Trainer-Frage: Wer Frankreich überlebt, wird ein Held
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Trainer-FrageWer Frankreich überlebt, wird ein Held

Wenn Sean Simpson die schmähliche 2:4-Niederlage gegen Frankreich als Nationaltrainer überlebt, hat er eine grosse Zukunft vor sich.

von
Klaus Zaugg
Helsinki

Gegen Frankreich haben wir eine ganz besondere Kulturgeschichte der Niederlagen. Noch am 22. Februar 1988 demütigten wir die Franzosen unter Nationaltrainer Simon Schenk beim Olympischen Turnier in Calgary gleich mit 9:0. Seit mehr als 30 Jahren hatten wir gegen diesen Gegner nicht mehr verloren. Doch dieser Triumph trug bereits der Keim künftiger Dramen in sich.

1990: Aufstieg verdaddelt

Im Frühjahr 1989 erlitten wir am 6. April in Lillehammer die bisher teuerste Pleite gegen Frankreich. Damals war der Gastgeber eines A-WM-Turniers nicht gesetzt. Die Schweiz musste also bei der B-WM in Norwegen den Aufstieg schaffen um die WM 1990 in Bern und Fribourg bestreiten zu können. Eine sensationelle 2:5-Pleite gegen die Franzosen kostete uns den Aufstieg. Dem umtriebigen damaligen Verbandspräsidenten Dr. René Fasel gelang es dank seinen guten Beziehungen, bei der WM 1990 ohne die Heimmannschaft einen Verlust abzuwenden: Er überredete seinen Freund, den weltberühmten Künstler Jean Tinguely, extra für die WM Kunstwerke zu schaffen. Deren Verkauf kompensierte die ausbleibenden Zuschauereinnahmen ab. Nationaltrainer Simon Schenk blieb im Amt, schaffte im Frühjahr 1990 den Aufstieg, wurde später Nationalrat und Kult-Sportchef bei den ZSC Lions.

Experiment Tamminen und Lichtgestalt Krueger

Weniger Glück hatte Nationaltrainer Juhani Tamminen: Er verlor mit der Schweiz beim Olympischen Turnier von Albertville am 12. Februar gegen Frankreich 3:4, verpasste das Viertelfinale und wurde gleich nach dem Turnier gefeuert. Der Finne wurde bald darauf Nationaltrainer in Frankreich.

Am 28. April 1995 besiegte Juhani Tamminen nunmehr als Nationaltrainer der Franzosen die Schweizer an der A-WM in Gävle 3:2. Es war eine wegweisende Niederlage in den Abstieg. Nationaltrainer Mats Waltin wurde gefeuert und Verbandspräsident Sepp Brunner warf bald darauf das Handtuch. Heute ist Juhani übrigens auch bei der WM in Helsinki als TV-Experte im Einsatz und geniesst in Finnland einen ähnlichen Kultstatus wie Don Cherry in Kanada.

Am 1. Mai 2000 verloren die Schweizer in Sankt Petersburg gegen Frankreich 2:4. Aber Ralph Krueger korrigiert die Pleite zwei Tage später mit einem 3:2 gegen Russland und wurde zur Lichtgestalt unseres Hockeys, die ihre Strahlkraft bis und mit dem Olympiaturnier 2010 in Vancouver behalten sollte.

Simpson mit dem Rücken zur Wand

Und nun hat also Sean Simpson gegen Frankreich 2:4 verloren. Kann er diese Pleite in den zwei verbleibenden Spielen gegen die Slowakei (Sonntag, 19.15, live SF2) und die USA (Dienstag, 19.15, live SF2) korrigieren und im Amt bleiben, dann wird auch er, wie Simon Schenk und Ralph Krueger, eine Ikone unseres Hockeys. Denn die Geschichte lehrt uns: Wer Niederlagen gegen Frankreich im Amt überlebt, wird ein Held.

Bleibt noch die Frage: Warum verlieren wir so oft so schicksalsschwer gegen Frankreich? Die Franzosen haben über Jahre hinweg ihre ganz eigene Spielkultur entwickelt: Sie spielen ein ganz ähnliches Defensivsystem wie wir einst unter Ralph Krueger. Damit bringen sie Teams mit beschränkter offensiver Durchschlagskraft wie die Schweiz immer wieder in grösste Schwierigkeiten. Kommt dazu, dass dem Team seit Jahren gute Goalies (Petri Ylönen, Fabrice Lhenry, Cristobal Huet) Rückhalt geben.

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