Aktualisiert 14.07.2009 15:34

WM-Baustellen«Wenn ihr 2010 Spiele wollt, dann helft uns»

Wegen eines Streikes auf den Baustellen für die WM-Stadien in Südafrika ist unklar, ob diese rechtzeitig fertig werden. Doch für den Gewerkschaftssprecher Lesiba Seshoka ist dies längst nicht die grösste Sorge.

Darüber solle sich das südafrikanische Organisationskomitee den Kopf zerbrechen. «Wir sorgen uns darum, dass unsere Familien etwas zu essen haben - nicht, dass ein reicher Mann sich eine Eintrittskarte für ein Spiel kaufen kann», sagte er zu Beginn des Bauarbeiterstreiks. Der Ausstand lähmt seit einer Woche die Arbeit auf den WM-Baustellen und droht den ohnehin knappen Zeitplan zu gefährden.

Die erste Fussball-Weltmeisterschaft auf dem afrikanischen Kontinent vom 11. Juni bis 11. Juli 2010, zu der eine halbe Million Besucher erwartet werden, ist ein Prestigeprojekt für das Land. Mögen viele weisse Südafrikaner auch Rugby vorziehen, die schwarze Bevölkerungsmehrheit ist fussballverrückt. Die Stadien müssen dem vom Weltverband FIFA gesetzten Limit zufolge bis Dezember fertig sein.

Stadien, Bahn und Flughafen betroffen

Doch der Arbeitskampf könnte Vorzeigeprojekte wie Soccer City in Johannesburg und die Stadien in Kapstadt und Durban sowie kleinere Austragungsorte gefährden. Das 68 000 Plätze zählende Green-Point-Stadion in Kapstadt etwa ist erst halb fertig. Die Bauarbeiten hatten schon mit Verspätung begonnen und sind bereits zwei Mal zuvor durch Streiks aufgehalten worden.

Für die Fussball-WM werden fünf Stadien umgebaut und fünf neu errichtet. Vier der fünf Umbauten und die neue Anlage in Port Elizabeth sind schon fertig. Vom Streik betroffen sind auch die Baustellen für den neuen Flughafen von Durban, für Kraftwerke und die Schnellbahnstrecke vom internationalen Flughafen nach Johannesburg und Pretoria. Nach festgefahrenen Tarifverhandlungen rief die Gewerkschaft am Mittwoch vergangener Woche zu Arbeitsniederlegungen auf. Nach ihren Angaben beteiligen sich 70 000 Arbeiter, die Arbeitgeberseite nennt niedrigere Zahlen.

Unterbezahlt und gefährlich

«Der Streik geht weiter», erklärte am Dienstag Bhekani Ngcobo, Verhandlungsführer der Bergbaugewerkschaft, die die Bauarbeiter vertritt. Er hoffe aber, dass ein anstehendes Treffen mit Arbeitgebern und Schlichtern einen Durchbruch bringe. Beide Seiten haben sich bereits angenähert. Die Gewerkschaft hat Ngcobo zufolge ihre Forderung von 13 auf 12 Prozent Lohnerhöhung reduziert. Die Arbeitgeber haben ihr Angebot von 10,4 auf 11,5 Prozent erhöht. Zusätzliche Leistungen eingerechnet, bedeute das eine Erhöhung von 65 Prozent, erklärte Joe Campanella von der Vereinigung der Bauindustrie.

Die Gewerkschaften beklagen allerdings, dass manche Arbeiter nur umgerechnet rund einen Euro die Stunde verdienen, andere umgerechnet 3,50 Euro die Woche - und das, obwohl eigentlich ein Mindestlohn von rund 140 Euro monatlich gilt.

Kritiker befürchten, dass der Streik die Aussichten auf ein erfolgreiches Ausrichten der Weltmeisterschaft gefährdet. Doch der Gewerkschaftsdachverband COSATU hat den Bauarbeitern Rückendeckung gegeben und versichert, der Arbeitskampf sei nicht gegen die WM gerichtet. «COSATU und die Bauarbeiter sind genauso begeistert über die WM 2010 wie jedermann und werden alles tun, damit sie ein Erfolg wird. Aber wir werden nicht hinnehmen, dass die Stadien von Arbeitern gebaut werden, die unterbezahlt sind oder unter gefährlichen und gesundheitsgefährdenden Bedingungen arbeiten», erklärte der Verband.

Ohne Entgegenkommen «wird es 2011»

In Soccer City bei Soweto in Johannesburg, wo das Endspiel ausgetragen werden soll, marschierten am Dienstag hunderte Streikende mit angespitzten Stöcken um das unfertige Stadion und protestierten mit Klageliedern auf Xhosa gegen harte Arbeit für wenig Geld. Der Lohn sei beschämend niedrig, davon könne niemand leben, empörten sie sich. Sie seien stolz, an einem Stück südafrikanischer Geschichte mitzuarbeiten, aber sie hätten nichts davon.

«Wenn ich meine Kinder mal herbringe und sage: 'Dieses Stadion habe ich gebaut', dann glauben sie das nicht, weil ich nichts vorzuweisen habe», sagte David Mahlangu. Einschliesslich Überstunden kommen die Arbeiter nach eigenen Angaben durchschnittlich auf umgerechnet 170 Euro im Monat.

Gelegenheitsarbeiterin Victoria Noki verdient knapp 70 Euro. Ohne Lohnerhöhungen und bessere Arbeitsbedingungen werde es nächstes Jahr viele unfertige Stadien geben, warnte die alleinerziehende Mutter dreier Kinder. «Wenn ihr das 2010 fertig sehen wollt, dann helft uns», forderte sie. «Wenn nicht, werdet ihr das nicht erleben. Dann wird es 2011.» (dapd)

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