Aktualisiert 07.11.2013 11:17

Lausanner Bericht

Wer hat Jassir Arafat vergiftet?

Israel weinte dem Palästinenserführer keine Träne nach – und auch Arafats Führungszirkel war voller Intrigen. Nach dem erhärteten Polonium-Verdacht stellt sich die Frage nach der Täterschaft mehr denn je.

von
kri

Drei Jahre stand er in seinem Hauptquartier in Ramallah faktisch unter Hausarrest, erfreute sich aber bester Gesundheit. 2004 erkrankte Jassir Arafat aus heiterem Himmel und verstarb innerhalb weniger Wochen. Der mit Spannung erwartete Bericht des Instituts für Radiophysik des Universitätsspitals Lausanne erhärtet nun den Anfangsverdacht, der Palästinenserführer könnte an einer Polonium-Vergiftung gestorben sein. Das bringt Licht in den mysteriösen Fall – löst ihn aber beileibe nicht. Die Frage nach der Täterschaft bleibt im Dunkeln.

Israel oder die Palästinenser selbst?

Viele Palästinenser sind überzeugt, dass Israel seinen langjährigen Widersacher zur Strecke brachte. Die Israelis haben dies immer vehement bestritten. «Die Regierung hatte entschieden, Arafat nicht anzurühren», zitiert AP den ehemaligen Regierungssprecher Raanan Gissin. Fakt ist, dass Israel Arafat damals vorwarf, nichts gegen die Selbstmordattentate zu unternehmen, die von den Palästinensergebieten ausgingen. Der spätere Regierungschef Ehud Olmert sagte ein Jahr vor dem Tod Arafats, dass auch dessen Tötung eine «Option» sei.

Israel geht hingegen davon aus, dass der Tod Arafats eine inner-palästinensische Angelegenheit war. «Irgendwann gerieten Loyalitäten, Rivalitäten und Hass, die er in seinem Führungszirkel genährt hatte, ausser Kontrolle», schreibt die israelische Tageszeitung «Haaretz» in einem Kommentar. Dafür habe er mit seinem Leben bezahlt. Gemäss einer anderen Lesart wollte die palästinensische Führung den Weg für den moderaten Mahmud Abbas freimachen und eine Verständigung mit Israel und dem Westen zu ermöglichen.

Verschwundene Proben

Neben der Täterschaft bleiben aber auch viele Fragen im Zusammenhang mit der Todesursache ungelöst. Das grösste Rätsel geben die Stunden unmittelbar nach Arafats Ableben am 11. November 2004 im französischen Militärspital Percy bei Paris auf: Obwohl sich Heerscharen palästinensischer, tunesischer, ägyptischer und französischer Ärzte über die Todesursache den Kopf zerbrochen hatten, wurde keine Autopsie durchgeführt und damit die beste Chance auf die Lösung des Rätsels vergeben. Arafat-Witwe Suha, die eine Untersuchung hätte anordnen können, sagt dazu im Bericht von Al Jazeera: «Ich stand wie alle unter Schock, es kam mir gar nicht in den Sinn, eine Autopsie zu verlangen.»

Ebenso schwer wie die verpasste Autopsie wiegen die verschwundenen Gewebe-, Blut- und Urinproben. Die französische Militärpolizei, welche Arafats Blut und Urin auf gängige Gifte testete, entsorgte die Proben 2008. Bei einer gerichtlichen Untersuchung hätten die Beweismittel laut französischem Gesetz mindestens zehn Jahre aufbewahrt werden müssen. Trotz vielen offenen Fragen hat es eine solche nie gegeben. Auch Gewebeproben aus Arafats Magen, die palästinensische Ärzte entnommen hatten, sind verschwunden. Anhänger der Vergiftungstheorie sehen darin den Versuch, mögliche Beweismittel zu vernichten.

«Er war HIV-positiv»

Eine andere Erklärung liefert ein Gerücht, das sich seit Arafats Tod zäh hält: Er sei an Aids gestorben. Weil die Immunkrankheit in der arabischen Welt mit Homosexualität assoziiert wird, hätte seine Entourage diesen Umstand verschleiern wollen und die entsprechenden Blutproben verschwinden lassen. Laut Arafats Krankheitsakte kamen zwei französische HIV-Tests negativ zurück.

Dass sich das Gerücht trotzdem hält, hat mit Arafats langjährigem Leibarzt Dr. Ashraf al-Kurdi zu tun, der 2007 in einem Interview mit Al Jazeera behauptete, dass der Palästinenserführer HIV-positiv war, jedoch nicht an Aids starb. Seltsamerweise wurde al-Kurdi zunächst nicht ans Krankenbett Arafats gerufen und durfte dessen Leichnam auch nicht untersuchen.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.