Aktualisiert 09.08.2011 09:37

Gründe für VergesslichkeitWenn uns das Gedächtnis im Stich lässt

Wie heisst noch gleich die Hauptstadt von Syrien und wo zum Teufel steckt schon wieder die Brille? Vergesslichkeit kennen wir alle - doch nicht in jedem Falle ist sie unproblematisch.

von
rre

«Grüezi, Herr ...äh ..!» Wer kennt das nicht? Ausgerechnet, wenn man es braucht, ist auf unser Gedächtnis kein Verlass. Dennoch ist Vergesslichkeit – zumindest bis zu einem gewissen Grad - völlig normal. Grund zur Sorge besteht erst dann, wenn sich Gedächtnislücken auffällig häufen. Während jüngere Menschen solche Erinnerungsblockaden scherzhaft als Anflug einer jugendlichen Alzheimer-Erkrankung abtun, lassen sich vor allem Ältere von solchen Aussetzern verunsichern. Sie fürchten, an Demenz erkrankt zu sein, einer degenerativen Hirnerkrankung, die sich zunächst durch Gedächtnislücken bemerkbar macht und im weiteren Verlauf zu einem Verlust von Persönlichkeit und Selbstständigkeit führt.

Doch auch gesunden älteren Menschen fällt das Abrufen bestimmter Informationen schwerer als jungen. Warum das so ist, versuchte ein Forscherteam rund um Amy Arnsten von der Yale University School of Medicine herauszufinden. Wie das Wissenschaftsjournal «Nature» berichtete, untersuchten sie die altersbedingten Veränderungen in den Nervenzellen der Grosshirnrinde. Dieses Gehirnareal zeichnet für besonders komplexe Funktionen in unserem Denkorgan verantwortlich. Um die Informationen auf dem neusten Stand zu halten, feuern die Nervenzellen – auch Neuronen genannt – ständig Impulse. Auf diese Weise bleiben uns bestimmte Informationen in Erinnerung.

Kampf dem Neuronen-Feuerlöscher

Während ihrer Untersuchungen gelang es den Forschern im Tierversuch nachzuweisen, dass die Neuronen älterer Tiere während des Erinnerungsvorgangs langsamer feuerten als die der jüngeren. Wurde die chemische Umgebung der Neuronen älterer Tiere an die der jüngeren angepasst, liess sich dieser Vorgang aber wieder beschleunigen. Als ursächlich für den verlangsamten Feuerungsablauf der Neuronen bei den älteren Tieren enttarnten die Forscher eine grössere Ansammlung sogenannter cAMP-Moleküle. Sie schwächen das Feuern der Neuronen ab. Jetzt wollen die Wissenschaftler einen Wirkstoff namens Guanfacin testen: Er soll das cAMP-Molekül ausbremsen.

Doch nicht nur die Geschehnisse im Mikrokosmos unseres Schädels haben Einfluss darauf, ob oder wie gut wir uns bestimmte Dinge merken und sie gegebenenfalls wieder abfragen können. Auch die Umgebung ist für die Speicherung, beziehungsweise für das Abrufen dieser Inhalte von Bedeutung. Ein Beispiel: Der Arbeitskollege aus der Buchhaltung, dem man zufällig beim Einkaufen an der Käsetheke begegnet. Obwohl wir ihn mindestens einmal in der Woche in der Kantine grüssen, will uns sein Name just in diesem Moment nicht einfallen, da er in unserem Gehirn nicht mit der Käsetheke, sondern mit der Arbeitsstelle verlinkt wurde.

Das Schreibpult signalisiert «lernen!»

Solche Verknüpfungen sind aber auch hilfreich. Nützlich sind sie insbesondere dann, wenn man einen Ort mit einer bestimmten Tätigkeit verbindet. So kann es für ein Lernvorhaben durchaus sinnvoller sein, Bücher oder Notebook auf dem Schreibpult auszubreiten, als die Lernutensilien zum Büffeln mit aufs Sofa zu nehmen: Das Gehirn wurde bereits durch viele zuvor abgeleistete Denkstunden am Schreibtisch auf seine Lernumgebung konditioniert, beziehungsweise auf das Lernen programmiert.

Manchmal sind es aber weniger räumliche, als gesundheitliche oder seelische Faktoren, die der kognitiven Beweglichkeit im Wege stehen. Dazu gehören mentale Beeinträchtigungen wie Stress, psychische Belastung oder Schlafmangel. Auch die Einnahme bestimmter Medikamente und eine zu geringe Flüssigkeitszufuhr können das Erinnerungsvermögen beeinträchtigen. Gerade ältere Menschen, die besonders häufig von Verwirrtheitszuständen aufgrund von Dehydrierung betroffen sind, sollten täglich mindestens eineinhalb Liter Flüssigkeit zu sich nehmen. Dann sprudeln – zumindest meistens – auch die Erinnerungen wieder.

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