Aktualisiert 15.01.2014 14:13

Jugendschutz warnt«Wer ein Kind zum Küssen drängt, schadet ihm»

Müssen Kinder unfreiwillig Schmatzer verteilen, werden sie eher Opfer von Pädophilen, warnen britische Experten. Auch Schweizer Fachleute raten, niemals Küsschen zu erzwingen.

von
nj
Wenn ein Kind nicht küssen will, sollte man es nie dazu drängen, warnen Experten.

Wenn ein Kind nicht küssen will, sollte man es nie dazu drängen, warnen Experten.

«Jetzt gib doch dem Onkel ein Küsschen»: Egal ob zur Begrüssung, zum Abschied oder zum Dank – Erwachsene wollen von ihren Nichten, Neffen, Paten- und Enkelkindern immer mal wieder einen Schmatzer haben. Ob die Kleinen dazu Lust haben, ist meist egal. «Weigert sich ein Kind, geht oft eine grosse Diskussion los», sagt Daniela Melone, Leiterin Elternberatung von Pro Juventute. Häufig würden die Kinder regelrecht emotional erpresst mit Sätzen wie «Hast du mich denn nicht lieb?» oder «Das gehört sich aber so».

Dass sie den Kleinen damit ernsthaft schaden könnten, bedenken wohl die wenigsten Erwachsenen. Vertreter des britischen Sex Education Forums, dem mehrere private und staatliche Organisationen in England angehören, schlagen jetzt aber Alarm: Die erzwungenen Küsschen könnten das Kind zur leichten Beute für Pädophile machen, schreiben englische Zeitungen. Die Kleinen würden nämlich so nicht lernen, zu ungewolltem Körperkontakt Nein zu sagen. Auch Schweizer Fachleute warnen vor erzwungenen oder erbettelten Schmatzern. Besonders die «Sonst-bin-ich-aber-traurig»-Masche sei problematisch, sagt Melone. Denn genau diese würden auch Pädophile immer wieder anwenden.

Unfreiwillige Schmatzer sind Übergriff

Dass ein ungewollter Kuss alleine spätere Übergriffe begünstigt, glaubt Melone zwar nicht. «Aber es besteht natürlich ein Zusammenhang.» Denn das Kind werde dadurch nicht dazu ermutigt, auf seine innere Stimme zu hören und Nein zu sagen. Dieser Meinung ist man auch bei der Fachstelle Limita, die Präventionsarbeit gegen sexuellen Missbrauch betreibt. «Jedes Brechen einer eigenen Haltung eines Kindes ist schlecht. Man sollte deshalb jedes Nein stärken», sagt Erika Haltiner von Limita.

Ein Kind zu einem Küsschen zu nötigen, sei bereits für sich alleine ein Übergriff, warnen die Expertinnen. «Ein Küssli ist etwas Intimes. Und Körpernähe, die nicht gewollt ist, ist sehr unangenehm», so Haltiner. Einem Kind ungefragt einen Schmatzer aufzudrücken sei deshalb genauso tabu, wie das Kind zum Küssen überreden zu wollen, findet Melone von Pro Juventute. «Selbst das Grosi muss den Enkel vorher fragen und eine negative Antwort diskussionslos akzeptieren.» Diese Haltung teilt Talia Bongni von der Stiftung Kinderschutz Schweiz: «Fragen ist erlaubt, aber Nein heisst Nein.»

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.