Kannibalismus: Wenn Menschen Menschen essen
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KannibalismusWenn Menschen Menschen essen

Man nennt sie «Metzger», «Vampir» oder «Werwolf»: Der Fall des slowakischen Kannibalen Matej C. lenkt den Blick auf Gewalttäter, deren Verbrechen jede Vorstellungskraft sprengen.

von
Daniel Huber

Seine Fleischeslust im blutigsten Sinn des Wortes hat ein mutmasslicher Kannibale in der Slowakei mit dem Leben bezahlt: Am Donnerstag erlag er den Verletzungen, die er in einer wilden Schiesserei mit der Polizei erlitten hatte. Der 43-jährige Informatiker Matej C. hatte sich mit einem Schweizer, den er im Internet kennen gelernt hatte, zum Essen verabredet – wobei letzterer sich selbst als Mahlzeit anbot.

Der makabere Pakt erinnert an den Fall des «Kannibalen von Rotenburg», der im März 2001 den Berliner Diplom-Ingenieur Bernd Jürgen Armando Brandes auf dessen eigenen Wunsch tötete und Teile der Leiche ass. Auch Armin Meiwes hatte sein Opfer im Internet kennen gelernt. Die grausigen Vorgänge bei dem tödlichen Rendez-vous hielt der ehemalige Oberfeldwebel auf Video fest. Die Bilder von der Entmannung, Tötung und Zerlegung von Brandes waren sogar für gestandene Rechtsmediziner zu viel. 2006 wurde Meiwes wegen Mordes und Störung der Totenruhe zu lebenslanger Haft verurteilt.

Doppelmord in Bodenfelde

Nur in den seltensten Fällen freilich dient sich das Opfer dem Kannibalen selbst an und willigt in seine Tötung und Verspeisung ein, um so ein morbides Verlangen zu befriedigen, dem wohl ein vernichtender Selbsthass zugrunde liegt. In aller Regel nimmt sich der Kannibale Leben und Körper des Opfers ohne dessen Einverständnis. So auch der 26-jährige Jan O., der im November 2010 im niedersächsischen Bodenfelde zwei Jugendliche umbrachte. Der mutmassliche Mörder gestand, dass er bei der Tötung des ersten Opfers Blut aus dessen Wunden gesaugt hatte und in den folgenden Tagen immer wieder zu der Leiche zurückgekehrt war, um dieser weitere Verletzungen zuzufügen. Dem Mann droht nun die Sicherungsverwahrung oder die Einweisung in eine psychiatrische Klinik.

Kannibale wollte Schweizer verspeisen

Der «Werwolf von Hannover»

Als berüchtigtster Kannibale in der deutschen Rechtsgeschichte vor dem spektakulären Fall von Rotenburg gilt wohl Fritz Haarmann – obwohl nie ganz klar wurde, ob der «Werwolf von Hannover» seine Opfer auch tatsächlich verspeist hatte. Sicher ist nur, dass Haarmann, der überdies als Polizeispitzel tätig war, einen schwunghaften Handel mit billigem Fleisch betrieb. Zwischen September 1918 und Juni 1924 lockte er mindestens 24 Männer und Jungen in sein Zimmer, wo er sie dann beim Geschlechtsakt umbrachte: «Bei dieser Gelegenheit habe ich dann meine Opfer in die Kehle gebissen und dann mit den Händen abgedrosselt.» Die Leichen zerstückelte er und verbrannte sie teilweise im Ofen seiner Wohnung. Die Überreste warf er in den Fluss Leine. Dort fanden spielende Kinder im Frühsommer 1924 mehrere menschliche Schädel, was schliesslich zur Verhaftung von Haarmann führte. Der Schlächter freute sich während seines Prozesses sichtlich über seine plötzliche Berühmtheit und wollte auf dem Marktplatz hingerichtet werden: «Dann sehen doch alle Leute, dass ich tot bin – in Amerika – da bin ich auch im Kino – ich bin doch ganz berühmt.» Dieser Wunsch wurde ihm nicht erfüllt: Es war im Gefängnishof des Landgerichts Hannover, wo Haarmann am 15. April 1925 unter dem Fallbeil starb. Noch heute erinnert das «Haarmann-Lied» an den Hannoveraner Serienmörder:

«Haarmann-Lied»

(Quelle: YouTube)

Wohltäter mit Spitzhacke

Nur ein Jahr vor Haarmann segnete ein anderer deutscher Kannibale das Zeitliche: Karl Denke aus dem schlesischen Münsterberg (heute Ziebice). «Papa Denke», wie er auch genannt wurde, galt als gutmütiger Korbflechter, der – obwohl selber arm – immer eine Mahlzeit für Bedürftige übrig hatte. Erst im Dezember 1924 fiel die Maske des vermeintlichen Wohltäters: Ein obdachloser Wanderarbeiter, der sich bei Denke verpflegen liess, entkam knapp der Attacke des 54-jährigen Serienmörders, der ihn mit der Spitzhacke verletzte. Zunächst wurde jedoch das Opfer verhaftet, da Denke behauptete, der Landstreicher habe ihn bestehlen wollen; er selbst habe sich nur gewehrt. Erst am Tag danach wurde Denke doch noch verhaftet. Als man seine Wohnung durchsuchte, fand man Schreckliches: Fässer voll mit gepökeltem Menschenfleisch, Töpfe voller Fett, zwei Blechdosen mit 420 menschlichen Zähnen. Zudem aus Menschenhaut gefertigte Schnürsenkel und schliesslich ein Notizbuch, in dem der Kannibale von 1903 an akribisch seine 30 Mordtaten eingetragen hatte. Denke aber konnte nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden – er hatte sich inzwischen in seiner Zelle erhängt.

Der «Menschenfresser von Duisburg»

Ebenfalls aus Schlesien stammte Joachim Kroll, der aber im Ruhrpott sein Unwesen trieb und als «Menschenfresser von Duisburg» oder «Ruhrkannibale» berüchtigt wurde. Der Waschraumwärter war mit einem Intelligenzquotienten von 76 nahezu schwachsinnig; ausserdem war er – seit er bei einem Metzger gelernt hatte, wie man Tiere schlachtet – sexuell auf das Abstechen und Ausweiden von Tieren fixiert. Nach dem Tod seiner Mutter begann er auch Menschen zu schlachten. 1976 entführte er schliesslich ein vierjähriges Mädchen und tötete es. Als er die Eingeweide des Opfers die Toilette hinunterspülen wollte, verstopfte diese, und dies führte zu seiner Festnahme. Den Beamten zeigte Kroll bereitwillig den Suppentopf auf dem Herd, in dem die Gliedmassen des Mädchens in Salzwasser kochten. «Ich habe davon probiert», sagte der Mörder den Polizisten, «aber es schmeckt nicht.» Kroll wurde wegen achtfachen Mordes zu neunmal lebenslänglicher Haft verurteilt und starb 1991 im Gefängnis.

Vom Grabräuber zum Frauenmörder

Als Filmfigur wurde Ed Gein, der «Plainfield Ghoul» («Monster von Plainfield»), weltweit bekannt: Seine Verbrechen flossen in die Filme «Psycho» (1959) und «Texas Chain Saw Massacre» (1974) ein, und er war Vorbild für den kannibalistischen Serienmörder Jame Gumb alias «Buffalo Bill» im Thriller «Das Schweigen der Lämmer» (1991). Gein lebte als Junggeselle in dem kleinen Dorf Plainfield im US-Staat Wisconsin und fing nach dem Tod seiner dominanten Mutter damit an, Frauenleichen aus Gräbern auszugraben. Schliesslich ging er dazu über, Menschen zu töten. Mindestens zwei Frauen fielen ihm zum Opfer; aus ihrer Haut fertigte er verschiedene Gegenstände an, beispielsweise Armbänder oder Totenmasken. Nach seiner Verhaftung 1957 wurde Gein für geisteskrank erklärt. Er starb 1984 mit 77 Jahren in einer psychiatrischen Einrichtung.

Der «Vampir von Sakramento»

Der 1950 geborene Richard Trenton Chase erlangte als «Vampire of Sacramento» grausige Berühmtheit. Chase glaubte, sein Blut verwandle sich in Pulver, wenn er sich nicht fremdes Blut zuführe. Aus diesem Grund tötete er Katzen und andere Tiere und trank deren Blut. Mit 26 Jahren wurde er in eine psychiatrische Klink eingewiesen, weil er sich Kaninchenblut injiziert hatte. Als er in der Klinik einem Vogel den Kopf abbiss und dessen Blut trank, nannte ihn das entsetzte Personal «Dracula». Gleichwohl wurde er im Jahr darauf entlassen. Danach begann die Serie bestialischer Morde, die bis zu seiner Verhaftung im Januar 1978 andauerte. In einigen Fällen trank Chase das Blut seiner Opfer und verzehrte Teile der Leiche. Wegen sechsfachen Mordes trotz seiner psychischen Krankheit zum Tode auf dem elektrischen Stuhl verurteilt, nahm sich Chase im Dezember 1980 in der Todeszelle mit einer Überdosis Antidepressiva das Leben.

«General Splitternackt»

Von 1989 bis 1996 tobte im westafrikanischen Liberia der erste von zwei blutigen Bürgerkriegen. Die Kampfhandlungen wurden mit äusserster Grausamkeit geführt, wobei sich einer der Warlords besonders hervortat: Joshua Milton Blahyi, der als «General Butt Naked» («General Splitternackt») mit seinen Kindersoldaten 20 000 Menschen umgebracht haben soll. Nur mit Turnschuhen bekleidet zog Blahyi in den Kampf, was ihm seinen Spitznamen eintrug. Die Nacktheit sollte ihn unbesiegbar machen. Auch der morgendliche Verzehr von Menschenfleisch, der ihm nachgesagt wurde, hatte eine rituelle Funktion. Der 1971 geborene Blahyi war bereits als Elfjähriger in einer geheimen Zeremonie erstmals Zeuge einer rituellen Verspeisung eines Menschen geworden. Als seine Dienste am Ende des Kriegs nicht mehr so gefragt waren, floh der Warlord ins Ausland. Dort wandelte er sich zum Prediger, der seine Verbrechen damit rechtfertigte, er sei vom Satan besessen gewesen. Auch nach seiner Rückkehr nach Liberia 2008 ist bisher keine Anklage gegen ihn erhoben worden, da er zur Tatzeit unzurechnungsfähig gewesen sei.

«General Butt Naked Speaks!» (Englisch)

Quelle: YouTube

Der «Metzger von Rostow»

Eine wahrhaft unglaubliche Mordserie ging im November 1990 in Russland mit der Verhaftung des «Metzgers von Rostow» zu Ende. Andrei Tschikatilo hatte 53 Menschen grausam umgebracht, nach eigenen Angaben waren es mindestens 56. Seinen ersten Mord beging er 1978; dafür wurde irrtümlich der vorbestrafte Alexander Kraftschenko zum Tode verurteilt und 1983 exekutiert. Dem jungen Tschikatilo erzählte seine Mutter, sein älterer Bruder sei während der Hungersnot in der Ukraine von hungrigen Bauern entführt und verzehrt worden. Möglicherweise beflügelte dies Tschikatilos morbide Fantasie. Der zeitweise als Lehrer tätige Mann litt unter einer schweren Sehstörung, mangelndem Selbstbewusstsein und Impotenz; er tötete Mädchen, Jungen, Frauen – aber keine erwachsenen Männer. Da er glaubte, das Bild des Mörders bleibe auf der Netzhaut des Opfers zurück, stach er den Sterbenden oder Toten die Augen aus. Er schnitt oft Teile der Genitalien ab, die er dann ass, oder biss den Opfern die Brustwarzen ab. 1992 wurde er zu 86 Jahren Haft und dreifacher Todesstrafe verurteilt und 1994 hingerichtet.

Kannibale in der Talk Show

Der magische Glaube, mit der Einverleibung von dessen Körperteilen auch erwünschte Eigenschaften eines Menschen erwerben zu können, trieb den japanischen Studenten Issei Sagawa 1981 dazu, eine mit ihm befreundete Kommilitonin zu töten. Für den nur gerade 1 Meter 50 grossen Sagawa, der nicht gerade als hübsche Erscheinung durchging, waren hochgewachsene europäische Frauen eine Obsession. Seine wohlhabenden Eltern ermöglichten ihm einen Studienaufenthalt an der Sorbonne in Paris, wo er der Niederländerin Renée Hartevelt begegnete. Sie willigte ein, ihm Deutschstunden zu geben und suchte ihn in seiner Wohnung auf, wo er ihr mit einem Gewehr in den Nacken schoss. Zwei Tage lang ass er Teile der Leiche auf, bis der Geruch und die Fliegen ihn dazu brachten, die Überreste in zwei Koffern im Bois de Boulogne zu entsorgen. Von Passanten überrascht, geriet Sagawa in Panik, rannte davon und liess die Koffer zurück. Es dauerte nicht lange, bis die Polizei bei ihm klingelte. Der Kannibale wurde vorerst ohne Prozess in eine psychiatrische Klinik in Villejuif gebracht, wo er bis 1985 blieb. Dann wurde er nach Japan abgeschoben – wo er nur ein Jahr später nach Interventionen seines Vaters, des Industriellen Akira Sagawa, auf freien Fuss gelangte. Seither wurde der Kannibale in Japan mehrmals in Talk Shows eingeladen, wo er stolz seine Erlebnisse schilderte.

Diese und weitere Beispiele von Kannibalen finden Sie in unserer Bildstrecke!

Mitarbeit: Lukas Egli

Kannibalen

Die Bezeichnung Kannibale geht auf Ureinwohner der Westindischen Inseln zurück. Gemäss den Aufzeichnungen von Kolumbus fürchten sich die Einwohner der Insel Hispaniola vor den «Caniba», den menschenfressenden Einwohnern der Nachbarinsel Bohío. In der Antike und im Mittelalter ging man in der westlichen Welt davon aus, dass am Rande der bekannten Welt menschenfressende Völker lebten. Dies war wohl auch Ausdruck der Furcht vor dem Unbekannten: Kannibalismus ist fast in allen Gesellschaften mit einem Tabu belegt.

Trotzdem ist Kannibalismus in der Menschheitsgeschichte seit Jahrtausenden bis in unsere Zeit belegt, meist als Ritual oder kultische Handlung. Bereits 800 000 Jahre alte Knochen von Homo Erectus belegen kannibalistische Praktiken. Auch der Neandertaler soll ein Kannibale gewesen sein – und später vom Menschen gefressen worden sein. Vom Stamm der Korowai auf Papua-Neuguinea sagt man, dass er noch heute Menschenfleisch esse. Auch in Kriegen kam es immer wieder zu Kannibalismus, jüngst namentlich in Liberia und Kongo.

In der Tierwelt ist Kannibalismus weit verbreitet, vor allem unter Fischen. 90 Prozent aller jungen Hechte werden von grösseren Artgenossen gefressen. Gleiches gilt für Flussbarsche und andere Raubfische. Auch männliche Alligatoren, Warane und Schlangen fressen häufig ihre schwächere Artgenossen. Berühmt für ihren gefährlichen Appetit sind weibliche Spinnen und Gottesanbeterinnen: Sie verspeisen ihre Sexualpartner während der Paarung – irrtümlicherweise, wie man vermutet.

(le)

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