Grüezi «Simpsons»: Wer hat Üter den roten Pass gegeben?
Aktualisiert

Grüezi «Simpsons»Wer hat Üter den roten Pass gegeben?

Dick, doof, dumm: «Üter» ist der einzige Schweizer im «Simpsons»-Kosmos. Im Original kommt das Pummelchen aus Düsseldorf. Synchronregisseur von Stegmann erklärt, wie Üter Grenzgänger wurde.

von
P.Dahm

Was wären die «Simpsons» ohne ihre liebenswerten Randfiguren? Sie geben der Zeichentrickserie einen internationalen Touch – vom indischen «Kwik-E-Markt»-Besitzer Apu Nahasapeemapetilon über den mexikanischen «Bienen-Mann» bis hin zum Schweizer Austauschschüler Üter Zörker. Ja, auch die Schweiz ist mit einem Klischee vertreten. Mit einem harmlosen Honigmaul, das Homer entfliehend bettelt: «Jag mich nicht! Ich will nicht laufen, ich bin voll mit Schoggi.»

Seine ersten Worte sprach «Üter Zörker» bei der Erstausstrahlung der Folge «Treehouse of Horror IV» am 28. Oktober 1993: In der US-Originalfassung wünscht das freundliche Dickerchen «Guten Tag» und bekundet «Ja, das ist fein».

Mundart ist das allerdings nicht und bei genauerem Hinsehen fällt auch Üters Kleidung ins Auge: Eine solche Kluft findet man in der Schweiz beim Basler Fasnacht oder dem Zürcher Oktoberfest, aber sonst tragen Eidgenossen keine Lederhosen.

Schliesslich enthüllt der Austauschschüler seine wahre Herkunft: Seinen Eltern gehört ein Kaugummi-Werk in Düsseldorf. Weil Üter in der Episode «Lisa's Rival» aus dem Buch «Charlie and the Chocolate Factory» ein Schokoladen-Schaubild baut, wird angenommen, sein Charakter sei eine Anlehnung an den Roman «Charlie und die Schokoladenfabrik». In der deutschsprachigen Version kommt seine Familie dagegen aus Basel.

Üter als Schweizer in den deutschsprachigen «Simpsons»-Folgen: Der User, der das Video bei YouTube aufgeladen hat, schrieb dazu: «Üter, unser liebster Austauschschüler von den Simpsons. Ein kleines Best-of seiner Sprüche.»

«Hey German boy, go back to Germania»

Noch eindeutiger wird es in der Folge «Much Apu About Nothing»: Springfield stimmt über eine Verschärfung des Bleiberechts ab, die Stimmung gegen Ausländer schlägt um. Nelson Muntz fordert von Üter: «Hey German boy, go back to Germania.» Warum also hat das deutsche Synchronstudio Üter in den Schweizer Schuh geschoben?

Ivar Combrinck war der Synchronregisseur, unter dessen Ägide der erste Auftritt der pummeligen Comicfigur erfolgte. Er ist 2006 verstorben. Sein Nachfolger Matthias von Stegmann von der «Arena Synchron GmbH» betreut die Serie als Regisseur und Drehbuchautor seit Mitte der 17. Staffel, als Anke Engelke als Synchronsprecherin für Marge Simpsons einsprang.

«Grundsätzlich würde der Synchronregisseur eine solche Entscheidung fällen», sagt von Stegmann mit Blick auf «Grenzgänger» Üter. Seine Ideen müssten aber von einer Redaktion des TV-Senders abgenommen werden – und könnten auch geändert werden. «Letztlich ist der Kunde König.» Weil aber auch Aufnahmeleiter und Redaktoren von damals das Zeitliche gesegnet haben, kann heute nicht mehr genau festgemacht werden, wer Üter den roten Pass gab. Von Stegmann hat aber eine Erklärung: «Im Original ist es einfach. Da sprechen alle Englisch und einer kommt an, der mit deutschem Akzent spricht. Jetzt braucht man ein Mittel, um das in unser Sprache zu transportieren.»

Üter wünscht «Froh Lunch»: Um sich an solche Wortspiele heranzutasten, braucht es einen Dialekt, so von Stegman. Quelle: YouTube

Annäherung an schwierige Scherze

Man hätte dem Knaben statt Schweizer oder österreichischer Mundart auch einen deutschen Dialekt geben können, räumt der Synchronregisseur ein, der seinen Job als «Handwerk» bezeichnet. Aber: «Eine Synchronisation kann immer nur die Annäherung an das Original sein. Im Script werden viele Sachen schon erklärt, den Rest muss ich selber recherchieren.»

Einige Gags lassen sich nicht übersetzen. «Wenn ein Witz sich auf einen US-Politiker bezieht, der eine Affäre mit einer Prostituierten hatte, hat das hierzulande keiner mitbekommen. Ich muss versuchen, einen anderen Witz zu machen, der in dieselbe Richtung geht.» Bei Namen belasse er die Anspielungen aber am liebsten im Original – «auch auf die Gefahr, dass das in Deutschland dann nicht alle verstehen. Für die, die Bescheid wissen, ist es lustig. Das ist bei ‹Two and a Half Men› dasselbe Problem, obwohl ich beim ‹Simpsons›-Publikum mehr voraussetze als bei anderen Serien.»

Wie lange dauert die Synchronisation einer neuen Staffel?

Das Schreiben des Synchrondrehbuchs einer Folge dauere je nach Schwierigkeit zwei bis fünf Tage. «Für reine Sprachaufnahmen kann man eineinhalb Tage pro Folge rechnen. In der Regel sind es 22 Folgen, die wir in zwei 11er-Blöcken bearbeiten. Kurz nach Ausstrahlung der letzten Folgen in Amerika machen wir im April, Mai die ersten elf, die ab September im deutschsprachigen Fernsehen laufen.»

Von Stegmanns Lieblingsepisode heisst «Vergiss-Marge-nicht» – sie wurde sogar für einen Emmy nominiert. Neid auf seine US-Kollegen, die Millionen verdienen, hat der Deutsche übrigens nicht. «Da drüben kreieren die diese Serie. Homer lebt von einem Dan Castellaneta», sagte er uns mit Blick auf den Sprecher des Originals. «Ich finde die Gehälter der Amerikaner nicht zu hoch. Es ist legitim, weil ‹Fox› mit den ‹Simpsons› unglaublich viel Geld verdient.» «ProSieben» dagegen nicht – und somit auch die deutschen Stimmen der TV-Familie. «Würde ich nur die ‹Simpsons› machen, könnte ich davon nicht annähernd leben.»

Die Szene mit Homers Jagd auf Uter in der englischen Version. Quelle: YouTube

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