Wenn Hollywood streikt, leidet der kleine Mann
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Wenn Hollywood streikt, leidet der kleine Mann

Was hat es eigentlich mit diesem Streik in Hollywood auf sich? Worum wird gefeilscht, was sind die Effekte und wann kommen die Lieblingsserien zurück? 20minuten.ch sprach mit einer Hollywood-Expertin aus Los Angeles.

Während hierzulande von Sendern wie dem «SF» erst vorgewarnt wird, die kommenden Fernsehstaffeln beliebter US-TV-Serien könnten kürzer ausfallen, ist in Amerika schon das grosse Gähnen losgegangen. «Seit Monaten laufen nur Wiederholungen im Fernsehen, es gibt nichts Neues», erklärt Hollywood-Insiderin Claudia Lang im Gespräch mit 20minuten.ch. «Es schlägt hier die Stunde der Casting-Shows. `American Idol? ist ganz aktuell und Football macht ebenfalls Quote.» «American Idol» ist das US-Pendant zu «Deutschland sucht den Superstar».

Verlierer: Fahrer, Floristen und Kostümverleiher

Wegen des Streiks der Drehbuchautoren sind die Maschinen der Traumfabrik gehörig ins Stottern gekommen. Unversöhnlich stehen sich die Parteien gegenüber. «Die Effekte sind wirklich ganz schlimm», schildert Lang die Lage in L.A. «Man nehme nur die Absage der Golden Globes: Das hat die Stadt 80 Millionen Dollar gekostet.»

Wer jetzt meint, da treffe es ja nicht die Ärmsten, vergisst, wie viele Menschen im Makrokosmos Hollywood mit Glamour ihr tägliches Geld erarbeiten. «Wo soll man anfangen? Es sind die Blumenhändler, die nicht verkaufen. Es sind Kostümverleihe, denen eine Veranstaltung fehlt. Es ist der Limousinen-Service und seine Fahrer, Köche und Caterer, Hotels - ihnen allen fehlen Umsätze.»

Und mit dem Wegfall der eigentlichen Show ist es noch nicht getan. «Nach den Globes bringen die Fashion- und Lifestylemagazine normalerweise besonders dicke Ausgaben auf den Markt. Auch da merkt man den Streik. Keine Veranstaltung bedeutet keine Stars in Abendkleidern – bedeutet seitenweise nichts zu zeigen. Und die Designer bekommen das auch zu spüren», erklärt die Hollywood-Fachfrau. Der Streit ganz oben schlägt durch bis zu den Kleinsten. «Die Restaurants sind leerer, auch die angesagtesten Hot-Spots. Und den Oberkellner kann man plötzlich im Supermarkt treffen, weil sein Restaurant leer bleibt. Selbst Trainer aus schicken Fitnessclubs berichten von Schauspielern, die keine Engagements und daher kein Geld mehr haben und kündigen.»

Internetrechte: Gewerkschaften wollen Entwicklung nicht hinterherhinken

Erst ging es den Drehbuchschreibern um eine Beteiligung an den DVD-Erlösen. Als man sich fast schon geeinigt hatte, kam das Thema Internet und Downloads auf die Agenda und wurde zum Stolperstein. Kriegt da wer den Hals nicht voll? «Als es um die Videoerlöse ging, wurden alle Beteiligten von der DVD-Entwicklung überholt. Wenn jetzt über DVDs gesprochen wird, soll nicht schon wieder der nächste Schritt übersehen werden», macht die Wahl-Amerikanerin deutlich.

Wer wissen will, warum der Kampf so hart geführt wird, muss sich das Schlachtfeld ins Gedächtnis rufen. Auf der einen Seite fünf grosse Studios, auf der anderen Seite jede Menge Gewerkschaften: für Autoren, für Regisseure, für Schauspieler. Wird der einen Branche etwas zugestanden, könnten die anderen dasselbe fordern. Als sich diese Tage die Regisseure mit den Studios auf eine überarbeitete Beteiligungsregelung einigten, gab es von den Autoren prompt Kritik, weil der Abschluss nach ihrer Meinung zu niedrig ausgefallen war.

Chancen gut für Oscar-Verleihungen

Und wieso bleiben Schauspieler dann Verleihungen fern? «Sie sind solidarisch», antwortet Lang. «Sie sind ja selbst Mitglied einer Gewerkschaft, der Screen Actors Guild. Und wenn ein Künstler gleichzeitig auch Drehbücher schreibt oder Regie führt, dann ist er auch Mitglied in mehreren Gewerkschaften. Und boykottiert deshalb Verleihungen.» Dass die Oscar-Verleihung das nächste Opfer des Streiks wird, glaubt Claudia Lang aber nicht. «Das können sich die Gewerkschaften eigentlich nicht leisten. Ich denke, es gibt eine Streikunterbrechung.» Die Veranstalter hätten bereits im TV angekündigt, dass um eine Streikpause gebeten wurde und die Verleihung zur Not auch ohne Promis stattfände.

Vielleicht hat das Ganze jetzt schon etwas Gutes bewirkt und neues kreatives Potenzial geweckt. Talkmaster wie Jay Leno sind wieder auf Sendung, weil die Fernsehstudios Druck gemacht haben. Immerhin zahlen sie Leno und Co. Millionengagen: Da kann man sich auch mal selbst was ausdenken. Der Unterhalter besuchte Kinder in einer Grundschule und liess sie Karten mit ihren Vorhaben für das neue Jahr vorlesen. Denn diese Kinder-Autoren, so Leno, seien ja noch nicht gewerkschaftlich organisiert ...

Philipp Dahm / 20minuten.ch

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