Neue Kampagne: Wenn Kinder ihren Eltern den Alkohol kaufen gehen

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Neue KampagneWenn Kinder ihren Eltern den Alkohol kaufen gehen

Wenn Erwachsene trinken, leiden ihre Kinder oft doppelt und dreifach darunter. An der Offa widmet die St. Galler Suchthilfe dem Thema eine Sonderschau.

eli/jeh
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Tabuthema Sucht und Familie: Das Plakat zur Sonderschau der Suchthilfe St. Gallen.

Tabuthema Sucht und Familie: Das Plakat zur Sonderschau der Suchthilfe St. Gallen.

«Ab vier Uhr nachmittags war meine Mutter nicht mehr ansprechbar», sagt Karin S.* (44) aus Arbon. Seit sie sich erinnern kann, war ihre Mutter Alkoholikerin. «Als Kind weiss man aber nicht, was genau los ist – man merkt nur, dass nichts in Ordnung ist. und glaubt, man sei schuld daran.»

Heute ist Karin S. Mitglied von Al-Anon, der Selbsthilfegruppe für Angehörige von Alkoholikern. An der bevorstehenden Frühlingsmesse Offa steht sie gemeinsam mit anderen Betroffenen den Besuchern Red und Antwort. Die Stiftung Suchthilfe St. Gallen organisiert eine Sonderschau, bei der nicht die Süchtigen selbst, sondern die Kinder von Alkoholikern im Mittelpunkt stehen.

Alles wurde vertuscht

«Das Thema ist immer noch tabu. Kaum jemand will darüber reden, doch das ist kontraproduktiv», sagt Jürg Niggli, Geschäftsleiter der Stiftung Suchthilfe. Auch deshalb habe man sich entschieden, eine Kampagne zu starten und die Sonderschau auf die Beine zu stellen. Sie soll informativ und zugleich emotional sein.

Karin S. weiss nur allzu gut, wie Sucht innerhalb von betroffenen Familien vertuscht wird. «Bei uns setzte man alles daran, den Schein zu wahren. Wenn ich mal erzählte, wie es bei uns wirklich zuging, glaubte mir niemand.» Schon als Zehnjährige habe sie den Haushalt geführt und dem Vater das Mittagessen zubereitet, ohne dass er es wissen durfte.

Selbsthilfegruppe für Kinder

Im Dorfladen musste sie den Wein für die Mutter kaufen. «Immer hatte ich eine andere Ausrede, weshalb wir den Wein brauchten», erzählt sie. «Dann lachten die Leute im Laden und ich hatte das Gefühl, sie lachten mich aus.» Dieses Gefühl habe sie die ganze Kindheit hindurch begleitet.

Später als Erwachsene habe sie zwar nicht getrunken, aber dennoch unbemerkt vieles vom Verhalten ihrer kranken Mutter übernommen. Bis sie schliesslich zu Al-Anon fand und erfuhr, dass sie mit ihrer Geschichte nicht allein ist und dass sie keine Schuld trifft. «Sucht ist eine Familienkrankheit», sagt Karin S. Neben Al-Anon gibt es inzwischen auch Alateen, die Selbsthilfegruppe für Kinder von Süchtigen.

Jürg Niggli schätzt, dass jedes zehnte Kind von Sucht betroffen ist. Wichtig sei es, die Kinder zu ermutigen, Hilfe anzunehmen: «Sie sollen wissen, dass sie nicht allein sind.»

* Name der Redaktion bekannt

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