Asylbewerber: Wer bleiben kann, wird kaum kriminell
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AsylbewerberWer bleiben kann, wird kaum kriminell

Junge Asylbewerber aus Tunesien oder Algerien sind besonders häufig kriminell - das ist bekannt. Doch welche Nationalitäten stehen eigentlich am anderen Ende der Statistik und warum?

von
Jessica Pfister
Asylsuchende aus Eritrea im Übergangszentrum Atlantis in Zürich. Eritreer gehören zu den Nationalitäten, die nur selten einer kriminellen Tat beschuldigt werden.

Asylsuchende aus Eritrea im Übergangszentrum Atlantis in Zürich. Eritreer gehören zu den Nationalitäten, die nur selten einer kriminellen Tat beschuldigt werden.

Sie beherrschen die Schlagzeilen – kriminelle Asylbewerber aus Nordafrika. Während kantonale Behörden mit verstärkten Polizeikontrollen oder Sonderstaatsanwälten das Problem in den Griff bekommen wollen, rufen nationale Politiker nach sofortigen Ausschaffungen oder umzäunten Internierungslagern.

Kaum öffentliche Beachtung finden hingegen jene Asylbewerber, die sich korrekt verhalten. Wie eine Auswertung von 20 Minuten Online zeigt, wurden im vergangenen Jahr Personen aus China, Eritrea, Sri Lanka, Afghanistan und Syrien am seltensten einer Straftat beschuldigt. Bei allen lag die Kriminalitätsquote unter 10 Prozent. Klar am wenigsten kriminell waren die Chinesen – wobei es sich bei mehr als einem Drittel um Tibeter handelt. Im Vergleich: Bei Nationalitäten wie Algerien oder Marokko lag die Quote im hohen zweistelligen Prozentbereich.

«Motivation, sich gut zu verhalten, ist grösser»

Für Beat Meiner, Generalsekretär der Schweizer Flüchtlingshilfe, ist klar, weshalb sich die oben genannten Nationalitäten im Vergleich so anständig verhalten. «Im Gegensatz zu den jungen Nordafrikanern, die zumeist keine Aussicht auf einen geregelten Aufenthaltsstatus haben, bestehen bei Asylbewerbern aus Tibet oder Eritrea gute Chancen auf eine Aufnahme als Flüchtling.» Dass heisse auch, dass sie legal arbeiten und ihren Lebensunterhalt selbstständig bestreiten können.

Die guten Chancen auf eine Aufnahme sieht auch Georg Carl, Asylkoordinator des Kantons Graubünden, als Hauptgrund für die tiefe Kriminalitätsrate dieser Nationalitäten. «Ihre Motivation ist viel grösser, sich gut zu verhalten.» Asylbewerber ohne Aussicht auf Bleiberecht wüssten hingegen, dass ein beschmutzter Leumund keine grossen Konsequenzen mit sich bringe. Einigen könne man vermutlich die Absicht unterstellen, sich hierzulande zu bereichern.

«Land, welches Überleben ermöglicht»

Nicole von Jacobs, Integrationsbeauftragte des Kantons Basel-Stadt, sieht neben den Chancen auf Asyl noch einen anderen Grund für das unterschiedliche Verhalten von Flüchtlingen in der Schweiz. «Ausschlaggebend ist sicher auch die Situation im Heimatland.» Für Asylbewerber aus Kriegsgebieten wie Syrien oder aus Ländern, wo sie wegen Dienstverweigerung politisch verfolgt werden wie Eritrea, sei die Schweiz das Land, welches ihnen das Überleben ermögliche. «Viele dieser Menschen sind traumatisiert und deshalb in erster Linie damit beschäftigt, wieder normal denken und fühlen zu können.»

Im Gegensatz dazu seien die jungen Nordafrikaner äusserst unternehmungslustig. «Das liegt vor allem auch daran, dass die Schweiz meist nicht ihre erste Asylstation ist und sie schon wissen, wie das Umfeld funktioniert», so von Jacobs. Ausserdem seien sie fast immer alleine unterwegs, während andere Asylbewerber mit Partner oder Kindern flüchten würden.

Nicht unbedingt besser integriert

Anzunehmen, die Nationalitäten mit einer geringeren Kriminalitätsrate würden sich später auch besser integrieren, ist laut den Experten jedoch falsch. Gerade bei den Tamilen und den Eritreern gebe es erhebliche Probleme bei der Integration, wie Meiner von der Flüchtlingshilfe anmerkt. Bei den Tamilen würden sich die Konflikte vor allem innerhalb der Familie abspielen. «Die Jungen wollen vermehrt so leben wie die Schweizer Kollegen, was bei ihren Eltern jedoch schlecht ankommt», sagt Meiner. Auch Alkoholprobleme seien verbreitet.

Bei den Eritreern gebe es Spannungen zwischen der Gruppe, die bereits in den 90er-Jahren in die Schweiz geflüchtet ist und jenen, die erst kürzlich gekommen sind, so Meiner. «Während die ältere Gruppe mehrheitlich die Militärdiktatur unterstützt und dieser jährlich 2 Prozent des Einkommens als Steuer abliefert, ist die zweite Generation gerade wegen dieses brutalen Regimes geflüchtet.»

So wurde verglichen

Um eine seriöse Aussage über die Kriminilitätsrate der Asylbewerber zu machen, hat 20 Minuten Online die nationale Kriminalstatistik 2011 mit der gleichjährigen Asylstatistik (Bestand Ende Dezember) verglichen. Konkret wurden die Zahl der Asylbewerber, die einer Straftat beschuldigt wurden nach Nationalität mit der Zahl entsprechender Staatsangehöriger im Asylprozess in Bezug gesetzt. Länder mit weniger als 10 Asylbewerbern wurden nicht mitgezählt. Dies ergab pro Nationalität eine Quote.

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