Afghanistan: Wenn Obama den Bush macht
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AfghanistanWenn Obama den Bush macht

Es erinnert an 2007. Ein anderer Krieg, ein anderer Präsident - aber wieder eine schnelle Truppenaufstockung als Mittel der Wahl. Obamas Afghanistan-Strategie erinnert frappant an den Irak-Krieg unter George W. Bush.

von
Jennifer Loven
AP

Im Rahmen seiner neuen Afghanistan-Strategie will US-Präsident Barack Obama bis zum Sommer weitere 30 000 Soldaten an die Front werfen. Die massive Verstärkung soll dem Krieg neuen Schub verleihen, der sich seit über acht Jahren hinschleppt und wenig dauerhafte Erfolge gebracht hat.

Ziel ist es, Terroristen daran zu hindern, neue Anschläge auszuhecken, und zugleich Afghanistan so weit in die Spur zu setzen, dass es sich selbst regieren und selbst für seine Sicherheit sorgen kann. «Ich bin überzeugt davon, dass in Afghanistan und Pakistan unsere Sicherheit auf dem Spiel steht», sagte Obama am Dienstagabend vor Kadetten der Militärakademie West Point. «Für die Sicherheit unseres Volkes muss Amerika im Irak erfolgreich sein», hatte sein Vorgänger George W. Bush im Januar 2007 bei seiner Verkündung einer Truppenaufstockung um 20 000 Soldaten erklärt.

Ein langer und zunehmend unpopulärer Krieg

Vom Ablauf bis zu den Zielen ist Obamas neue Strategie der Bushs bemerkenswert ähnlich. Damals im Irak wie heute in Afghanistan ist der Krieg länger, teurer und unpopulärer geworden, als die US-Regierung sich das vorgestellt hatte. Nach den Anschlägen in den USA 2001 wurde das Taliban-Regime am Hindukusch zwar rasch gestürzt, aber Al-Kaida-Terroristen und Taliban-Extremisten organisierten sich im benachbarten Pakistan schon bald wieder neu.

Damals im Irak wie heute in Afghanistan beherrscht die Gewalt das Land, Aufständische gewinnen an Einfluss und die Politiker sind nicht fähig oder willens, die Regierungsgewalt auszuüben. Ein Grossteil der Bevölkerung steht den US-Soldaten mit Argwohn gegenüber. Mancher kooperiert aus Angst mit den Extremisten, mancher des Geldes wegen.

Damals im Irak wie heute in Afghanistan fungiert jeder Soldat als Ausbilder. Ob in Kampf- oder speziellen Ausbildungseinheiten wird von jedem erwartet, als Mentor für die afghanischen Kameraden zu fungieren, gemeinsam mit ihnen auf Streife zu gehen und Gruppen zu bilden.

Aufbau von der Basis her

Damals im Irak wie heute in Afghanistan gilt es als bester Ansatz, von der Basis her aufzubauen. Vorrang hat nun der Schutz der Bevölkerung, damit die Bürger weniger Anlass haben, die Aufständischen zu unterstützen. Amerikanische Finanzhilfe soll direkt in die Provinzen und Distrikte fliessen und nicht nur an die Regierung in Kabul.

Also kupfert der Präsident, der im Wahlkampf ganz auf Wandel gesetzt hat, nur den Ansatz seines Vorgängers ab und wendet ihn auf ein anderes Land an? Ja - und in einigen wichtigen Aspekten auch wieder nicht. Der wichtigste Unterschied zwischen Obama in Afghanistan und Bush im Irak - und zugleich der strittigste Bestandteil seiner neuen Strategie - ist die Andeutung eines Abzugs.

Ein Teil der Soldaten soll im Juli 2011 nach Hause zurückkehren, gerade ein Jahr, nachdem die Verstärkung komplett sein und die Truppenstärke gut 100 000 erreicht haben wird. Wie viele das sein sollen und wann der Abzug beendet sein wird, liess er allerdings offen. Bei Bush war das anders: Der hatte partout keinen Zeitplan für einen Abzug festlegen wollen, um dem Gegner kein Drehbuch dafür zu liefern, wie sie die US-Truppen einfach aussitzen könnten. Fristen für den Abzug stimmte er erst auf Verlangen der Iraker zu.

«Kein Interesse an endlosem Krieg»

Solches Sträuben hält Obama für unlogisch. «Gäbe es keinen Zeitrahmen für den Übergang, würde uns das Gespür für die Dringlichkeit in der Arbeit mit der afghanischen Regierung fehlen», meinte er. «Amerika hat kein Interesse daran, in Afghanistan einen endlosen Krieg zu führen.» Sein Ziel sei es, «diesen Krieg erfolgreich zu beenden».

Allerdings herrscht reichlich Skepsis, ob seine neue Strategie funktionieren kann - ob überhaupt irgendetwas funktionieren kann in einem Land mit so wenig Ressourcen, so vielen Problemen und einer so chaotischen Geschichte. Wie damals im Irak.

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