Drogenkrieg in Marseille: Wenn Teenies mit Kalaschnikows töten
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Drogenkrieg in MarseilleWenn Teenies mit Kalaschnikows töten

Marseille, Frankreichs zweitgrösste Stadt, wird 2013 Europas Kulturhauptstadt. In den Banlieues der Hafenmetropole regiert der organisierte Drogenhandel und die Gewalt.

von
kub

Quietschende Autoreifen, Schüsse, nervöse Rufe. In der Nacht auf den Montag trafs im verrufenen Norden gelegenen 14. Bezirk (Micocouliers) einen sogenannten «Chouffes», einen «Späher». Ein Mann schoss mit einer 9mm-Pistole sieben Mal auf das Opfer. Der 34-Jährige wurde regelrecht hingerichtet. Der unbekannte Täter flüchtete in einem Auto. Am Steuer ein Komplize. Der Verletzte wurde schwerverletzt ins Spital «Nord» eingeliefert. Seine Überlebenschancen seien gering, wird berichtet. Ein fast normaler Sonntagabend in Marseille.

2013 wird Marseille, Frankreichs Hafenmetropole mit 860 000 Einwohnern, europäische Kulturhauptstadt. Doch die Stadt am Mittelmeer hat Probleme, die einer Kulturhauptstadt nicht würdig sind. Drogenhandel, Bandenkrieg, soziales Elend. In den nördlichen Banlieues, in Font-Vert, le Clos la Rose, las Castellane regiert der Drogenhandel. Die Cités, die heruntergekommenen Wohnsilos für Immigranten und Arme, mutieren in diesem Krieg zu Festungen.

Seit drei Jahren liefern sich diese Viertel einen Krieg. Es ist ein erbarmungsloser Krieg gegeneinander und gegen die Polizei. Der Dezember 2011 war besonders blutig. Fünf Tote in vier Wochen, so die Mord-Bilanz, wie «Le Monde» in einer eindrücklichen Reportage schreibt. Die Kalaschnikow-Salven, die die fünf Männer, darunter ein Polizist, Ende 2011 töteten, waren weit herum zu hören.

Kalaschnikows - Symbol der Brutalität

Das Jahr 2011 war eigentlich relativ ruhig, obwohl die allgemeine Kriminalitätsrate in Marseille wieder anstieg. «Nur» 38 Morde und Mordversuche gabs laut Roland Gauze, Chef der Kriminalpolizei, in Marseille. 20 von ihnen gingen aufs Konto von Drogenhändlern.

Beunruhigend sind laut Gauze zwei Dinge: Erstens werden die Täter und die Opfer in diesem Bandenkrieg immer jünger. «Wir haben es mit immer jüngeren, impulsiveren und unvernünftigeren Leuten zu tun», bilanziert Gauze in der «Le Monde». «Die im Drogenhandel involvierten Jugendlichen seien meist zwischen 14 und 25 Jahre alt.» Und die haben keine Angst vor exzessiver Gewalt.

Das sei der zweite beunruhigende Punkt: Seit rund einem Jahr existiere eine eigentliche Kalaschnikow-Kultur in Marseilles Unterwelt. Die Kalaschnikow AK47 ersetzte die Pump Gun und wurde zum Symbol gewalttätiger Anarchie, zum Zeichen der Macht, erläutert David-Oliviers Reverdy, Sprecher der Polizeigewerkschaft, in FRANCE 24. Eine Kalaschnikow AK47 sei für rund 500 Euro zu haben. Bewaffnete Überfälle mit einer AK47, bei dem die Beute wenige Euros betrage, seien keine Seltenheit. Die extreme Gewaltbereitschaft dieser jungen, vergessenen Generation, die das schnelle Geld im Drogenhandel sucht, sei ein grosses Problem, so Reverdy.

Kriminelle Unternehmen

Das kriminelle Drogennetzwerk umfasst meistens ein Dutzend Jugendlicher. «Sie haben ein System, das sich teilweise in mehrere Verkaufsstellen unten in den Treppenhäusern aufteilt», erklärt Polizeichef Gauze der «Le Monde». «Jedes System ist streng organisiert und diszipliniert.» Anstatt Schule stehen die Jungs auf ihren Posten und wechseln sich ab, um den Verkauf zu sichern – alles beobachtet von den «Chouffes», den Spähern. Sobald die Polizei sichtbar wird, erschallt das «Arrraaah!» von Häuserblock bis Wohnhaus bis Treppenhaus – und alle sind gewarnt. Dann gibt es noch die Treiber, eine Art Handelsvertreter, die Kunden aufspüren, und die Eindecker, die sich um den Nachschub kümmern. Der «Kohlenhändler» ist der Verkäufer. Auf der untersten Hierarchiestufe sind die «Ammen», meist alleinerziehende, mittellose Frauen, die das Kokain und Heroin in ihren Kellern und Wohnungen verstecken. Das Einkommen in diesem «System» ist unterschiedlich: Ein Späher verdient monatlich rund 5000 Euro, ein Kohlenhändler bis zu 10 000 Euro. Doch die meisten verdienen an diesem schmutzigen Geschäft viel weniger.

Solche Netzwerke gibt es in Marseille Dutzende. Wird eines von der Polizei ausgehoben, übernimmt den Platz ein anderes. Das ist Sisyphos. Die Polizei ist machtlos.

Spärliche Lösungsvorschläge

Mehr Polizisten, mehr Jobmöglichkeiten, bessere Integration von Immigranten: Die unterschiedlichen Vorschläge von lokalen und nationalen Politikern, den Drogenhandel, Prostitution und Korruption in der Banlieu endlich in den Griff zu bekommen, zeigen eigentlich nur, wie hilflos die Politik ist. Die Jugendarbeitslosigkeit beträgt 40 Prozent, über 20 Prozent der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Ein Teufelskreis und wohl der Samen des brutalen Drogenkrieges.

Jean-François Chougnet, der das kommende Kulturjahr organisiert, ist überzeugt, dass sich Marseille 2013 zum Besseren wandeln wird. Schliesslich werden auch 90 Millionen Euros in die Stadt, die ein Imageproblem hat, gebuttert. Stararchitektin Zaha Hadid baut derzeit den ersten Wolkenkratzer der Hafenstadt. Die Organisatoren betonen, dass man die antike, multikulturelle Geschichte, die die Stadt einmalig mache, hervorheben möchte. Andere befürchten hingegen, dass die Events die bereits Ausgeschlossenen noch mehr ausschliessen werden. «Wegen Kunstmuseen und Kulturevents wird hier nicht alles zum Guten gewendet werden», meinte ein lokaler Reporter gegenüber The Guardian. Mohammed, ein Verkäufer auf dem Markt von Noailles, bringt es auf den Punkt: «Wer braucht Kultur? Was wir brauchen ist Sicherheit und saubere Strassen. Und wir wollen keine Angst mehr haben.»

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