Nachts am Handy: «Wer am meisten schläft, gilt als Schwächling»
Aktualisiert

Nachts am Handy«Wer am meisten schläft, gilt als Schwächling»

Auch nachts lassen viele Jugendliche nicht die Finger vom Smartphone. Laut einem Schlafmediziner geht es ihnen vor allem um das Image.

von
B. Zanni
Einige Mädchen und Jungen stellen den Wecker, um nachts das Handy zu checken.

Einige Mädchen und Jungen stellen den Wecker, um nachts das Handy zu checken.

Keystone/leo Thal

Herr Neumann, nehmen Sie das Handy abends mit ins Bett?

Nein. Das Bett ist zum Schlafen da. Aus beruflichen Gründen muss ich aber manchmal mein Handy in der Nähe haben, damit mich der Nachtdienst im Schlaflabor erreichen kann.

Wie sieht es bei den Schweizer Jugendlichen aus?

Ein Grossteil von ihnen nimmt das Handy mit ins Bett. Ich behandle zunehmend Jugendliche mit Schlafstörungen. Es gibt auch solche, die am Morgen nicht mehr aus dem Bett kommen, den Wecker einfach überhören und dann zu spät zur Schule oder zur Arbeit kommen. Andere sind übermüdet. Wer nachts nur drei, vier Stunden schläft, ist so leistungsfähig wie jemand, der 0,5 Promille Alkohol im Blut hat.

Warum kleben die Jungen denn bis spätabends am Handy?

Sie schauen auf dem Handy Youtube-Filme, chatten stundenlang auf Whatsapp mit Freunden, surfen im Internet und kommunizieren auf Facebook und Instagram. Für viele ist das Handy der wichtigste Teilnehmer ihres Lebens. Der Blick aufs Handy ist normal, wenn sie nachts kurz aufwachen. Es kommt aber vor, das Jugendliche danach beleidigt weiterschlafen.

Beleidigt weiterschlafen?

Ja. Es enttäuscht sie, wenn sie sehen, dass sie keine neue Nachricht erhalten haben. Ich behandle auch Mädchen und Jungen, die einen Wecker stellen, um sich nachts auf dem Laufenden halten zu können. Viele wollen 24 Stunden am Tag erreichbar sein.

Warum tun sich Jugendliche das an?

Sie können sich damit vor ihren Freunden beweisen. Wer am wenigsten schläft und am meisten erreichbar ist, gilt als leistungsfähig und gehört nicht zu den Schwächlingen.

Die Forscher einer neuen Studie empfehlen, Handys aus den Jugendschlafzimmern zu verbannen. Wäre das auch in Ihrem Sinne?

Nein. Das ist realitätsfremd. Das Handy im Schlafzimmer zu verbieten, macht nur bei unter 15-Jährigen Sinn. Für ältere Jugendliche wäre das ein starker Eingriff in die Privatsphäre. Mit dem Handy stehen sie im Kontakt zu ihren Freunden, was im Ablösungsprozess wichtig ist. Das Smartphone ist das Intimste, was sie haben. Es ist schon fast so etwas wie ein Tagebuch.

Was können Jugendliche vor dem Einschlafen auf dem Handy bedenkenlos machen – und was besser nicht?

Um gut schlafen zu können, sollte man sich aktiv auf den Schlaf vorbereiten. Das, was wir kurz vor dem Zubettgehen machen, begleitet uns in den Schlaf. Für einen erholsamen Schlaf eignen sich Entspannungs-Apps oder man kann auch Musik auf dem Handy hören. Nicht empfehlen würde ich, eine halbe Stunde vor dem Schlafen zu chatten, Filmchen zu schauen oder Newsportale zu konsultieren. Diese Aktivitäten kratzen oft auf.

Wo soll man das Handy hinlegen, wenn man sich schlafen legt?

Weit weg vom Bett. Liegt das Handy auf dem Nachttisch, ist es zu verlockend, so dass man wieder darauf schaut. Legt man es weiter weg, hat man sich auch klar zum Schlafen entschieden.

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