Migrationsstudie: Wer «Grüezi» sagt, gehört dazu
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MigrationsstudieWer «Grüezi» sagt, gehört dazu

Eine Studie in Agglomerationsgemeinden zeigt: Grüssen ist wichtig für den sozialen Austausch und somit für die Integration. 20-Minuten-Leser mit Migrationshintergrund erzählen, was sie für Erfahrungen gemacht haben.

von
Anja Zingg
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Eine Studie der Eidgenössischen Migrationskommission untersucht, was Bewohner von Agglomerationen bewegt. Die Forschenden fragten nach Veränderungen und untersuchten, ob Migration oft genannt wurde. (Symbolbild)

Eine Studie der Eidgenössischen Migrationskommission untersucht, was Bewohner von Agglomerationen bewegt. Die Forschenden fragten nach Veränderungen und untersuchten, ob Migration oft genannt wurde. (Symbolbild)

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Sybille Siegwart, die stellvertretende Geschäftsführerin der Eidgenössischen Migrationskommission, sagt: «Das Grüssen steht stellvertretend für den sozialen Austausch.» Dieser sei für viele Bewohner extrem wichtig. 

Sybille Siegwart, die stellvertretende Geschäftsführerin der Eidgenössischen Migrationskommission, sagt: «Das Grüssen steht stellvertretend für den sozialen Austausch.» Dieser sei für viele Bewohner extrem wichtig.

zvg
Was meint die 20-Minuten-Community? Wie wichtig ist Grüssen? Und erleben Personen mit Migrationshintergrund das anders? (Symbolbild) Drei 20-Minuten-Leser erzählen. 

Was meint die 20-Minuten-Community? Wie wichtig ist Grüssen? Und erleben Personen mit Migrationshintergrund das anders? (Symbolbild) Drei 20-Minuten-Leser erzählen.

Getty Images/Westend61

Darum gehts

  • Eine neue Studie untersucht, wie Bewohner von Agglomerationsgemeinden Migration wahrnehmen.

  • Wichtig für die Integration sei der soziale Austausch, zeigt die Studie.

  • Drei 20-Minuten-Leser erzählen, wie sie das mit dem Grüssen wahrnehmen.

Das «Grüezi» lässt die Anonymität verschwinden. Zu diesem und weiteren Schlüssen kam eine Studie der Eidgenössischen Migrationskommission. Grüssen «scheint eine Art universeller Indikator für die Qualität des gesellschaftlichen Zusammenhalts zu sein», wie die Autoren der Studie festhalten.

Weitere Erkenntnisse und mehr zum genauen Vorgehen der Studienautoren findest du in der Box am Ende des Artikels.

Grüssen gegen die Anonymität

Wie nimmt die 20-Minuten-Community das mit dem Grüssen wahr? Drei Männer mit Migrationshintergrund erzählen von ihren Erfahrungen. Einer von ihnen ist Dani (21). «Mir wurde als Kind beigebracht, zu grüssen, seither mache ich das so.» Er finde das eine schöne Geste. «Gerade als Kind von Migranten wird einem bewusst, dass die Schweiz das einzige Land ist, in dem man auf der Strasse wildfremde Personen grüsst. Ich find es wichtig, diese Geste der Freundlichkeit weiterzuführen.»

«Einige Leute schauen wohl ganz genau»

Nadia Baghdadi forscht zum Thema Integration und weiss, dass es von der einheimischen Bevölkerung stark erwartet wird, dass man sich an Gepflogenheiten hält, wie eben zum Beispiel zu grüssen. «Migranten, die sich verhalten wie erwartet, sind eher akzeptiert.» Aber die Dozentin der Ostschweizer Fachhochschule betont auch: «Integration ist immer auch Interaktion. Es ist keine einseitige Handlung, sondern ein Wechselspiel. Darum ist es auch wichtig, welches Gefühl von der heimischen Bevölkerung vermittelt wird.»

Evren Ciftci hat sich ebenfalls auf den Grüezi-Aufruf gemeldet. «Grüssen hat auch etwas mit Respekt zu tun», sagt der 28-Jährige. Er wohnt ebenfalls in einer Agglomerationsgemeinde. Mit dem Grüssen sei er aufgewachsen, für ihn gehöre es dazu. Zu den Erkenntnissen der Studie sagt er: «Ich kann mir vorstellen, dass einige Leute ganz genau schauen, ob jemand mit ausländischen Wurzeln grüsst oder nicht, und falls dann jemand nicht grüsst, dies negativ auf eine ganze Bevölkerungsgruppe überträgt.» Ciftci hat türkische Wurzeln, persönlich habe er aber noch nie eine solche Situation erlebt.

Einzelne Erfahrungen werden überbewertet

Nadia Baghdadi stellte in ihrer Forschung genau das fest, was Ciftci vermutet: «Es wird genauer geschaut, wie sich Migranten benehmen. Und diese Wahrnehmung wird teilweise überbewertet. Das führt dazu, dass eine ganze Gruppe generalisiert wird. Und zwar viel stärker negativ als positiv.» Was Baghdadi ebenfalls immer wieder in Gesprächen mit Migranten erfuhr: «Der Wunsch, dazuzugehören, ist bei fast allen da. Aber manchmal bekommen migrierte Personen das Gefühl, dass sie zum Beispiel in einem Verein nicht erwünscht sind.»

Für 20-Minuten-Leser Costa Katsoulis ist klar:«Grüssen hat etwas mit Anstand und Freundlichkeit zu tun.» Der 58-Jährige wohnt in einer Agglomeration, also genau in jenem Raum, der im Fokus der Studie stand. Auch Katsoulis hat Migrationshintergrund. «Ich habe einen griechischen Vater und eine Schweizer Mutter.» Aber er betont: Grüssen habe für ihn nichts mit Migration zu tun. «Es verkörpert Offenheit, und damit habe ich mein Leben lang gute Erfahrungen gemacht.»

Die Studie

«Alteingesessene fürchten sich vor sozialer Verarmung»

Sibylle Siegwart ist stellvertretende Geschäftsführerin der Eidgenössischen Migrationskommission, welche die Studie in Auftrag gab.

Wo liegt der Fokus der Studie?

Wir wollten wissen, wie Veränderung und Wandel von der ansässigen Bevölkerung wahrgenommen wird. Gerade in Agglomerationen gab es sehr starke Veränderungen, was Bevölkerungswachstum, Bautätigkeit und Infrastruktur anbelangt. Wir wollten mit der offenen Fragestellung aber auch erfahren, welchen Stellenwert die Migration einnimmt.

Inwiefern war das Vorgehen speziell?

Es war ein sehr ergebnisoffenes Vorgehen. Wir wollten nicht spezifisch nach der Migration fragen, sondern wissen, was die Bewohner bewegt. Dies wurde zum Teil in Kurzinterviews oder mithilfe von einer spielerischen Tabletbefragung gemacht.

Was waren die wichtigsten Erkenntnisse?

Wir stellten fest, dass Migration zwar angesprochen wurde, aber immer im Zusammenhang mit anderen Veränderungen. Es sind die Begleiterscheinungen von Wachstum wie starke Bautätigkeit, wachsende Verkehrsbelastung oder zunehmende Individualisierung, die vor allem auf Abwehr stossen. Die Befragten sehen die Migration sehr differenziert. Differenzierter, als das Thema manchmal in der Politik diskutiert wurde. Klar gab es auch Befragte, die die Zuwanderung generell sehr skeptisch betrachteten. Da stellten wir aber fest: Wer generell Veränderungen pessimistisch gegenübersteht, hat auch Vorbehalte gegen Zuwanderung.

Wieso wurde das Grüssen wiederholt erwähnt?

Ich denke, das Grüssen steht hier stellvertretend für den sozialen Austausch. Viele Bewohner befürchten, dass man nicht mehr miteinander, sondern nebeneinander in einer Gegend lebt. Darum ist es stark erwünscht, dass sich Neuzuzüger am sozialen Leben beteiligen.

Und was hat das mit der Migration zu tun?

Die Befragten gehen davon aus, dass es einfacher ist, mit Personen aus den umliegenden Ländern zu leben als mit Personen aus entfernteren Ländern. Die Erwartungshaltung ist, dass Personen aus den Nachbarländern eher unsere Gepflogenheiten übernehmen und darum eher am sozialen Leben teilnehmen. Aber auch hier: Es ist weniger die Angst vor Konflikten, sondern die Angst vor der Verarmung des Soziallebens und der Anonymisierung, die Alteingesessene haben.

Was kann gegen diese Angst getan werden?

Die Studie zeigt auch, dass die Herkunft zweitrangig ist, sobald sich jemand am sozialen Austausch beteiligt. Also wenn jemand in einem lokalen Verein tätig ist oder aber wenn man beim Einkaufen eben grüsst. Und was wir auch feststellten: je rasanter die Veränderung, desto grösser die Angst. Darum ist es wichtig, dass eine Gemeinde den Austausch fördert und eine offene Kommunikation ermöglicht. Dass zum Beispiel bei einem grossen Bauvorhaben die Gemeindemitglieder begleitet, ihre Bedürfnisse abgeholt werden und partizipativ geplant wird. Wenn verschiedene Bevölkerungsgruppen diesen Weg gemeinsam gehen können, verbindet das.

Bist du oder jemand, den du kennst, von Rassismus betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Beratungsnetz für Rassismusopfer

GRA, Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Pro Juventute, Tel. 147

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