Ratlosigkeit in Nahost: Wer destabilisiert den Sinai?
Aktualisiert

Ratlosigkeit in NahostWer destabilisiert den Sinai?

Nach der blutigen Anschlagsserie auf der Sinai-Halbinsel rätselt die Region über die Urheber und ihre Motive. Israel, Ägypten und die Palästinenser schieben sich gegenseitig die Schuld zu.

von
K. Ramezani

Zwei Anschläge innert drei Tagen auf ägyptische Grenzsoldaten, Angriffe auf israelische Zivilisten, unzählige Sabotageakte auf Gas-Pipelines: Der Sinai droht endgültig im Chaos zu versinken. Wer hinter den Aktionen steckt, ist unklar. Auf der strategisch wichtigen Halbinsel treffen ägyptische, israelische und palästinensische Interessen aufeinander. Entsprechend unterschiedlich fallen die Erklärungen und Anschuldigungen aus.

Im Misstrauen gegenüber Israel sind sich die meisten Ägypter einig, ungeachtet aller politischen, konfessionellen und sozialen Unterschiede. Die Muslimbrüder, denen vor seiner Wahl auch Präsident Mohammed Mursi angehörte, machen den israelischen Auslandgeheimdienst Mossad für den Anschlag vom Sonntag verantwortlich, bei dem 16 ägyptische Soldaten getötet wurden. Sie verweisen auf den Umstand, dass Israel offenbar von der Aktion wusste und seine Bürger jenseits der Grenze rechtzeitig evakuierte.

Israel sieht sich als primäres Ziel

Doch was für ein Motiv könnte Israel haben? Den frisch gewählten Islamisten in Kairo zu demütigen und dazu zu bringen, den Grenzübergang Rafah zum Gazastreifen wieder dicht zu machen. Tatsächlich ordnete Mursi unmittelbar nach der Aktion genau dies an.

Israel weist solche Vorwürfe, die auch die Hamas erhebt, als absurd zurück. In Jerusalem geht man vielmehr davon aus, dass der Anschlag nicht primär Ägypten, sondern Israel galt. Die Attentäter hatten nicht nur ägyptische Grenzsoldaten getötet, sondern auch ein Armeefahrzeug erbeutet, mit dem sie den massiven Grenzzaun durchbrachen und auf israelisches Territorium vorrückten.

Nach kurzer Fahrt Richtung Süden gerieten die Eindringlinge unter Beschuss und mussten umkehren. Wenig später wurde das gepanzerte Fahrzeug von der israelischen Luftwaffe zerstört. Die verkohlten Leichen der Insassen sind inzwischen den ägyptischen Behörden übergeben worden.

Arabisch mit palästinensischem Akzent

Israel und die Fatah im Westjordanland machen die im Gazastreifen regierende Hamas für den Anschlag verantwortlich. Laut Augenzeugen sprachen die Attentäter arabisch mit palästinensischem Akzent, was auf ihre Herkunft aus dem Gazastreifen hindeuten könnte. Die Hamas hat jegliche Beteiligung abgestritten aber signalisierte Bereitschaft, bei einer Untersuchung zu kooperieren. Beobachter werten dies als Eingeständnis, dass zumindest ein Teil der Attentäter aus dem Gazastreifen stammen könnte. Dieser wird zwar von der Hamas kontrolliert, beheimatet aber auch radikalere Gruppierungen wie der Islamische Dschihad, die teilweise eine eigene Agenda verfolgen.

Eine aktive Verwicklung der Hamas ist angesichts ihrer Nähe zu den Muslimbrüdern, die jetzt in Ägypten regieren, schwer vorstellbar. Erst vor zwei Wochen war ihr Chef im Gazastreifen, Ismail Haniyeh, von Mursi in Kairo empfangen worden. Allerdings kontrolliert die Organisation auch das Netzwerk der Schmuggeltunnels, über das neben Artikeln des täglichen Bedarfs auch Waffen von Ägypten in das abgeriegelte Palästinensergebiet gelangen. Sollten Palästinenser aus Gaza in den Anschlag verwickelt sein, hätten sie höchstwahrscheinlich einen solchen Tunnel für den Grenzübertritt benutzt.

Wird der Sinai re-militarisiert?

Wer auch immer hinter dem Anschlag steckt, für Präsident Mursi ist er eine gewaltige Herausforderung. Die Wiederherstellung von Sicherheit und Ordnung war eines seiner zentralen Wahlversprechen und ein Hauptpunkt seines Erste-100-Tage-Plans. Hoffnungen, mit der Wahl eines neuen Präsidenten würde sich die volatile Lage in Ägypten beruhigen, haben sich zerschlagen.

Plötzlich wird in der Bevölkerung eine alte Forderung wieder laut: Die Re-Militarisierung der Sinai-Halbinsel, wo seit Abschluss des Friedensvertrags zwischen Ägypten und Israel 1979 keine grossen Verbände mehr stationiert werden dürfen. Den Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung einzig den Fesseln des Camp-David-Abkommens zuzuschreiben, greift aber zu kurz. Die vielen Zwischenfälle deuten auch auf ein Versagen der ägyptischen Sicherheitskräfte hin.

Armeekritiker halten es gar für möglich, das Militär nehme das Chaos bewusst in Kauf, um damit einen Vorwand zur Re-Militarisierung zu schaffen. Wenn dem so ist, können die Generäle bereits einen ersten Erfolg verbuchen: Sie lassen inzwischen mit Helikoptern Jagd auf vermutete Täter machen und setzte erstmals seit dem Jom-Kippur-Krieg von 1973 Raketen auf dem Sinai ein. Solche Aktionen müssen laut dem Friedensvertrag mit Israel abgesprochen werden.

Vernachlässigte Beduinen

Die Sinai-Halbinsel ist nicht erst seit Ausbruch des Arabischen Frühlings eine Problemregion. Die dort ansässigen Beduinen werden von der Zentralregierung vernachlässigt und marginalisiert. Die meisten haben keine Papiere und sind offiziell nicht einmal ägyptische Staatsbürger. Kairos Interesse beschränkte sich bisher auf den südlichsten Zipfel um Sharm El-Scheich, eine der wichtigsten Tourismus-Destinationen Ägyptens.

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