Unfall bei Armeeübung - «Wenn man das Kohlenmonoxid spürt, ist es schon zu spät»
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Unfall bei Armeeübung«Wenn man das Kohlenmonoxid spürt, ist es schon zu spät»

Vier Soldaten wurden bei einer Nachtübung am Simplonpass bewusstlos in einem Schützenpanzer aufgefunden. Das sagt der Panzerexperte Peter Stettler zum Unfall.

von
Daniel Krähenbühl

Armeesprecher Daniel Reist äussert sich zum Vorfall auf dem Simplon.

Darum gehts

  • Vier Soldaten werden bei einer Nachtübung bewusstlos im Innern eines Schützenpanzers aufgefunden.

  • Mit Helikoptern müssen sie ins Spital gebracht werden.

  • Peter Stettler, ehemaliger Chef Fachbereich Panzer und Schützenpanzer beim VBS, äussert sich zum Unfall.

Die vier Soldaten hatten Glück im Unglück: Während einer RS-Übung auf dem Simplon verbrachten sie die Nacht in einem Schützenpanzer des Typs M113 und erlitten dabei schwere Kohlenmonoxidvergiftungen. Wie Armeesprecher Daniel Reist sagt, wurden die Soldaten noch während der Übung von Kameraden aufgefunden und mit Helikoptern der Air Zermatt und der Air Glaciers ins Universitätsspital Genf geflogen. Alle befinden sich laut Reist ausser Lebensgefahr, Langzeitschäden seien keine zu befürchten.

Doch wie konnte es überhaupt soweit kommen? «Möglicherweise sind Abgase ins Innere gekommen, vielleicht war eine Standheizung defekt, sagt Reist im Gespräch mit 20 Minuten. Wie wahrscheinlich dies ist ist oder ob der Vorfall selbstverschuldet gewesen sein könnte, dazu will sich der Mediensprecher nicht äussern: «Wir müssen auf die Resultate der Untersuchung warten.»

Dass aber möglicherweise Abgase ins Innere des Fahrzeugs gelangten, sagt auch Peter Stettler, Fachexperte für Kampfpanzer und Schützenpanzer. Über dreissig Jahre lang arbeitete er als Berufsunteroffizier beim VBS, war für die Ausbildung von Panzermechanikern zuständig und amtete später als Chef Fachbereich CH-Panzer und Schützenpanzer.

Herr Stettler, wie konnte es zu einem solchen Unfall kommen?

Mit wenigen Ausnahmen sind heute Kampfpanzer, Schützenpanzer und Sonderpanzer mit Dieselstandheizungen ausgerüstet. Die Abgase werden nach draussen geleitet, der Kampf- oder Mannschaftsraum wird aufgeheizt. Im Regelfall kommt dabei kein Kohlenmonoxid ins Innere.

Falls das Abgas jedoch nicht richtig abziehen kann – etwa weil eine Plane das Kamin abdeckt – könnte es sein, dass das Gas unter ganz dummen Umständen teilweise wieder angesogen wird und die Mannschaft benebelt und vergiftet.

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Bei einer Übung wurden in der Nacht auf Dienstag vier Armeeangehörige verletzt.

Bei einer Übung wurden in der Nacht auf Dienstag vier Armeeangehörige verletzt.

Air Zermatt
Mit Helikoptern der Air Zermatt und der Air Glaciers wurden die Männer ins Universitätsspital Genf geflogen.

Mit Helikoptern der Air Zermatt und der Air Glaciers wurden die Männer ins Universitätsspital Genf geflogen.

Air Zermatt
Die Soldaten bemannten einen sogenannten Schützenpanzer 63 (Symbolbild)

Die Soldaten bemannten einen sogenannten Schützenpanzer 63 (Symbolbild)

VBS/DDPS

Merkt die Besatzung das nicht?

Nein. Kohlenmonoxid ist ein tückisches Gas: Es ist geruch- und farblos, es etwa gleich schwer wie Luft und verteilt sich daher im ganzen Raum gleichmässig. Wenn man spürt, dass man benebelt wird, dass es kritisch wird, da ist es bereits zu spät. Man hat keine Chance, um zu reagieren, sondern wird bewusstlos.

Gemäss Medienberichten wird vermutet, dass die Besatzung den Motor laufen gelassen hat.

Das wäre eher unüblich, aber möglich. Das Laufenlassen des Motors ist eine unheimliche Vergeudung von Treibstoff, gleichzeitig wird auch die Umwelt verpestet. In der Ausbildung wird deshalb auf die Standheizung gesetzt. Ein kürzeres Laufenlassen des Motors wäre höchstens bei entladenen Batterie notwendig, da das Standheizgerät auch Strom benötigt.

Was ist Ihrer Meinung nach passiert?

Die Besatzung könnte während der kalten Nacht in Versuchung gekommen sein, eine der Verschlussplatten zur Motorschottwand zu öffnen. Zwar warnen grosse Kleber im Fahrzeuginneren davor, den Motor laufen zu lassen, wenn die Verschlussplatten entfernt sind. Wenn nicht gleichzeitig die Rampe herabgelassen wird oder mehrere Luken geöffnet werden, wärmt der Motor zwar, die Abgase akkumulieren sich jedoch und die Besatzung wird ohnmächtig – oder Schlimmeres. Die vier Jungs hatten extrem viel Glück, dass sie mit dem Leben davongekommen sind.

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