17.11.2020 04:45

Massnahme gegen Corona«Wer es aushält, soll vier Wochen niemanden treffen»


In Österreich darf ab Dienstag pro Haushalt nur eine Person Mitglieder eines anderen Haushalts treffen. Das Modell könnte auch in der Schweiz als letztes Mittel gewählt werden.

von
Bettina Zanni

Die deutsche Bundesregierung ruft mit einem neuen Video zum Zuhausebleiben auf. Dafür erntete sie nicht nur Lob.

Darum gehts

  • Pro Haushalt darf in Österreich nur eine Person Mitglieder von ausserhalb treffen oder besuchen.

  • Geht es nach einem Vertreter der österreichischen Taskforce, würde eine 1-Personen-Regel auch die Schweiz im Kampf gegen das Coronavirus weiterbringen.

  • Auch GLP-Nationalrat Martin Bäumle befürwortet strengere Kontakteinschränkungen für die Schweiz.

  • Andere Stimmen dagegen sprechen von «Entmenschlichung».

Österreich will mit harten Kontakteinschränkungen das Coronavirus in den Griff bekommen. «Treffen Sie niemanden», bat Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) eindringlich. Jeder soziale Kontakt sei einer zu viel. So gilt ab Dienstag eine 1-Freunde-Regel: Pro Haushalt darf nur eine Person Mitglieder eines anderen Haushalts treffen oder besuchen (siehe Box). Ähnliche Schritte plant Deutschland.

Möglichst präzise Regeln seien unabdingbar, um die Fallzahlen nachhaltig zu reduzieren, sagt Herwig Kollaritsch, Infektiologe und Mitglied des Beraterstabs der Coronavirus-Taskforce des österreichischen Bundesministeriums, zu 20 Minuten. «Schreibt man die Regeln nicht entsprechend präzise nieder, finden die Menschen immer wieder einen Weg, sie zu umgehen.»

Noch mehr Infektionen kann sich Österreich laut Kollaritsch nicht mehr leisten. Österreich weist rund 800 Neuinfektionen pro eine Million Einwohner in den letzten sieben Tagen auf, in der Schweiz sind es rund 600. Bei den Intensivbetten sei das Land am Anschlag – für die neu getroffenen Massnahmen gebe es keine Alternative. «Ansonsten muss man triagieren und Menschen wissentlich sterben lassen. Das sollte in einer abendländischen Gesellschaft nicht passieren.»

Weniger Kontakte

Trotz fast so hoher Fallzahlen treffen die Schweizerinnen und Schweizer derzeit vermutlich mehr Leute als im Frühling während des Lockdown. Laut Daten der Apple-Mobilitätstrends nahm die Mobilität beim ÖV um rund 30 Prozent ab im Vergleich zum Durchschnitt. Im Lockdown betrug der Wert fast 80 Prozent.

«1-Personen-Regel würde auch Schweiz helfen»

Die Schweiz grenzt an Österreich und verzeichnet mindestens so hohe Fallzahlen wie das Nachbarland. Dennoch verzichtet der Bund bisher auf einen Lockdown. Bundeskanzler Sebastian Kurz bedauerte deshalb den «grossen Austausch mit Vorarlberg». Geht es nach Herwig Kollaritsch, würde eine 1-Personen-Regel auch die Schweiz im Kampf gegen das Coronavirus weiterbringen. «Die Reduktion der physischen Kontakte ist in einer Pandemie zentral. Wie man diese durchsetzt, bleibt jedem Land selber überlassen.»

Der Infektiologe rechnet damit, dass die Regel vor allem für alleinstehende sowie ältere Menschen sehr unangenehm sein wird. «Sie führt zu Vereinsamung und depressiver Verstimmung, verstärkt durch das neblige Wetter und die immer dunkleren Tage.» Da der Lockdown aber nur bis zum 6. Dezember dauere, sei die Regel vertretbar. «Je rigoroser das Vorgehen ist, desto weniger lange muss es durchgezogen werden.»

«Kontakt zu einem weiteren Haushalt»

Auch GLP-Nationalrat Martin Bäumle befürwortet strengere Kontakteinschränkungen für die Schweiz. «Ideal wäre, wenn jeder Haushalt den Kontakt auf nur einen weiteren Haushalt beschränken würde.» Wer es gut ohne Freunde aushalte, solle vier Wochen gar keine physischen Kontakte pflegen.

Bäumle hat ein eigenes Modell für die Corona-Ausbreitung errechnet. «Wenn ich mein Modell anschaue, sind die Leute recht vernünftig.» Das Wichtigste sei jetzt, durchzuhalten.

«Regeln sind eine Entmenschlichung»

Epidemiologisch hält Otto Kölbl die 1-Personen-Regel für sinnvoll. In der Praxis rate er aber davon ab, so Kölbl, der an der Uni Lausanne zu Corona forscht und Mitglied der informellen Covid-19-Taskforce des deutschen Innenministeriums ist. «Solche Regeln bedeuten eine Entmenschlichung.» Die Menschen brauchten physische soziale Kontakte. «So fühlen sie sich geborgen und finden Selbstbestätigung.» Eine Videokonferenz könne diese Gefühle nicht ersetzen.

Kölbl hält es für sinnvoll, auf Treffen bei Freunden zu Hause zu verzichten. «Dafür sollte man sich im Freien mit mehreren Leuten treffen.» Die Schweiz sei eine Skifahrernation. «Mit einem Grill kann man sich auch bei kalten Temperaturen mit anderen Leuten gut im Park treffen.»

1-Personen-Regel

Österreich verhängt ab Dienstag den Lockdown. Dazu gehört auch eine 1-Personen-Regel. Pro Haushalt darf demnach nur eine Person Mitglieder eines anderen Haushalts treffen oder besuchen. Gemeint sind «engste Familienangehörige» oder «wichtige Bezugspersonen». Auch für Single-Haushalte gibt es keine Extrawurst. «Definieren Sie eine Person, mit der sie während des Lockdown im persönlichen Kontakt bleiben», sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP).
Ähnliche Schritte plant Deutschland. Laut einem Entwurf der Beschlussvorlage sollen sich Kinder und Jugendliche nur noch mit einem festen Freund in der Freizeit treffen. Für private Zusammenkünfte mit Freunden und Bekannten ist vorgesehen, dass sich diese auf einen festen weiteren Hausstand beschränken.

Hast du oder jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Tel. 147

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474 Kommentare
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HannA

18.11.2020, 07:27

die ganzen Massnahmen treffen doch vor allem sozial Schwache, die Herren in Bern haben genug grosse Bankkonten um locker noch 2-3 Lockdowns zu überstehen. Die haben doch keine Ahnung vom wirklichen Leben des normalen Bürgers und ich meine nicht die die jeden Monat 8-10000 nach hause tragen.

Janey

18.11.2020, 06:55

Ich kann keinen Sinn darin erkennen, private Kontakte so drastisch einzuschränken und auf der andern Seite Demonstrationen mit Hunderten, ja Tausenden Menschen zuzulassen, wo die meisten nicht mal eine Maske tragen. Auch Restaurants und Hotels zu schliessen ist zu hinterfragen. Wieso lässt man nicht alles offen, was sich an die Schutzkonzepte hält, und alle andern schliesst man kategorisch für mindestens 3 Monate. Massnahmen zu treffen mag sinnvoll sein aber nutzlos wenn diesselben nicht kontrolliert und umgesetzt werden.

baba

17.11.2020, 08:45

hmm.. alles hat noch offen: Geschäfte, Büros, Schulen, Spielgruppen, Fitnesscenter, Turnvereine usw. (was ich auch gut finde) aber privat soll ich dann niemanden mehr treffen? Klar sollte man den kontakt einschränken, mein Sohn hat seine Grosseltern schon seit Monaten nicht mehr gesehen und sie vermissen sich sehr aber wir hoffen so wenigstens Weihnachten zusammen feiern zu können. Aber dann soll er wenigstens seine Freunde treffen dürfen.