18.06.2016 20:07

Afghanistan-Einsatz

«Wenn wir sie jetzt nicht stoppen, ist es zu spät»

Die Taliban sind so stark wie nie zuvor seit ihrem Sturz vor 15 Jahren. Ohne Unterstützung ist die afghanische Armee den Islamisten nicht gewachsen.

von
L. O'Donnell, AP
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Drei Monate nach seinem Amtsantritt hat General John Nicholson (59) seinen ersten Bericht vorgelegt.

Drei Monate nach seinem Amtsantritt hat General John Nicholson (59) seinen ersten Bericht vorgelegt.

AP/Rahmat gul
Nicholson befehligt seit März 2016 die Mission Resolute Support, an der neben 9800 amerikanischen auch etwa 3000 Soldaten aus anderen Nato-Staaten beteiligt sind, sowie die parallel laufende Anti-Terror-Mission Freedom Sentinel.

Nicholson befehligt seit März 2016 die Mission Resolute Support, an der neben 9800 amerikanischen auch etwa 3000 Soldaten aus anderen Nato-Staaten beteiligt sind, sowie die parallel laufende Anti-Terror-Mission Freedom Sentinel.

AP/Rahmat gul
Fünfzehn Jahre nach ihrem Sturz würden die Taliban «stärker und stärker», klagt der frühere afghanische Abgeordnete Ghulam Mohammed. Darum wird nun erwartet, dass General Nicholson empfiehlt, die Truppenstärke auszuweiten, um die Ausbildung der afghanischen Streitkräfte voranzutreiben.

Fünfzehn Jahre nach ihrem Sturz würden die Taliban «stärker und stärker», klagt der frühere afghanische Abgeordnete Ghulam Mohammed. Darum wird nun erwartet, dass General Nicholson empfiehlt, die Truppenstärke auszuweiten, um die Ausbildung der afghanischen Streitkräfte voranzutreiben.

AP/Rahmat gul

Drei Monate nach seinem Amtsantritt hat der neue Kommandeur der Nato-Mission in Afghanistan der US-Regierung seinen ersten Bericht vorgelegt. Das erfuhr die Nachrichtenagentur AP aus US-Militärkreisen. Allgemein wird erwartet, dass General John Nicholson empfiehlt, die Truppenstärke auszuweiten, um die Ausbildung der afghanischen Streitkräfte voranzutreiben.

«Ausbildung ist ein grosses Thema, sogar an der Front», sagt der ehemalige afghanische Generalstabschef Schir Mohammed Karimi. Idealerweise müsse für jedes der mehr als hundert Bataillone ein Ausbilder vor Ort sein.

Ursprünglicher Plan: von 9800 Soldaten auf 5000 verringern

Der 59-jährige Nicholson befehligt seit März die Mission Resolute Support, an der neben 9800 US-amerikanischen auch etwa 3000 Soldaten aus anderen Nato-Staaten beteiligt sind, sowie die parallel laufende Anti-Terror-Mission Freedom Sentinel. Bislang ist geplant, die Zahl der US-Soldaten in der Nato-Ausbildungsmission bis zum Jahresende auf 5500 zu reduzieren. Inwiefern dieses Vorhaben umgesetzt wird, hängt unter anderem vom Engagement der Nato-Partner ab.

Dieses Thema dürfte eine wichtige Rolle in Nicholsons Bericht spielen, über dessen Inhalt vorläufig nichts offiziell bekannt ist. Ein Mitglied der US-Streitkräfte in Afghanistan sagte der Nachrichtenagentur AP lediglich, Nicholson habe seine Bewertung abgeschlossen und seinen Vorgesetzten im Pentagon übergeben.

Bessere Ausrüstung

Eng verknüpft mit Nicholsons Empfehlungen für die künftige Truppenstärke ist seine Einschätzung der Sicherheitslage. Die Taliban setzen die afghanischen Streitkräfte seit Monaten stark unter Druck. Nach Angaben der Vereinten Nationen kontrollieren die Taliban mehr Territorium als je zuvor seit ihrem Sturz im Jahr 2001. Laut einer internen Erhebung der Nato ist die Zahl der getöteten afghanischen Soldaten von 2014 bis 2015 um 28 Prozent gestiegen. Auch in diesem Sommer sei mit vielen Toten zu rechnen, sagen Militärexperten.

Die jüngste Offensive der Taliban zeigt, dass die Aufständischen erstarkt und besser organisiert sind. Zugleich haben die vergangenen Monate nach Ansicht von Beobachtern die Schwächen der afghanischen Streitkräfte offenbart: mangelnde Führung, fehlende Professionalität, Selbstgefälligkeit und Korruption. Um die Fähigkeiten und die Moral der afghanischen Truppen zu verbessern, seien Unterstützung aus der Luft, schwere Waffen und vor allem Ausbildung erforderlich, sagt General Karimi – zum Beispiel Helikopter, Mörsergranaten, Ausrüstung zur militärischen Aufklärung «und natürlich Ausbilder für all diese Dinge».

Taliban wurden «stärker und stärker»

Die afghanische Wunschliste ist zweifellos kostspielig. Doch Obamas jüngste Entscheidung, die US-Luftwaffe verstärkt gegen die Taliban einzusetzen, kommt bereits einem stillen Eingeständnis gleich: Afghanistan braucht im Kampf gegen die Islamisten mehr Unterstützung, als das Pentagon ursprünglich erwartet hat.

In Helmand, Kandahar und Urusgan – den südafghanischen Provinzen, die vom Erstarken der Taliban besonders betroffen sind – sind sich allerdings viele Politiker und Vertreter von Dorfgemeinschaften einig: Man kann sich nicht ewig auf Hilfe aus dem Ausland verlassen. Die einzige dauerhafte Lösung seien gut ausgerüstete und leistungsfähige afghanische Streitkräfte. Fünfzehn Jahre nach ihrem Sturz würden die Taliban «stärker und stärker», klagt der frühere Abgeordnete Ghulam Mohammed aus Helmand. «Wenn wir sie jetzt nicht stoppen, ist es zu spät.»

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