Toter Student in Kairo: Wer hat Giulio Regeni gefoltert und ermordet?
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Toter Student in KairoWer hat Giulio Regeni gefoltert und ermordet?

Neun Wochen nach dem mysteriösen Tod eines italienischen Studenten in Kairo erwartet Rom endlich Ermittlungsergebnisse der ägyptischen Behörden.

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Die ägyptischen Behörden werden nach wochenlangem Hin und Her ihre Unterlagen zum Fall Giulio Regeni vorstellen. Der rätselhafte Mord an dem Italiener in Kairo hat die italienisch-ägyptischen Beziehungen schwer belastet. Jetzt wird die Präsentation des 2000 Seiten dicken Dossiers mit den Ermittlungsergebnissen der Ägypter mit höchster Spannung erwartet.

Der Doktorand und Journalist Giulio Regeni war am 25. Januar auf dem Weg zur Metro in Kairo verschwunden. Seine halbnackte Leiche wurde neun Tage später neben einer Schnellstrasse hinter einer Betonmauer unweit der ägyptischen Hauptstadt entdeckt.

Italien will die Wahrheit

Bei der ersten Obduktion stellten Forensiker mehrere Messerstiche, Brandwunden von Zigaretten und Spuren von Schlägen am Leichnam fest. Regenis Finger- und Fussnägel waren ausgerissen, seine Ohren abgeschnitten worden. Seine Mörder hatten ihn zudem mit Elektroschocks an den Genitalien gequält, ihm Rippen, Beine, Arme und Schultern gebrochen. Laut einem ägyptischen Staatsanwalt deuteten alle Folterspuren auf einen «langsamen Tod» hin. Dennoch lautete die erste These der ägyptischen Behörden, der Italiener sei bei einem Autounfall ums Leben gekommen.

Dann wurden islamistische Terroristen der Tat bezichtigt und auch von einem Sexualdelikt war die Rede. Der Geduldsfaden der Italiener riss, als das ägyptische Innenministerium kurz vor Ostern mitteilte, die Ausweispapiere, das Handy, das Portemonnaie und die Armbanduhr des italienischen Studenten in einer Wohnung gefunden zu haben, die von einer kriminellen Organisation angemietet worden war. Die Mafiabande sei darauf spezialisiert, Ausländer zu überfallen, hiess es. Italiens Aussenminister Paolo Gentiloni bezweifelte diese Version sofort. «Wir wollen die Wahrheit», twitterte er als Antwort. 24 Stunden später liess Kairo die Bandentheorie bereits wieder fallen.

Vom Geheimdienst entführt und gefoltert?

Italien spekuliert seit Wochen, dass die ägyptische Staatssicherheit hinter dem Mord steht – vor allem, nachdem Zeugen von einer Festnahme Regenis durch Sicherheitskräfte erzählt hatten. Auch die Misshandlungsspuren an seiner Leiche passten zu den berüchtigten Foltermethoden der ägyptischen Sicherheitsdienste, erklärten ägyptische Menschenrechtsanwälte gegenüber italienischen Medien.

Regeni arbeitete seit Herbst 2015 in Kairo an seiner Doktorarbeit über ägyptisches Arbeitsrecht. Im Zuge dessen soll er auch Verbindungen zu oppositionellen Gruppen und regierungskritischen Gewerkschaftern gehabt haben. In seinen Artikeln in der linken italienischen Zeitung «Il Manifesto» äusserte er sich kritisch über die ägyptische Regierung. Die italienische Nachrichtenagentur Ansa berichtete, Regeni sei seit Beginn seines Aufenthalts in Kairo nahezu lückenlos vom Geheimdienst überwacht worden.

Es drohen Konsequenzen

Neben den beiden zuständigen Staatsanwälten werden in Rom auch drei ägyptische Polizeifunktionäre zu dem zweitägigen Treffen erwartet. Sollten die Unterlagen weiterhin unvollständig sein, drohte Aussenminister Gentiloni im Interview mit dem «Corriere della Sera» bereits mit Sanktionen.

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