30.09.2020 09:51

US-Experte zur DebatteWer hat die Debatte gewonnen? Hier sind die Noten für Trump und Biden

In der heissen Phase des US-Wahlkampfes sind der republikanische Amtsinhaber Donald Trump und sein demokratischer Herausforderer erstmals direkt aufeinandergetroffen. US-Experte Thomas Jäger erklärt, wer in der Debatte gepunktet hat.

von
Ann Guenter

Die Höhepunkte der ersten Debatte im Video.

Darum gehts

  • In der Nacht fand die erste direkte Begegnung zwischen Donald Trump und Joe Biden statt.
  • Politologe und US-Experte Thomas Jäger vergibt Punkte für die Kandidaten.
  • Der Gewinner der ersten TV-Debatte ist seiner Ansicht nach Donald Trump.

Bei der ersten TV-Debatte zwischen US-Präsident Donald Trump und seinem demokratischen Herausforderer Joe Biden ging es unter anderem um die Corona-Pandemie, die Integrität der Wahl und die Lage der US-Wirtschaft. Politologe und US-Experte Thomas Jäger von der Universität zu Köln analysiert, wie sich die beiden Kandidaten um das US-Präsidentenamt während der 90 Minuten auf der Bühne in Cleveland, Ohio, schlugen.

Jägers allererste Reaktion auf die Debatte: «Das war fürchterlich». Es habe keinen Austausch von Positionen stattgefunden, ohne Vorwissen habe man kaum etwas verstehen können. Vor allem aber: «Keiner der beiden Kandidaten sagte, was er in den kommenden vier Jahren vor hat. Die Debatte blieb entsprechend inhaltsleer.»

Wer erhält Punkte für was?

«Bei Demokrat Biden wurde im Verlauf der Debatte sehr deutlich, dass die Demokraten in zwei Flügel, einen moderaten und einen linken, gespalten sind. Biden konnte aber nicht deutlich machen, dass er die beiden Flügel seiner Partei repräsentiert.»

«Trump versuchte erst gar nicht, vernünftig zu wirken», sagt Jäger. Er habe sich schlicht schlecht benommen. «Er liess seinen Gegner kaum je aussprechen. Es ging Trump vor allem darum, seine Anhänger zu mobilisieren, nicht inhaltlich zu argumentieren.»

«Fox News»-Moderator Chris Wallace habe überfordert gewirkt und zu wenig in die Diskussion eingegriffen. Resultat: «Es gab nur wenig Momente, in denen die beiden Kandidaten ruhig in die Kamera sprachen. Vieles blieb chaotisch. Es wird sich zeigen, ob die Zuschauer das goutieren.»

WIRTSCHAFT

Punkt geht an Trump. Denn: «Trump geht von einer V-Wirtschaft aus: Es geht schnell runter, und es geht wieder schnell hoch. Trump verkauft vor allem Hoffnung.» Das komme natürlich viel besser an, als wenn Biden «wenig überzeugend» anprangere, dass es in den USA für die Reichen nach oben, für den Mittelstand nach unten gehe.

KLIMAPOLITIK

Punkt geht an Biden. Denn: «Trump machte deutlich: Klimapolitik darf die Wirtschaft nicht abwürgen. Biden hingegen konnte überzeugend darstellen, dass Klimapolitik keine nationale Angelegenheit ist.»

RASSISMUS

Punkt an beide. Denn: «Trump ging es um die Botschaft: «Wir sollten stolz sein auf unsere Geschichte». Biden hingegen ging es darum, den Rassismus in den USA als ein strukturell-rassistisches Problem zu benennen. So repräsentierten sie die zwei Seiten amerikanischen Kulturkampfes.» Zu reden gibt, dass Trump sich in der Debatte nicht von rassistischen Gruppierungen distanzierte. «Das wird Trump auch nie tun, denn in diesen Gruppierungen sind seine Wähler», sagt Jäger. Statt dessen gehe Trump bei diesem Thema in die Offensive und beschuldige Linksradikale der Gewalt.

WAHLBETRUG

Punkt geht an Trump. Einmal mehr warf er den Demokraten vor, das Wahlergebnis im November zu verfälschen. er könne nicht aktzeptieren, dass «Tausende von Stimmzetteln manipuliert» würden. Hier sei es Biden nicht gelungen zu vermitteln, dass Wahlbetrug in den USA nicht möglich ist, so Jäger. «Seine Botschaft war lediglich: Geht wählen – dabei hätte er darauf hinweisen müssen, dass es schlicht keine Belege dafür gibt, dass das Wahlsystem nicht sauber funktioniert.»

DIE NOTEN

Jäger gibt Donald Trump die Note 5, weil Trump sein Konzept erfolgreich umgesetzt habe. Denn: «Er wirkte viel aggressiver als Biden, viel dynamischer. Das kommt gerade in Wirtschaftskreisen gut an.» Grundsätzlich aber sei eine Haupterkenntnis aus der Debatte: «Trump äusserte sich nie zu seinem grossen Plan für das Land in den nächsten vier Jahren. Dies, weil er keinen hat.»

Biden gibt der Experte lediglich die Note 4. Denn: «Es gelang ihm nicht, gegen Trumps Zerstörungstaktik anzugehen.» Stellenweise habe Biden fahrig und etwas tatterig gewirkt, im Gegensatz zum aggressiv und dominant auftretenden US-Präsidenten.

Trump vs. Biden

Viele genervte Amerikaner

Eine grosse Mehrheit der Amerikaner haben die erste Fernsehdebatte vor der Präsidentschaftswahl als anstrengend empfunden. Befragt nach ihrem überwiegenden Gefühl beim Schauen der Debatte antworteten in der CBS-Blitzumfrage mehr als zwei Drittel (69 Prozent), die Diskussion habe sie vor allem verärgert. Nur 31 Prozent fühlten sich davon unterhalten. In der Umfrage gaben zudem 19 Prozent an, sie seien nach der Sendung pessimistisch. Den Ton der Debatte, bei der vor allem der Trump seinem Herausforderer wiederholt ins Wort fiel, empfanden 83 Prozent der Befragten als negativ. Auf die Frage, wer die Debatte gewonnen hat, nannten 48 Prozent Biden und 41 Prozent Trump. Rund 10 Prozent bewerteten den Ausgang als unentschieden. Laut Angaben des Fernsehsenders CNN sahen 60 Prozent der Zuschauer Biden vorne. (SDA)

Trump vs. Biden

Der Fahrplan

07.10. TV-Duell der Vizepräsidenten Mike Pence und Kamala Harris

15.10. Zweites TV-Duell zwischen Donald Trump und Joe Biden

22.10. Drittes TV-Duell zwischen Donald Trump und Joe Biden

03.11. Wahltag

14.12. Electoral College wählt Präsident und Vize

06.01.21 Auszählung der Stimmen der Wahlmänner und -frauen

20.01. Amtseinführung in Washington

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