Aktualisiert 06.10.2017 09:51

Lese- und Schreibschwäche

«Wer gut denkt, ist nicht dumm»

Jacques Dubochet hat den Chemie-Nobelpreis gewonnen. Der Wissenschaftler beweist, dass eine Leseschwäche nichts mit Intelligenz zu tun hat. Trotzdem warnen Experten.

von
V. Fehlmann
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Jacques Dubochet hat den Chemie-Nobelpreis gewonnen. Der Wissenschaftler erklärte an einer Pressekonferenz, dass er an einer Leseschwäche leidet und deshalb während der Schulzeit Probleme hatte.

Jacques Dubochet hat den Chemie-Nobelpreis gewonnen. Der Wissenschaftler erklärte an einer Pressekonferenz, dass er an einer Leseschwäche leidet und deshalb während der Schulzeit Probleme hatte.

Keystone/Laurent Gillieron
Dubochet beweist, dass das nichts mit Intelligenz zu tun hat.

Dubochet beweist, dass das nichts mit Intelligenz zu tun hat.

Keystone/Laurent Gillieron
In der Schweiz gibt es rund 800'000 Menschen, die an einer Lese- oder Schreibschwäche leiden. (Symbolbild)

In der Schweiz gibt es rund 800'000 Menschen, die an einer Lese- oder Schreibschwäche leiden. (Symbolbild)

Keystone/Gaetan Bally

Der 75-jährige Schweizer Wissenschaftler Jacques Dubochet hat den Nobelpreis für Chemie erhalten. Während seiner Pressekonferenz in Lausanne stand er offen zu seiner Leseschwäche, die ihm während der Schulzeit Probleme bereitet hatte. Dubochet steht nicht allein da: In der Schweiz leiden rund 800'000 Menschen an einer Lese- oder Schreibschwäche, sagt Christian Maag, Geschäftsführer vom Schweizer Dachverband Lesen und Schreiben.

Fachverbände freuen sich über Dubochets Erfolg. Er zeigt, dass Schreib- und Leseschwächen einer Karriere nicht im Weg stehen müssen. Kinder, die an einer Lese- oder Schreibschwäche leiden, können heute eine logopädische Therapie in Anspruch nehmen, sagt Franziska Peterhans, Zentralsekretärin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz. Im Rahmen der integrativen Schulung passiert diese besondere Förderung durch Logopädinnen oft integriert im Unterricht. Bei Bewertungen – etwa bei Prüfungen – gibt es für die Schüler zudem gewisse Anpassungen.

«Viele verlieren im ersten Schuljahr den Glauben an sich»

Doch diese wichtige Unterstützung steht nun auf der Kippe: «Die Kantone ‹sparen›, viele Schulen haben zu wenig Heilpädagogen», sagt Peterhans. Zwar gehöre es zur Grundausbildung eines Lehrers, zu wissen, dass es solche Schwächen gibt, doch müssen sie sich mit Fachpersonen in Verbindung setzen können, um die betroffenen Schüler gezielt zu unterstützen. Wegen der Abbaurunden drohe nun ein Mangel an Unterstützungsstunden mit ausgebildeten Fachpersonen. «Es besteht die Gefahr, dass Schüler mit Schreib- oder Leseschwächen zunehmend auf sich allein gestellt sind», so Peterhans.

Dem pflichtet auch Robin Hull, Vizepräsident des Verbands Dyslexie, bei. «Die Kantone müssen handeln.» Viele Illetristen erhielten wohl nie eine Abklärung oder Unterstützung. Die Folge: «Viele verlieren im ersten Primarschuljahr den Glauben an sich.» Im Berufsleben würden sich die Jugendlichen dann unterverkaufen.

«Einige sind sogar hochbegabt»

Hull sieht in der Schule ein weiteres Problem: «Schüler mit Lese- und Schreibschwächen brauchen mehr Zeit und Übung. An den Schulen werden aber immer mehr Fächer eingeführt, das drückt auf die Zeit.» Betroffenen Schülern rät er: «Wer gut denkt oder spricht, ist nicht dumm, auch wenn er mehr Fehler beim Schreiben macht. Man darf nie den Glauben an sich verlieren.»

Kinder mit Dyslexie oder Dyskalkulie (Matheschwäche) seien grundsätzlich intelligent. «Sonst gäbe es keine Diagnose», so Hull. «Einige sind sogar hochbegabt.» Da sie nach der Schule aber Berufe weit unter ihrem Potential wählen würden, würden bessere Stellen aufgrund des Fachkräftemangels von ausländischen Arbeitnehmern besetzt. Für Hull ist deshalb klar: «Wir müssen unsere eigenen Kinder fördern.»

Leidest du unter Lese- oder Schreibschwäche? Erzähl uns von deinen Erfahrungen unter feedback@20minuten.ch.

Besser lesen. Besser leben.

Jede sechste erwerbstätige Person in der Schweiz hat Mühe mit Lesen und Schreiben. Das sind rund 800'000 Erwachsene – eine unglaubliche Zahl. Für die betroffenen Menschen bedeutet das oft grosse Einschränkungen im sozialen und beruflichen Leben. Die Orell Füssli Thalia AG hat sich zum Ziel gesetzt, ihren Teil zur Verbesserung dieser Situation beizutragen. Mit der Kampagne «Besser lesen. Besser leben.» soll das Tabu Illettrismus gebrochen und die Öffentlichkeit auf die Problematik aufmerksam gemacht werden. Gemeinsam mit dem Dachverband Lesen und Schreiben werden betroffene Personen ermutigt, Kurse zu besuchen und so mehr Lebensqualität zu erhalten.

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