Zwangsrasur: Wenn Männer zur Schere greifen
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ZwangsrasurWenn Männer zur Schere greifen

Ob ungehörige Töchter im Kanton Jura, vermeintliche Hexen im Mittelalter oder «horizontale Kollaborateurinnen» in Frankreich nach der Befreiung: Wenn Männer Frauen demütigen und die letzte Ehre nehmen wollen, gehts an die Haarpracht.

von
Daniel Huber

Der Mann aus dem Kanton Jura wollte seiner jungen Tochter den Ausgang verunmöglichen. Statt ihr einen Hausarrest zu erteilen, machte er sich an ihrem Haupthaar zu schaffen und schnitt es kurzerhand ab. Der überforderte Vater wurde vom Bundesgericht letzte Woche abgestraft. Die Richter werteten die Vollrasur seiner Tochter als Körperverletzung.

Strafe und Stigma

Die Kahlrasur des Schädels zur Bestrafung oder Stigmatisierung hat eine lange Tradition. Bis zur französischen Revolution galt kurz geschorenes Haupthaar als Zeichen für Unfreiheit — Leute von Adel trugen langes Haar, oft als Perücke.

Die erzwungene Rasur zumal bei Frauen war entwürdigend: Prostituierte wurden zur Strafe kahl geschoren und Nonnen mussten ihr Haupt beim Eintritt ins Kloster als Zeichen der Demut scheren. Der Hexerei verdächtigten Frauen wurde das Haar geschnitten, bevor man sie folterte. Ketzern liess die Inquisition die Haare scheren, bevor sie dem Scheiterhaufen übergeben wurden. Und in den spanischen Kolonien wurden Indianer, die zum ersten Mal beim «Götzendienst» erwischt wurden, mit der Peitsche gezüchtigt und kahl geschoren. Beim zweiten Mal drohte der Scheiterhaufen.

Die Kraft der Haare

Der Hauptgrund für diesen Feldzug gegen das vornehmlich weibliche Haar lag wohl in der Vorstellung, dass langes Haar mit besonderen Kräften ausgestattet war bzw. seinen Träger mit solchen versah. Ein bekanntes Beispiel findet sich im Alten Testament: Samson, der über unbezwingbare Stärke verfügte, solange er sein Haar nicht schnitt (Richter 16, 15-19).

Schon in der Antike hatte man Frauen mit langen Haaren Zauberkräfte zugeschrieben; schnitt man die Haare ab, waren die Magierinnen ungefährlich. Deshalb schoren die Folterknechte die vermeintlichen Hexen auf Geheiss der Inquisitoren, denn man glaubte, Satan habe seinen Dienerinnen versichert, es könne ihnen kein Unheil widerfahren, solange sie nur ihr Haar behielten.

Da sich nach antiker und mittelalterlicher Auffassung im Haar ein Teil der Seele befand, durften abgeschnittene Strähnen nie in die Hand eines Fremden gelangen — dieser konnte sonst Macht über den zugehörigen Menschen erlangen. Selbst beim Kämmen ausgefallene Haare sollte man daher nicht fortwerfen, sondern sammeln. Nach dem Tod wurde dieses Haar dem Verstorbenen ins Grab gegeben, da es, wie man glaubte, am Tag des Jüngsten Gerichts wieder anwachsen würde.

Sexuelles Signal

Lange Haare galten — und gelten noch heute — bei Frauen als Zeichen von sexueller Attraktivität. So ist es nicht verwunderlich, dass religiöse Gruppen, die in der weiblichen Sexualität eine mehr oder weniger ausgeprägte Gefahr erkennen wollen, dem Haar besondere Beachtung schenken.

Christliche Nonnen, orthodoxe jüdische Ehefrauen und konservative Muslimas haben ihr Haar dem zudringlichen männlichen Blick zu entziehen; sei es durch einen Schleier oder durch eine Perücke.

Die Dialektik von Verbot und dessen Überlistung zeigt sich dabei besonders augenscheinlich bei den Perücke tragenden Jüdinnen: Das Mittel der Verhüllung selbst imitiert das zu Verhüllende, um dessen Verhüllung aufzuheben. Was den Schmuck verhüllen soll, wird selbst zum Schmuck.

«Horizontale Kollaboration»

Die sexuelle Komponente der Haarpracht spielte mit Sicherheit auch eine wichtige Rolle bei der Bestrafung von Frauen, die Gebote sexueller Natur übertreten hatten. Das bekannteste Beispiel dafür sind wohl die «femmes tondues» in Frankreich: Diese Frauen, die sich während der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg der so genannten «horizontalen Kollaboration» schuldig gemacht hatten, wurden nach der Befreiung einer demütigenden Behandlung unterzogen, deren Hauptbestandteil in der öffentlichen Kahlrasur bestand. Ihre Zahl wird in Frankreich auf 20 000 geschätzt, aber auch in anderen Ländern kam es zu vergleichbaren Aktionen, zum Beispiel in den Niederlanden, wo es die «moffenmeiden» traf.

«Rassenschande» und industrielle Verwertung

Aber auch die Nazis griffen zur Schere, um Frauen zu bestrafen: Deutschen Frauen, die sich in «würdeloser Weise» mit ausländischen Zivilarbeitern oder Kriegsgefangenen eingelassen hatten, drohte neben Zuchthausstrafen auch die öffentliche Zurschaustellung als «Rasseschänderin», und ihnen wurden oft die Haare abgeschnitten.

In den Konzentrationslagern wurde die zwangsweise Rasur der todgeweihten oder bereits getöteten Häftlinge schliesslich zum quasi-industriellen Vorgang. Hier trat die Verwertung der geraubten Haare in den Vordergrund, und das Element der Zurschaustellung entfiel. Den Häftlingen, denen man die Würde genommen hatte, nahm man noch die Haare — und das Leben.

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