Abtreibung: «Wenn ich Schwangere und Kinder sehe, erlebe ich die ganze Abtreibung nochmals»

Aktualisiert

Abtreibung«Wenn ich Schwangere und Kinder sehe, erlebe ich die ganze Abtreibung nochmals»

Viele Schwangere sind froh, dass sie in der Schweiz legal abtreiben können. Trotzdem hinterlässt eine Abtreibung bei manchen Spuren – auch noch Jahre später. Drei Betroffene erzählen.

von
Nicolas Meister
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Ein Kind zu kriegen ist für viele Paare ein Traum. Gerade im jungen Alter kann eine Schwangerschaft jedoch ungewollt sein.

Ein Kind zu kriegen ist für viele Paare ein Traum. Gerade im jungen Alter kann eine Schwangerschaft jedoch ungewollt sein.

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Betroffene Schweizerinnen sind deshalb froh, bis zur zwölften Schwangerschaftswoche abtreiben zu können. (Symbolbild)

Betroffene Schweizerinnen sind deshalb froh, bis zur zwölften Schwangerschaftswoche abtreiben zu können. (Symbolbild)

AFP
Eine von ihnen ist Celine*. Bei ihrem ersten Mal sei sie ungewollt schwanger geworden, erzählt die 23-Jährige. Weil sie noch in der Schule war und später Karriere machen wollte, sei ein Baby für sie nicht in Frage gekommen.

Eine von ihnen ist Celine*. Bei ihrem ersten Mal sei sie ungewollt schwanger geworden, erzählt die 23-Jährige. Weil sie noch in der Schule war und später Karriere machen wollte, sei ein Baby für sie nicht in Frage gekommen.

Celine

Darum gehts

  • Der US-Gerichtshof hat vor zehn Tagen den Weg für die Bundesstaaten freigemacht, Abtreibungen zu verbieten. Das ist in vielen geschehen.

  • Auch in der Schweiz ist die Straflosigkeit des Schwangerschaftsabbruchs umstritten. Zwei Volksinitiativen zu dem Thema sind pendent.

  • Ein Aufruf von 20 Minuten zeigt: Das Recht auf Schwangerschaftsabbruch ist für viele Frauen ein Segen. Doch für manche ist das Ereignis auch traumatisierend.

In den USA können seit dem Entscheid des Supreme Court Abtreibungsrechte stark eingeschränkt werden. Einige Bundesstaaten haben Schwangerschaftsabbrüche sogar bereits vollständig verboten. Dass Abtreibungen in der Schweiz bis zur zwölften Schwangerschaftswoche noch legal sind, ist für viele betroffene Frauen eine Erleichterung.

Eine von ihnen ist Celine* aus dem Kanton Basel-Land. Bei ihrem ersten Mal sei sie ungewollt schwanger geworden, erzählt die 23-Jährige. «Für mich war sofort klar, dass ich das Kind nicht behalten kann.» Die damals 15-Jährige hatte noch grosse Pläne: Nach ihrem Sekundarabschluss wollte sie eine Lehre machen, später auch studieren und beruflich Karriere machen. «Mit dem Kind wäre das nicht möglich gewesen. Ausserdem war ich selbst noch ein Kind – wie soll ich dann ein anderes erziehen?» Als ihr Freund sie dann auch noch betrogen habe, sei der Entscheid zur Abtreibung festgestanden. «Das war die beste Entscheidung meines Lebens. Bis heute habe ich den Schwangerschaftsabbruch kein einziges Mal bereut.» Celine* ist froh, dass Schwangere in der Schweiz legal abtreiben können: «Abtreibung ist ein Menschenrecht. Was aktuell in den USA passiert, ist eine Katastrophe für alle Frauen.»

«Die Familie terrorisierte mich, nannte mich eine N***e»

Ebenfalls keine Reue verspürt R.R.* nach der Abtreibung. «Als ich mit 19 Jahren schwanger wurde, wollte mein Freund das Kind behalten und mit mir zusammenleben.» Daraufhin habe die Familie des Freundes sie terrorisiert. «Sie sagten, das Kind sei nicht von ihm, ich sei eine N***e.» Als auch ihr Freund dann abstritt, der Vater des Kindes zu sein, sei für sie die Welt zusammengebrochen. «Mir wurde klar, dass ich abtreiben muss. Nicht nur wegen meiner Ausbildung oder aus finanziellen Gründen. Sondern auch wegen des Terrors der Familie meines Freundes, den ich kurz darauf verliess.» Als diese nämlich vom Schwangerschaftsabbruch erfuhren, habe der Terror noch zugenommen, erzählt R. «Sie riefen morgens um zwei Uhr an und beschimpften mich. Für das Kind wäre das der pure Horror gewesen.» Die heute 56-jährige Zürcherin ist sich sicher, dass ihr Leben ohne die Möglichkeit, abzutreiben, ruiniert gewesen wäre. «Deshalb macht es mich auch stinksauer, wenn Männer über den Körper von Frauen entscheiden wollen. Das ist einfach nur armselig.»

Würdest du abtreiben?

«Weil ich nicht abtreiben wollte, schmiss er mich aus der Wohnung»

Doch nicht immer ist eine Abtreibung für Schwangere eine Erleichterung. So leidet Luana* noch heute an ihrem Schwangerschaftsabbruch, den sie vor acht Jahren hatte. «Ich wurde ungewollt von meinem damaligen Freund schwanger. Er verlangte darauf die Abtreibung, ich wollte das Kind behalten.» Das habe einen Streit entfacht, sagt Luana*. «Schlussendlich hat er mich aus unserer gemeinsamen Wohnung geschmissen. Ich dürfe erst wiederkommen, wenn ich abgetrieben habe, sagt er zu mir.» Noch nie habe sie sich so alleine gefühlt, sagt die 26-Jährige. «Ich hatte niemanden. Sogar meine Mutter, zu der ich seit mehreren Jahren ein schlechtes Verhältnis hatte, wollte mir nicht helfen.» Zu all dem habe sie eine Angst überfallen, nicht für ihr Kind sorgen zu können. Deshalb habe sie schlussendlich abgetrieben, sagt Luana*. «In meinem ganzen Leben habe ich noch nie solche psychischen und physischen Schmerzen erlebt.» Ihr damaliger Freund habe sie nicht unterstützt. «Er könne seine Arbeit nicht für mich verlassen, meinte er zu mir.»

Obwohl seither acht Jahre vergangen sind, gebe es nicht einen Tag, an dem sie nicht an ihr ungeborenes Kind denke. «Wenn ich Schwangere und Kinder sehe, durchlebe ich die ganze Abtreibung nochmals.» Jedes Mal bereue sie es aufs Neue, nicht für ihr Kind gekämpft zu haben. «Ich fühle mich so unglaublich schuldig. Das werde ich mir nie verzeihen können.» Sie fordert beim Thema Abtreibung deshalb mehr Aufklärung. «Oft werden Abtreibungen als etwas Schönes und Einfaches dargestellt. Aber das ist oft nicht so.»

Alle Informationen
zum Schwangerschaftsabbruch

Hast du Fragen zum Thema Schwangerschaftsabbruch? Hier sind die wichtigsten Antworten:

  • Bis wann kann ich legal abtreiben? In der Schweiz darfst du bis zur zwölften Schwangerschaftswoche abtreiben. Auch später ist das noch möglich, jedoch nur mit der Erlaubnis einer ärztlichen Fachperson. Es müssen schwerwiegende Gründe vorliegen.

  • Wo kann ich abtreiben? Am besten, du gehst zu deinem Frauenarzt, respektive deiner Frauenärztin. Diese(r) bestätigt die Schwangerschaft und verweist dich entsprechend weiter.

  • Muss ich als Minderjährige meine Eltern informieren? Nein, das musst du nicht. Es wird jedoch empfohlen, sich bei allen Schritten der Abtreibung von einer professionellen Person begleiten zu lassen. Das ist gratis. Mehr Informationen findest du hier.

  • Wer bezahlt eine Abtreibung? Die Kosten werden nach Abzug von Selbstbehalt und Franchise von der Krankenkasse bezahlt.

  • Kann ich nach einer Abtreibung wieder schwanger werden? Ein fachgerecht durchgeführter Schwangerschaftsabbruch macht weder unfruchtbar, noch führt er später zu Fehl- oder Frühgeburten.

Weitere Informationen und Q&As zu Schwangerschaftsabbrüchen findest du hier und in der Box unten.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, ungeplant schwanger geworden?

Hier findest du Hilfe:

Beratungsstellen nach Region

Appella, Telefon- und Onlineberatung

Fachstelle Kindsverlust, Beratung während Schwangerschaft, Geburt und erster Lebenszeit

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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