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«Act of Killing»Wenn Massenmörder mit ihren Taten prahlen

Der Film «The Act of Killing» zeigt, wie 1965 in Indonesien unzählige «Kommunisten» gefoltert und getötet wurden. Die Täter geben mit ihren Grausamkeiten an – die Opfer schweigen.

von
trx

1965 versuchte in Indonesien ein Teil des Militärs, gegen den amtierenden Präsidenten Sukarno zu putschen. Der rechtsgerichtete General Suharto schlug den Aufstand nieder und setzte sich – auch dank Hilfe aus den USA – selbst als Staatschef ein. Als Urheber des Umsturzversuchs verortete Suharto die kommunistische Partei – er verbot sie und begann ein beispielloses Massaker an echten und angeblichen Kommunisten, das zwischen 500'000 und einer Million Opfer forderte. Eine Untersuchung der Massentötungen oder gar eine Anklage gegen die Schuldigen gab es im muslimischen Vielvölkerstaat bis heute nicht.

Bis vor kurzem wurde dieses dunkle Kapitel der indonesischen Geschichte auch kaum aufgearbeitet – doch nun hat US-Regisseur Joshua Oppenheimer einen verstörenden zweieinhalbstündigen Dok-Film «The Act of Killing» gedreht, der hautnah an die damaligen Folterer und Mörder heranführt. Diese erzählen ohne Scham über ihre Taten, als ob das Foltern, Totschlagen und Erwürgen von Menschen das Normalste der Welt wäre. «Die meisten führten mich ungefragt zu ihren Tatorten, wo sie spontan demonstrierten, wie sie ihre Opfer zu töten pflegten», so Oppenheimer in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger».

Der Film, an dem Oppenheimer sieben Jahre arbeitete, und für den er Hunderte von Interviews führte, zeigt die Mörder und Folterer von damals – ihre Opfer aber haben noch heute Angst vor Verfolgung und Repressionen. Sie wollten sich nicht vor der Kamera zeigen. Selbst die indonesische Filmcrew wollte anonym bleiben.

Mit Drogen betäubt

Im Fokus steht vor allem Anwar Congo, ein nett wirkender Grossvater, der Hunderte von verdächtigen Regimegegnern umbrachte. Minutiös erklärt er, warum er und seine Kollegen vom Erschlagen der Opfer zum Erwürgen mit einem Draht wechselte: wegen des vielen Blutes auf dem Boden. Schuldgefühle scheinen ihn nicht zu plagen – er berichtet fast fröhlich, wie er sich abends jeweils mit Alkohol und Drogen betäubte und tanzte, um die Schrecken des Tages zu verdrängen.

In Indonesien hat der Film, der nun für einen Oscar nominiert ist, für Aufregung und Kritik gesorgt. «Indonesien wird als ein grausamer und gesetzloser Staat dargestellt», so Teuku Faizasyah, aussenpolitischer Sprecher des Präsidenten, gegenüber dem «Guardian». Dabei habe sich seit damals im Land viel geändert. Und weiter: «Man sollte ein Land nicht so einfach schubladisieren. Man muss daran denken, dass dieses Problem im Zusammenhang mit dem Kalten Krieg auftrat, einem Krieg gegen den Kommunismus.»

Tatsache ist: Eine Untersuchung der Massaker durch den Staat fand bis heute nicht statt. Die Menschrechtsorganisation Komnas hatte nach Hunderten von Interviews eine Untersuchung gefordert – doch der oberste Staatsanwalt des Landes blieb untätig und verwies darauf, es gebe zu wenig Beweise. Vielleicht sollte er den Film selbst einmal ansehen.

«The Act of Killing» läuft derzeit im Kino Riffraff 2 Zürich sowie im Kino Kunstmuseum in Bern.

Trailer zu The Act of Killing

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