Pestizide und Chemikalien: Wenn nichts passiert, sterben in St. Galler Bächen Lebewesen
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Pestizide und ChemikalienWenn nichts passiert, sterben in St. Galler Bächen Lebewesen

Der Kanton St. Gallen hat die Wasserqualität ausgewählter Bäche untersucht. Die Auswertung zeigt, dass ein akuter Handlungsbedarf besteht. Die Verunreinigungen können für gewisse Lebewesen bis zum Tod führen.

von
Adriel Monostori
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Messungen des Amts für Wasser und Energie des Kantons St. Gallen stellen eine starke Verschmutzung fest.

Messungen des Amts für Wasser und Energie des Kantons St. Gallen stellen eine starke Verschmutzung fest.

Kanton St. Gallen
Die untersuchten Gewässer überschreiten die in der Gewässerschutzverordnung festgelegten Parameter für Schadstoffe oft um ein Vielfaches.

Die untersuchten Gewässer überschreiten die in der Gewässerschutzverordnung festgelegten Parameter für Schadstoffe oft um ein Vielfaches.

20min/Adriel Monostori 
Die hohen Werte an organischen Spurenstoffen stellen für Gewässerorganismen oft eine grosse Gefahr dar.

Die hohen Werte an organischen Spurenstoffen stellen für Gewässerorganismen oft eine grosse Gefahr dar.

20min/Marco Zangger

Darum gehts

  • Bei Wasserqualitätsmessungen untersuchte der Kanton St. Gallen 14 Bäche.

  • Die Ergebnisse zeigen, dass die gesetzlichen Anforderungen nicht erfüllt werden.

  • Für die Lebewesen in den Gewässern besteht oft ein hohes Risiko.

  • Grund für die Verunreinigungen sind Pestizide und eine Industriechemikalie.

Die Bäche des Kantons St. Gallen sind stark durch Spurenstoffe belastet. Dies zeigt eine Messkampagne des Amts für Wasser und Energie. Das Amt untersuchte von 2018 bis 2020 die Wasserqualität bei 14 ausgewählten Bächen. Die untersuchten Gewässer überschreiten die in der Gewässerschutzverordnung festgelegten Parameter für Schadstoffe oft vielfach. Sie stellen laut dem Amt aufgrund nachgewiesener organischer Spurenstoffe, auch Mikroverunreinigungen genannt, ein erhöhtes bis sehr hohes Risiko für die Schädigung von Pflanzen, wirbellosen Tieren sowie Wirbeltieren in Gewässern dar.

«In Grossgewässern kommen die Verunreinigungen oft vom häuslichen Abwasser, sowie der Industrie. In kleineren Bächen konnten hingegen mehr Giftstoffe der Landwirtschaft nachgewiesen werden», sagt Jürg Wüthrich, Fachexperte für Umweltanalytik beim Amt für Wasser und Energie Kanton St. Gallen.

Was wurde in den Gewässern gefunden?

Die Überschreitungen der Qualitätskriterien und Anforderungen wurden durch insgesamt 27 Substanzen verursacht: 14 Herbizide (Mittel gegen Unkraut/Pflanzen), sieben Insektizide (Mittel gegen Insekten), zwei Fungizide (Mittel gegen Pilze), drei Arzneimittel und die Industriechemikalie PFOS (Perfluoroctansulfonsäure). Sehr toxische Stoffe wie Insektizide aus der Klasse der Phyrethroide und Organophosphate bleiben problematisch, da sie sich bereits in äusserst tiefen Konzentrationen schädlich auf Gewässerlebewesen auswirken.

«Es besteht akuter Handlungsbedarf»

«Die Lage ist ernst. Es besteht akuter Handlungsbedarf zur Verbesserung der Wasserqualität. Je nach Substanz und Konzentration können Pflanzen und Tiere im Bach absterben», so Wüthrich. Zusammen mit dem Landwirtschaftlichen Zentrum St. Gallen sensibilisiert das Amt deshalb berufliche und private Anwenderinnen und Anwender von Pestiziden und Bioziden zu einem verantwortungsvollen Umgang und Einsatz mit den entsprechenden Mitteln.

Es werden ausserdem runde Tische mit Landwirtschafts-Betreibenden organisiert, die im Einzugsgebiet der jeweiligen Bäche den Boden bewirtschaften. Zusammen wurden Daten gesichtet und die Ursachen für Stoffeinträge in die Gewässer analysiert, um diese in Zukunft zu verhindern. In der Landwirtschaft seien Sofortmassnahmen umgesetzt worden. Defekte Schächte auf den Feldern wurden repariert oder auf den Betrieben Waschplätze für die Spritzgeräte eingerichtet.

Höchste Konzentration im Äächeli

«Im Bach Äächeli im St. Galler Rheintal war die Konzentration der Verunreinigungen am höchsten. Dort konnten an vielen Tagen für Pflanzen und Tiere gefährliche Stoffe nachgewiesen werden. Die Situation ist jedoch nicht nur an diesem Bach schlimm. Man muss überall möglichst schnell handeln», sagt Wüthrich. Das Problem bestehe nicht nur im Kanton St. Gallen, sondern decke sich mit nationalen Werten. Nachdem man die Verursacher am Äächeli darauf aufmerksam machte, habe man weiterhin Messungen durchgeführt, die zeigten, dass sich die Werte besserten. Somit zeige sich, dass die Sensibilisierung als Massnahme wirke, erklärt der Fachexperte.

Die Messkampagne der Jahre 2018 bis 2020 basieren auf biologischen Untersuchungen an fast 100 kleinen Bächen seit 2011. Diese Untersuchungen brachten die grossen ökologischen Defizite zu Tage. Drei Viertel der Fliessgewässerstrecken im Kanton St. Gallen seien kleine Bäche. «Sie sind wertvolle Lebensräume für viele Pflanzen und Tiere, erfüllen wichtige ökologische Funktionen und ihr Schutz ist von grosser Bedeutung für den Erhalt der Biodiversität», sagt Wüthrich. Viele dieser kleinen Bäche liegen in stark genutzten Gebieten. Sie sind dadurch einem erhöhten Risiko durch stoffliche Einträge ausgesetzt. Die genauen Berichte sind auf der Webseite des Kanton St. Gallen aufgeführt.

Bei Menschen richte das verschmutze Wasser in der Regel keinen Schaden an. Das Baden in den Bächen und Flüssen sei deshalb unbedenklich. «In dieser Konzentration sind die Stoffe für Menschen ungefährlich», sagt Wüthrich.

Du weisst von einem Tier in Not?

Hier findest du Hilfe:

Feuerwehr, Tel. 118 (Tierrettung)

Polizei, Tel. 117 (bei Wildtieren)

Tierrettungsdienst, Tel. 044 211 22 22

Schweizerische Tiermeldezentrale, wenn ein Tier entlaufen/zugelaufen ist

Stiftung für das Tier im Recht, für rechtliche Fragen

GTRD, Grosstier-Rettungsdienst, Tel. 079 700 70 70 (Notruf)

Schweizerische Vogelwarte Sempach, für Fragen zu Wildvögeln, Tel. 041 462 97 00

Tierquälerei:

Meldung beim kantonalen Veterinäramt oder beim Tierschutz Schweiz (anonym möglich)

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