Aktualisiert 15.03.2011 15:13

Atomkatastrophe Japan

Wenn nicht Atomkraft, was dann?

Das Vertrauen in die Kernenergie befindet sich seit den dramatischen Ereignissen in Japan im freien Fall. Alternativen sind da, doch keine ist perfekt.

von
Kian Ramezani
Durch Sonnen- und Windkraft könnte die Schweiz die Lücke, die durch die Abschaltung ihrer AKWs entsteht, momentan nicht schliessen. (Bild: GTZ/Peter Korneffel)

Durch Sonnen- und Windkraft könnte die Schweiz die Lücke, die durch die Abschaltung ihrer AKWs entsteht, momentan nicht schliessen. (Bild: GTZ/Peter Korneffel)

Deutschland hat am Dienstag bekannt gegeben, sieben alte Atommeiler vorübergehend vom Netz zu nehmen. Die Schweiz hat das Bewilligungsverfahren für den Bau neuer Atomkraftwerke sistiert. Das Vertrauen in die Kerntechnologie, die in den vergangenen Jahren so etwas wie eine Renaissance erlebt hatte, schwindet. In einer Kurzumfrage von 20 Minuten Online erklärten 60 Prozent der knapp 9000 Teilnehmer, kein Vertrauen in die Sicherheit der Schweizer AKWs zu haben. Läutet die Katastrophe in Japan das Ende der Kernenergie in der Schweiz ein?

Wenn ja, so müsste eine geeignete Alternative gefunden werden. In der Schweiz stammen knapp 40 Prozent der heimischen Stromproduktion aus den fünf Atomkraftwerken Beznau I und II, Mühleberg, Gösgen und Leibstadt. Alternativen zur Kernenergie, die deren Anteil ersetzen könnten, existieren. Alle haben Vor- und Nachteile.

Potenzial von erneuerbaren Energien begrenzt

Die populärste Lösung wäre, AKWs mit erneuerbaren Energien zu ersetzen. Auf Schweizer Boden ist das allerdings kaum zu schaffen. Der Anteil der Wasserkraft beträgt bereits rund 60 Prozent und kann nicht mehr signifikant erhöht werden. Das Potenzial aus Sonnen- und Windenergie ist hierzulande begrenzt. Hinzu kommt, dass AKWs Grundlastkraftwerke sind, die aus Gründen der Wirtschaftlichkeit Tag und Nacht möglichst auf Höchstleistung betrieben werden.

Diesen konstanten Output, auch Bandenergie genannt, können Wind und Sonne nicht leisten – zumindest nicht in der klimatisch wechselhaften Schweiz. Im Rahmen des Projekts «Desertec» soll dereinst in der Wüste Nordafrikas genug Sonnen- und Windenergie gewonnen werden, um 15 Prozent des gesamteuropäischen Bedarfs abzudecken.

Neue Arten der Massenspeicherung (etwa überdimensionierte Batterien) würden einen Ausweg bieten. Sonnen- und Windstunden könnten konserviert und bei hoher Nachfrage ins Netz eingespeist werden. Die entsprechenden Technologien sind aber noch unausgereift.

Ende des CO2-freien Schweizer Stroms

Die einzige realistische Möglichkeit, in absehbarer Zeit alle fünf Schweizer AKWs zu ersetzen, sind thermische Kraftwerke, die fossile Energieträger wie Kohle, Öl oder Gas verbrennen. Sogenannte Gas-Kombikraftwerke sind schnell bewilligt und gebaut, ihre Kosten halten sich in Grenzen. Das gilt allerdings nur für die Investitionskosten. Die Preise für Erdgas sind ans Erdöl gekoppelt und unterliegen grossen Schwankungen.

Ein weiterer bedeutender Nachteil: Thermische Kraftwerke stossen jede Menge CO2 aus, das grösstenteils im Inland kompensiert werden müsste. Vom heutigen Zustand, fast hundert Prozent des eigenen Stroms CO2-frei zu produzieren, müsste sich die Schweiz verabschieden.

Mehr Importe oder Stromsparen

Eine weitere Möglichkeit wäre theoretisch, den Stromimport aus dem Ausland zu erhöhen. Dazu wären beträchtliche Investitionen in die grenzüberschreitenden Übertragungsnetze nötig. In einer strategisch wichtigen Frage wie der Stromversorgung so direkt vom Ausland abhängig zu sein, wäre zudem ein politisch höchst heikler Entscheid. Auch der Umwelt ist wenig gedient, wenn statt in der Schweiz im Ausland mehr CO2 ausgestossen wird.

Vor allem linke und grüne Kreise verlangen vor diesem Hintergrund seit geraumer Zeit, den Gesamtstromverbrauch in der Schweiz zu senken. Tatsächlich könnten auf diese Weise die Gefahren der Kernkraft und die CO2-Belastung durch die fossilen Energieträger umgangen werden. Inwiefern die sogenannte 2000-Watt-Gesellschaft realistisch ist, steht indes auf einem anderen Blatt. Der Pro-Kopf-Stromverbrauch in der Schweiz nimmt nicht ab, er wächst vielmehr seit Jahrzehnten.

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