Tag gegen Lärm: Wenn plötzlich alles zu laut ist
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Tag gegen LärmWenn plötzlich alles zu laut ist

Selbst ein mässiger Geräuschpegel wird für Menschen mit Hyperakusis zur Qual. Die Audiologie-Medizinerin Dorothe Veraguth erklärt das Phänomen.

von
Runa Reinecke
Für sie ist fast alles zu laut: Menschen, die unter Hyperakusis leiden. (Bild: Colourbox)

Für sie ist fast alles zu laut: Menschen, die unter Hyperakusis leiden. (Bild: Colourbox)

Ein vorbeifahrendes Auto, eine Schar Schulkinder: Für Menschen, die besonders empfindlich auf Geräusche reagieren, wird jeder Tag zur Herausforderung.

Anlässlich des heutigen Tages gegen Lärm gewährt Dr. med. Dorothe Veraguth, Leitende Ärztin der Audiologie des Universitätsspitals Zürich, 20 Minuten Online Einblicke in das Leben von Menschen, die selbst einen moderaten Geräuschpegel nur schwer ertragen können.

Frau Veraguth, was ist eine Hyperakusis?

Dr. med. Dorothe Veraguth: Dabei handelt es sich um eine übermässige Lärmempfindlichkeit. Die Toleranz-Grenze für den Geräusch-Pegel liegt bei Hyperakusis-Patienten deutlich tiefer als bei Menschen, die nicht darunter leiden.

Empfinden Betroffene bestimmte Frequenzen - zum Beispiel quietschende Autopneus - als besonders unangenehm?

Nein, die Tonhöhe ist in der Regel nicht entscheidend. Bei der Hyperakusis kommt es auf den Dezibel-Wert, also auf die effektive Lautstärke des Geräusches oder der Geräuschkulisse an.

Wie nimmt ein an Hyperakusis leidender Mensch diesen Lärm wahr?

Das ist sehr individuell. Die einen fühlen ein Unwohlsein, sind irritiert. Andere wiederum empfinden einen leichten bis starken Schmerz im Ohr.

Welche Ursachen liegen einer solchen Lärmempfindlichkeit zugrunde?

Dafür kann es ganz unterschiedliche Gründe geben. Manchmal lässt sich die Ursache des Problems gar nicht feststellen. Nicht selten steckt eine Schwerhörigkeit oder ein Tinnitus dahinter.

Aber wenn jemand schlecht hört, dann sollte er doch eigentlich eher unempfindlicher gegenüber lauten Geräuschen sein ...

Das ist ein weit verbreiteter Irrtum. Bei einem Schwerhörigen sind viele der Haarzellen im Innenohr nicht mehr funktionsfähig. Aus diesem Grund sollte man einen Menschen, der schlecht hört, auch auf gar keinen Fall anschreien. Das ist für ihn äusserst unangenehm.

Es gibt ein Phänomen, welches der Hyperakusis sehr ähnlich ist: Die Phonophobie ...

Im Gegensatz zur Hyperakusis gehört die Phonophobie in den Bereich der Psychiatrie. Ein Phonophobie-Patient reagiert auf ein ganz spezifisches Geräusch - wie beispielsweise ein tieffliegendes Flugzeug oder eine Sirene - mit Symptomen wie Angst, Herzrasen oder Schweissausbrüchen.

Wie diagnostizieren Sie eine Lärmüberempfindlichkeit?

Vieles erfährt man durch die Beschreibung der Symptome des Patienten. Es gibt auch apparative Tests, mit denen die Unbehaglichkeitsschwelle mit unterschiedlicher Lautstärke gemessen werden kann. Dabei muss man allerdings sehr behutsam vorgehen.

Welche Therapiemöglichkeiten stehen Betroffenen zur Verfügung?

Hier kommen vor allem verhaltenstherapeutische Massnahmen zum Einsatz. Wichtig ist, dass der Betroffene lernt, sich wieder langsam an einen höheren Geräuschpegel zu gewöhnen.

Tag gegen Lärm am 25. April 2012

Wer dauerhaft zu viel Lärm ausgesetzt ist, wird krank. Lärmbelastung kann zum frühzeitigen Tod führen. In der Schweiz sind deswegen im Jahr 2000 rund 47 000 beschwerdefreie Lebensjahre verloren gegangen. Dies geht aus einer Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO hervor.

Das Hauptproblem ist laut Angaben des Bundesamts für Umwelt vom Freitag der Verkehrslärm: 1,3 Millionen Menschen seien von übermässigem Verkehrslärm betroffen. Die meisten von ihnen leiden vor allem unter Strassenlärm.

Gemäss der WHO-Studie sind 89 Prozent der verlorenen Lebensjahre die Folge von Strassenlärm. 9 Prozent gehen auf Bahnlärm zurück und 2 Prozent auf Fluglärm.

(SDA)

Weitere Informationen zum Tag gegen Lärm finden Sie hier!

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