Kulturelle Elite: «Wer Erfolg haben will, muss ein Hipster sein»
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Kulturelle Elite«Wer Erfolg haben will, muss ein Hipster sein»

Jugendforscher Philipp Ikrath* hat ein Buch über Hipster geschrieben. Im Gespräch erklärt er, warum diese die Welt verändern werden.

von
Ph. Flück
Philipp Ikrath hat das Buch «Hipster. Trendsetter und Neo-Spiesser» geschrieben.

Philipp Ikrath hat das Buch «Hipster. Trendsetter und Neo-Spiesser» geschrieben.

Herr Ikrath, sind Sie ein Hipster?

Nein, dafür bin ich zu alt. Hipster sind typisch für den Zeitgeist der 2000er, ich gehöre noch zur Generation X.

Warum haben Sie dann ein wissenschaftliches Buch darüber geschrieben?

Mich hat die Frage interessiert, warum der Hipster, anders als andere jugendliche Subkulturen, so viel Hass und Häme abbekommt. Das Buch ist eigentlich nicht streng wissenschaftlich. Ich würde es eher als Essay bezeichnen: Es enthält viele Mutmassungen, Theorien und Gedankenspiele.

Im Titel des Buches bezeichnen Sie Hipster als Neo-Spiesser. Was hat es damit auf sich?

Der Hipster geht, ohne es zu wissen, konform mit dem herrschenden Zeitgeist und ist diesem total angepasst. Deswegen bezeichne ich ihn als Spiesser, wenn auch nicht als einen der herkömmlichen Sorte. Der herkömmliche Spiesser hat nämlich den Zeitgeist einer vergangenen Epoche widerspiegelt, während der Hipster den der Gegenwart verkörpert.

Was macht den Hipster überhaupt aus?

Ein Hipster ist jemand, der eine bestimmte Mentalität oder Geisteshaltung verkörpert. Diese besteht darin, dass die Welt sich in einem sich ständig veränderten Fluss befindet. Er ist ausserdem ein Produkt des Kapitalismus. Damit meine ich nicht den traditionellen, archaischen Kapitalismus, sondern den neuen Kapitalismus, der flexibel ist und sich den Wünschen seiner einzelnen Kunden anpasst. Deshalb ist auch der Hipster auf der höchsten Stufe flexibel. Zum Beispiel ändert er oft den Beruf.

Man könnte aber entgegnen, Hipster seien einfach unentschlossen.

Nein, da gibt es einen Unterschied: Der Hipster ist nicht unentschlossen, er verändert alles, weil er die Veränderung in seinem Leben begrüsst. Für den Hipster verändert sich alles nur zum Besseren. Dinge, die gleich bleiben, langweilen ihn hingegen.

Muss ein Hipster denn vollbärtig sein und eine Hornbrille tragen, wie er oft dargestellt wird?

Nein. Natürlich gibt es solche äusserlichen Merkmale wie lange Bärte oder Stofftaschen, die man mit Hipstern verbindet, doch Hipster können völlig unterschiedlich aussehen. Das Einzige, was sie alle gemeinsam haben, ist, dass sie in Städten leben, finanziell aus guten Verhältnissen kommen und ein hohes Bildungsniveau haben.

Wo steht der Hipster in der Politik?

Seiner Mentalität entsprechend ist ein Hipster politisch sehr offen. Besonders bei gesellschaftlichen Themen ist das der Fall. Zum Beispiel wird er wohl kaum etwas dagegen haben, wenn Homosexuelle eine Familie gründen wollen. Dies aber nicht, weil er toleranter wäre als andere Menschen, sondern weil er nach dem Motto lebt: leben und leben lassen.

Trotzdem hat der Begriff Hipster heute oft eine eher negative Konnotation.

Das stimmt. Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass viele Leute nichts mit dem Hipster und seiner Mentalität anfangen können. Wer nämlich traditioneller denkt, hat Angst, unter die Räder des Hipsters und seiner Denkweise zu kommen.

Ist das eine berechtigte Angst?

Ja. Hipster sind daran, eine Welt zu erschaffen, die immer mehr ihrer Mentalität entspricht. Wer in Zukunft erfolgreich sein will, wird sich den Hipstern anpassen müssen.

Werden wir in Zukunft also Hipster-Politiker und Hipster-Banker haben?

Auf jeden Fall. Hipster werden sicher in einflussreiche Positionen kommen. Dies liegt nicht nur daran, dass sie besser gebildet sind als der Durchschnitt, sondern auch daran, dass sie den herrschenden Zeitgeist verkörpern. Bereits heute sieht man das: Es gibt schon viele Leute, die ihre eigenen Start-ups erschaffen wollen und sich nicht auf ein Projekt festsetzen wollen, sondern gleichzeitig mehrere Dinge am Laufen haben. Das ist typisch Hipster.

Im Zusammenhang mit Hipstern hört man oft, dass diese nicht dem Mainstream entsprechen wollen. Woher kommt diese Angst, Mainstream zu sein?

Das hängt damit zusammen, dass die Hipster eine Elite sind. Sie stehen für eine höhere Kultur. Der Hipster hört keine Hitparade, kleidet sich nicht im H&M und isst nicht im McDonald's. Das sind alles Dinge für die grosse Masse, von der sich der Hipster unbedingt abgrenzen will. Man kann sie mit den früheren kulturellen Eliten vergleichen, die etwa Händel oder Bach hörten, um sich vom Pöbel zu unterscheiden.

Das kann ziemlich überheblich wirken.

Das ist durchaus so. Aber eigentlich haben Hipster nur höhere Ansprüche als der Durchschnittsbürger.

*Philipp Ikrath ist Vorsitzender und wissenschaftlicher Leiter bei Juggendkulturforschung.de, ein Verein, der auf nicht-kommerzielle Jugendforschung spezialisiert ist. Er hat ausserdem das Buch «Hipster. Trendsetter und Neo-Spiesser» geschrieben.

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