Aktualisiert 27.03.2020 17:07

Virtuelle Tour de Suisse

Wenn Küngs Schweiss auf die Kameralinse tropft

Die Schweizer Landesrundfahrt lanciert ein fünftägiges Online-Rennformat. Derweil ist ihre echte Austragung im Juni stark gefährdet.

von
Emil Bischofberger

Es braucht eine Pandemie, um zwei Sportwelten zu verbinden: Vom 22. bis 26. April duellieren sich echte Radprofis virtuell beim Etappenrennen «Digital Swiss 5», einer Schöpfung der Tour de Suisse. Dieses Rennformat entwarfen die Verantwortlichen in den vergangenen zwei Wochen.

Geplant sind fünf Etappen à rund einer Stunde Renndauer, mit jeweils drei Fahrern pro Profiteam. Teilnahmeberechtigt sind alle 23 Equipen, die im Juni auch an der echten Tour de Suisse dabei sind. Elf Teams haben ihr Mittun bereits zugesichert, weitere dürften folgen – schliesslich sitzen ihre Fahrer alle zuhause, ohne Möglichkeiten auf Renneinsätze.

Onlineplattformen, auf denen virtuelle Radrennen stattfinden, gibt es schon länger. Auf diesen messen sich jedoch primär Amateure, nur gelegentlich gesellt sich auch ein Profi dazu.

So sieht das digitale Rennformat ungefähr aus. (Foto: Tour de Suisse/Rouvy)

Das Format von «Digital Swiss 5» ist aus zwei Gründen aussergewöhnlich. Erstens hat die Tour de Suisse damit ein neues Alleinstellungsmerkmal: Ein virtuelles Profirennen ist eine Premiere. Zweitens: Man konnte auch das Schweizer Fernsehen für das Projekt gewinnen. Dieses wird die fünf Etappen live übertragen.

Um neben den virtuellen auch echte TV-Bilder zu generieren, wird pro Team jeweils ein Fahrer mit einer Kamera ausgestattet, weitere sollen im TV-Studio strampeln und leiden. Gut möglich also, dass der Zuschauer dann Stefan Küng in Nahaufnahme zuschauen kann, wie dieser sich verausgabt, bis der Schweiss auf die Linse tropft.

Weil das Rennen bereits im April stattfindet, ist ihm zudem Publizität garantiert, auch über die Schweiz hinaus: Livesport ist derzeit inexistent. Das dürfte gleichzeitig der Hauptgrund sein für das Interesse des Fernsehens.

Die Umsetzung der Rennidee gelang derart schnell, weil die Tour de Suisse bereits seit knapp einem Jahr mit der Online-Veloplattform Rouvy zusammenarbeitet. Während beim Branchenleader Zwift in komplett virtuellen Landschaften Rad gefahren wird, bringt Rouvy die Welten zusammen: Die virtuellen Velofahrer bewegen sich durch echte Landschaften, die vorgängig abgefilmt wurden.

So werden bei «Digital Swiss 5» auch Teilstücke der diesjährigen Tour de Suisse absolviert werden. Ein echtes Rennen kann daraus gemacht werden, weil die Trainingsrollen der Fahrer mit Wattmessern ausgestattet sind, und so deren Leistungen verglichen werden können.

Tour-de-Suisse-Absage wahrscheinlich

Die grosse Hoffnung von Tour-Chef Olivier Senn ist, dass es in diesem Jahr nicht bei der virtuellen Fahrt auf der echten Tour-de-Suisse-Strecke bleibt. Doch diese ist in den vergangenen zwei Wochen geschwunden. Damals, als sich die Schweiz der Corona-Krise erst langsam bewusst wurde, gab er sich noch recht optimistisch. Er sprach von einem definitiven Entscheid über die Durchführung bis Ende April. Mittlerweile sagt er: «Es wird für alle Beteiligten mit jedem Tag schwieriger zu planen.»

Realistischer ist deshalb, dass in den kommenden zwei Wochen entschieden wird, ob das Rennen stattfindet. «Stand heute sind Veranstaltungen im Juni immer noch erlaubt. Aber jeder sieht die Entwicklung in diesen Tagen und kann selber seine Schlüsse daraus ziehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Tour de Suisse nicht stattfinden kann, halten wir momentan für relativ gross», sagt Senn.

Keine Option wäre ein Rennen unter Ausschluss der Öffentlichkeit, wie es etwa in Frankreich bei der Tour de France diskutiert wird. «Die Tour finanziert sich zu grössten Teilen über die TV-Rechte, währenddessen bei uns das Volksfest zentral ist», sagt Senn.

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