Aktualisiert 02.10.2012 21:34

Amerikaner verschleppt

Wer hält Austin Tice gefangen?

Von einem in Syrien verschollenen US-Journalisten gibt es ein Lebenszeichen. Im Netz ist ein Video aufgetaucht, das ihn in Händen einer Terrorgruppe zeigt. Über die Herkunft des Films wird gerätselt.

von
kub

Bewaffnete islamistische Kämpfer, in traditioneller Shalwar-Kameez gekleidet, schleppen einen völlig erschöpften Mann mit Augenbinde den Berg hinauf. Ein Gefangener. Allah akbar-Rufe (Gott ist gross) sind immer wieder zu hören. Dann am Ende des rund 47 Sekunden langen Videos kniet der Mann am Boden, lehnt sich an den Arm eines Kämpfers und rezitiert das islamische Gebet, das traditionellerweise auch kurz vor dem Tod gesprochen wird. Mit einem verzweifelten «Oh, Jesus, oh Jesus» stoppt das Video abrupt.

Der Mann im Video heisst Austin Tice. Der US-Journalist der «Washington Post» ist seit dem 13. August in Syrien verschollen. Das jetzt aufgetauchte Video ist das erste Lebenszeichen des Entführten. An der Herkunft des Films gibt es allerdings Zweifel. Nicht Islamisten hätten den Amerikaner entführt, sondern die syrische Regierung, sagen US-Experten in der «New York Times».

Ungewöhnliche Verbreitung des Videos

Für diese Theorie sprächen folgenden Indizien: Der Video sei gestellt, es fehlen die Insignien von dschihadistischen Webseiten und Videos. Es sei auch ungewöhnlich, dass militante Islamisten einen Ungläubigen zwingen, ein Gebet zu sprechen. Zudem sei es seltsam, dass der Video auf Facebook- und Twitterkonten gelinkt wurde, die von Assad-Unterstützern unterhalten werden. Auf Facebook ist zu lesen, dass «der amerikanische Journalist Austin Tice in den Händen der gut bekannten islamistischen Gruppe Syriens, Nusra Front und Al-Kaida» sei. Aber die besagte Gruppe bespielt jeweils ihren eigenen Videokanal und publiziert nicht auf regierungstreuen Webseiten, wird in der «New York Times» erläutert. Deshalb gehen Tice' Arbeitgeber und das US- Aussenministerium davon aus, dass Tice von der syrischen Regierung festgehalten wird.

Videobotschaft an Asma al-Assad

Derweil hat Syriens Regime der notleidenden Bevölkerung einen «grossen nationalen Dialog» versprochen. In einer vom Staatsfernsehen übertragenen Rede vor dem Parlament kündigte Ministerpräsident Wael al-Halki am Dienstag Friedensgespräche mit gemässigten Oppositionsparteien an.

Interview de Bachar Al-Assad

Keine Verhandlungen mit Assad

Einen Termin für ein Treffen nannte er allerdings nicht. Für die meisten Regimegegner kommen Verhandlungen nicht infrage, solange Präsident Baschar al-Assad noch an der Macht ist.

Al-Halki war von Assad im August zum Regierungschef ernannt worden, nachdem sein Vorgänger Riad Hidschab zur Opposition übergelaufen war. In seiner Ansprache sagte der Ministerpräsident, in der vergangenen Woche habe es in Syrien zwei wichtige Konferenzen der Opposition gegeben. Dies sei die Vorbereitung für den Dialog gewesen, bei dem dann alle Parteien an einem Tisch sitzen würden.

Unterdessen gingen die Kämpfe im Land unvermindert weiter. Heftige Gefechte gab es vor allem im Grossraum Damaskus, in der Handelsmetropole Aleppo und in Daraa.

Ausschreitungen in Flüchtlingscamp

In den Flüchtlingslagern verschlechtert sich die Lage ebenfalls. In Jordanien wurden nach Ausschreitungen im Lager Al-Saatari internationale Helfer vorübergehend evakuiert. Ihre Büros und Fahrzeuge waren laut Sicherheitsbehörden zuvor zum Angriffsziel geworden, als syrische Flüchtlinge gegen die Lebensbedingungen im Camp protestierten.

Nach Angaben des UNO-Hochkommissariats für Flüchtlinge (UNHCR) hat sich die Zahl der syrischen Kriegsflüchtlinge in den Nachbarstaaten im vergangenen Vierteljahr mehr als verdreifacht. In Jordanien, der Türkei, im Libanon und im Irak würden inzwischen mehr als 311 000 Syrer versorgt - Ende Juni seien es rund 100 000 gewesen.

Diskussion über Chemiewaffen kritisiert

Auf der internationalen Bühne kritisierte Syriens Aussenminister Walid al-Muallim die Diskussion über syrische Chemiewaffen und warf den USA vor, gegen die Regierung in Damaskus eine Kampagne wie zu Zeiten des Irak-Kriegs zu führen.

In einem bereits am Montag ausgestrahlten Interview mit dem libanesischen Fernsehsender Al-Majadin sagte er, der Vorwurf eines Chemiewaffeneinsatzes gegen die eigene Bevölkerung sei Unsinn, die ganze Sache ein Hirngespinst.

Bei seiner Rede vor der UNO-Generalversammlung hatte Muallim am Montag ausserdem kritisiert, unter dem Vorwand der humanitären Intervention würden die Kriegstrommeln geschlagen. Einige Länder, die Kriege gegen Terror geführt hätten, unterstützten heute den Terrorismus in Syrien, sagte er. Neben den USA und Frankreich nannte er vor allem Katar, Saudi-Arabien, Libyen und die Türkei.

Mursi schickt Emissär nach Damaskus

Der ägyptische Präsident Mohammed Mursi schickte in der Nacht zum Dienstag einen hochrangigen Offizier des ägyptischen Sicherheitsapparates nach Damaskus. Während seines zweitägigen Aufenthaltes werde der Offizier mehrere Funktionäre treffen, besonders aus den Sicherheitsbehörden, wie die Nachrichtenagentur DPA erfuhr.

Mursi favorisiert eine regionale Lösung des Konflikts unter Einbezug der Türkei und des Irans. Er hatte Assad scharf kritisiert, gleichzeitig lehnt er eine Militärintervention ab.

Der Aufstand gegen Assad hält seit März 2011 an und hat sich inzwischen zu einem Bürgerkrieg ausgeweitet. Laut Schätzungen der Opposition sind mehr als 30 000 Menschen getötet worden, mehrheitlich unbewaffnete Zivilisten.

(kub/sda)

Hisbollah-Kämpfer in Syrien getötet

In Syrien sind ein Führer der Hisbollah und zahlreiche weitere Kämpfer der militanten Extremistengruppe laut offiziellen libanesischen Angaben getötet worden. Die Leiche von Kommandeur Ali Hussein Nassif sei über den Grenzübergang Masnaa in den Libanon gebracht worden, teilte ein libanesischer Sicherheitsbeamter am Dienstag mit. Ob Nassif an der Seite der syrischen Regierungstruppen gekämpft hatte, war zunächst unklar.

Der Hisbollah-eigene Fernsehsender Al Manar strahlte derweil Bilder einer Beerdigung von mindestens zwei Hisbollah-Mitgliedern aus, die bei der Ausübung ihrer «Pflichten im Dschihad» getötet worden seien.

Die Hisbollah gilt als enger Verbündeter der syrischen Regierung. Die syrischen Rebellen werfen der Gruppe vor, das Regime von Präsident Baschar Assad bei ihrem harten Vorgehen gegen die Opposition zu unterstützen. Die Hisbollah hat das zurückgewiesen. (dapd)

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