhalb Millionen Mal angeschaut wurde ein 43 Minuten langes Video, das dem Zuschauer das Gefühl gibt, ihm würden ein neuer Haarschnitt und eine Rasur verpasst.

In diesem 18-minütigen Film flicht eine Frau die Haare ihrer Schwester zu einem Zopf. (Quelle: Youtube/ASMRSISters1

Die Kameraperspektive lässt den Zuschauer eine Coiffeursituation nachempfinden. (Quelle: Youtube/VeniVidiVulpes

Besonders beliebt: Flüster-Filmchen

Den Betrachtern sollen solche Videos ein Gefühl der Entspannung verschaffen, bisweilen wird auch von einem «Gehirn-Orgasmus» gesprochen. Dieses Phänomen ist unter dem Namen ASMR bekannt. Das Akronym steht für Autonomous Sensory Meridian Response und beschreibt ein angenehmes Kribbeln, das im Kopf beginnt, sich auf den Nacken und teilweise den ganzen Rücken ausdehnt. Ausgelöst wird es durch Reize wie spezifische Geräusche oder das Beobachten bestimmter Handlungen. Diese Auslöser werden visuelle und auditive Trigger genannt. Besonders beliebt sind das Bürsten und Frisieren von Haaren oder Flüstern. Wie oben beschriebene Videos zeigen, kann der Trigger verschiedenste Formen annehmen.

In Deutschland gibt es seit eineinhalb Jahren ein ASMR-Forum und in einer ASMR-Facebookgruppe tauschen sich mehr als 21'000 User über das Phänomen aus. Ein Mitglied schreibt dort auch, das Kopfkribbeln stelle sich bei ihm ein, wenn jemand einen Gegenstand hochhebe und diesen sanft wieder zurücklege. In der Facebook-Gruppe wird spekuliert, woher das Phänomen kommt. «Hat es vielleicht mit den Beruhigungsmethoden zu tun, die unsere Eltern einsetzten, als wir noch Kinder waren?», rätselt eine Betroffene. Andere Mitglieder halten diese Theorie ebenfalls für plausibel.

In der Wissenschaft kein Thema

Wissenschaftliche Untersuchungen zu ASMR gibt es bislang nicht. Veronika Brandstätter-Morawietz, Lehrstuhlinhaberin Allgemeine Psychologie (Motivation) an der Universität Zürich, sind keine Fachpublikationen zu dem Thema bekannt. Auch am Departement für Angewandte Psychologie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften wird ASMR gemäss Marketingleiterin Tanja von Rotz momentan nicht erforscht.

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