Interview mit US-Botschafter: «Wenn Romney siegt, muss ich wohl gehen»
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Interview mit US-Botschafter«Wenn Romney siegt, muss ich wohl gehen»

In der Schweiz hat niemand einen direkteren Draht zum mächtigsten Mann der Welt als Donald S. Beyer. Der US-Botschafter über Obama, Verkehrsbussen und seinen Lieblingskanton.

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A.Fumagalli/K.Ramezani

Es hätte nicht erstaunt, wäre ein Volvo vorgefahren. Donald S. Beyer handelte schliesslich jahrzehntelang mit schwedischen Autos. Doch diese Zeiten sind vorbei. Beyer, seit 2009 US-Botschafter in der Schweiz, verkauft mittlerweile nur noch sein Land – da macht ein schwarzer Cadillac halt mehr Gattung.

Herr Botschafter, in zwei Wochen sind Präsidentschaftswahlen. Haben Sie schon abgestimmt?

Donald S. Beyer: Ja, brieflich.

Für wen?

Für Barack Obama (lacht).

Das mussten Sie ja – nur dank ihm sind Sie Botschafter in Bern.

Natürlich kann ich aller Voraussicht nach länger hier bleiben, wenn Obama gewinnt. Wenn Mitt Romney Präsident wird, muss ich wohl auf das Datum der Amtseinführung zurücktreten. Aber das ist nicht der Grund, weshalb ich für ihn gestimmt habe.

Stehen Sie Obama nach vier Amtsjahren kritischer gegenüber?

Sein Job ist noch nicht zu Ende. Obama hat ein schwieriges Erbe von seinen Vorgängern übernommen, gerade in wirtschaftlicher Hinsicht. Ein Präsident kann nicht alle Probleme in einer Amtszeit lösen. Aber die Arbeitslosigkeit sinkt, in Umwelt- und Gesundheitsfragen wurden gewichtige Fortschritte erzielt - und er hat zwei Kriege beendet.

Entgegen seinem Wahlversprechen werden in Guantánamo aber immer noch Terrorverdächtige festgehalten.

Ja, aber das ist nicht seine Schuld, der Kongress blockiert die Aufnahme der Häftlinge in US-Gefängnissen. Obama ist nicht König, auch er muss sich an die demokratischen Spielregeln halten.

Was ist Obamas grösste Errungenschaft?

Die Geschichte wird uns eines Tages lehren, dass es die Gesundheitsreform ist. Persönlich erachte ich es als noch wichtiger, dass er uns vor einer Rezession bewahrte. Das Konjunkturprogramm hat seine Wirkung nicht verfehlt.

Das betont Obama in jedem TV-Duell mit Mitt Romney. Schauen Sie sich die Debatten jeweils an?

Ich stehe deswegen nicht in der Nacht auf. Am folgenden Tag schaue ich aber grosse Teile davon auf Youtube. Ich liebe die Debatten und im Gegensatz zu früher spielen sie eine wichtige Rolle.

Wo werden Sie die Wahlen verfolgen?

Zuhause in Bern. Ich werde am Nachmittag eine ausgedehnte Siesta machen und mich dann die ganze Nacht im Internet und am TV informieren. Ab 5.30 Uhr werden wir in Bern eine Party veranstalten.

Auch wenn Romney gewinnt?

Natürlich, wir vertreten hier alle Amerikaner.

Was würde ein Romney-Sieg für die Schweiz bedeuten?

Es würde sich kaum etwas ändern.

Romney schlägt gegenüber dem Iran einen deutlich härteren Ton als Obama an. Die Schweiz vertritt dort die US-Interessen.

Fakt ist, dass auch Obama immer klar kommuniziert hat, dass wir dem Iran nicht erlauben dürfen, Atomwaffen zu besitzen. Ob Romney tatsächlich eine noch härtere Gangart einschlagen würde, gilt abzuwarten.

Die EU hat kürzlich die Sanktionen gegen den Iran verschärft. Die Schweiz unterstützt dies nicht, was Sie öffentlich anprangerten. Darf sich ein Botschafter gegenüber der Regierung seines Gaststaates so aus dem Fenster lehnen?

Das stimmt so nicht. Wir respektieren die Haltung der Schweiz. Als ich 2009 meine Stelle in Bern antrat, sagte mir die damalige Aussenministerin Micheline Calmy-Rey unmissverständlich, dass die Schweiz wenig von Sanktionen hält. Auf der anderen Seite ist es der Wunsch der US-Regierung, dass die Schweiz die Sanktionen vollumfänglich mitträgt.

Der Bundesrat argumentiert, dass die iranische Bevölkerung nicht unnötig unter den Sanktionen leiden soll. Genau das passiert jetzt durch den massiven Wertverlust der Landeswährung.

Faktisch teilt die Schweizer Regierung die Auffassung, dass sie nicht zu einer Schwachstelle im Sanktionsregime gegen den Iran werden darf. Auf der anderen Seite will sie ihre Rolle als Schutzmacht nicht untergraben. Wir haben klar zum Ausdruck gebracht, dass uns die Sanktionen und damit eine friedliche Lösung des Atomstreits wichtiger sind als die Aufrechterhaltung des Schutzmacht-Mandats.

Wie muss man sich das eigentlich vorstellen: Liest das Schweizer Botschaftspersonal die US-Nachrichten, bevor sie an den Iran übermittelt werden?

Ich gehe davon aus, dass die Schweiz weiss, was sie da überbringt. Viel läuft ohnehin mündlich. Da vertrauen wir Ihrem Botschaftspersonal total, die Zusammenarbeit ist hervorragend.

Die Iran-Frage ist nicht der einzige Reibungspunkt im schweizerisch-amerikanischen Verhältnis. Wegen dem Steuerstreit können US-Bürger kaum noch ein Bankkonto in der Schweiz eröffnen.

Mit diesem Thema sind wir täglich konfrontiert. Wir verstehen, dass die Schweizer Finanzinstitute aufgrund der neuen US-Regulationen verunsichert sind. Aber wir hoffen, dass sich das Problem dank den bilateralen Verhandlungen bald löst.

Haben Sie selbst ein Konto auf einer Schweizer Bank?

Ja, bei der Credit Suisse. Damit bezahle ich meine Rechnungen.

Auch Verkehrsbussen? Diplomaten fallen in der Schweiz bei derartigen Vergehen nicht immer durch vorbildliche Zahlungsmoral auf.

Ich kann nicht für andere Botschaften sprechen, aber wir bezahlen jede einzelne Busse. Gerade vor einem Monat musste ich meine erste berappen, das hat mich 250 Franken gekostet. Vielleicht war's aber auch meine Frau, ich habe das Beweisfoto noch nicht gesehen (lacht).

Sie waren früher Autohändler. Wie schwer war der Wechsel aufs diplomatische Parkett?

Die beiden Metiers sind erstaunlich ähnlich. Man muss Reden halten, lernt viele Leute kennen und der Dienstleistungsgedanke steht immer im Vordergrund. Das gilt übrigens auch für die Politik. Sie soll letztlich der Bevölkerung dienen.

Das tut der US-Kongress offenbar nicht. In Umfragen erhält er schockierend wenig Vertrauen.

In der Tat stört mich das stark. Sobald meine Frau und ich wieder zurück in Virginia sind, wollen wir die Grabenkämpfe zwischen Republikanern und Demokraten schlichten. Es gibt viele Theorien zu dieser Polarisierung und ich habe auch keine Patentlösung. Ich fühle mich persönlich verpflichtet und versuche, auch als Botschafter meinen Teil beizutragen. Heute Morgen habe ich zum Beispiel mit dem Gouverneur von Oklahoma gefrühstückt, einer Republikanerin.

In den gut drei Jahren als Botschafter in der Schweiz haben Sie allen Kantonen eine offizielle Visite abgestattet. Wo gefällt es Ihnen am besten?

Ich habe mich in Zermatt verliebt, ich gebe es zu. Meine Frau und ich sind vor kurzem auf das Breithorn, einen Viertausender, gestiegen. Als Kanton gefällt mir aber der Jura am besten. Ich liebe die Landschaft und die Kultur – und dass zwei Guantánamo-Uiguren dort untergekommen sind, ist für mich das Pünktchen auf dem i.

Sie sagten 2009, dass Sie alles geben werden, damit Präsident Obama eines Tages in die Schweiz kommt. Bis jetzt warten wir noch darauf.

Bleibt er an der Macht, sehe ich im Rahmen einer Europa-Reise 2013 die grösste Chance, dass er die Schweiz besucht. Ich hoffe sehr, dass dies zustande kommt. Die enge wirtschaftliche Beziehung der beiden Länder wäre ein gutes Argument für einen Besuch.

Können Sie einfach das Telefon in die Hand nehmen und den Herrn Präsidenten anrufen?

Seine Handynummer habe ich nicht, seit seiner Wahl hatte ich auch keinen persönlichen Kontakt mehr mit ihm. Aber ich kenne Leute im Weissen Haus, die ich jederzeit anrufen kann.

Würden Sie selbst gern dort arbeiten?

Ich gebe zu, im Weissen Haus Stabschef zu sein, wäre mein absoluter Traum. Dort hat man wie fast nirgends die Möglichkeit, die Geschicke des Landes mitzubestimmen. Aber ich glaube nicht, dass ich dafür qualifiziert wäre.

Die Botschafter-Stelle in Bern also als Trostpreis?

Ich sage dies aus tiefster Überzeugung: Es gibt kein anderes Land in der Welt, in dem ich lieber Botschafter wäre.

Kannten Sie Christopher Stevens, den getöteten US-Botschafter im libyschen Bengasi?

Nicht persönlich. Aber wir waren natürlich alle sehr betroffen und schockiert. Unserem Botschaftspersonal wurde in Erinnerung gerufen: Wo immer die nächste Station sein wird, ziemlich sicher wird es dort gefährlicher sein als in der Schweiz.

Donald S. Beyer - vom Autohändler zum Botschafter:

Seit August 2009 amtet Donald S. Beyer als US-Botschafter in Bern. Der Weg dahin war allerdings nicht eben gewöhnlich: Der 62-Jährige arbeitete jahrzehntelang in der Autobranche und ist immer noch Miteigentümer einer Autohandelsgruppe. In den Neunzigerjahren war er Vizegouverneur von Virginia. Bei den letzten Präsidentschaftswahlen engagierte er sich stark für Barack Obama und wurde in der Folge zum Botschafter ernannt. Beyer ist in zweiter Ehe verheiratet und hat vier Kinder.

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