Parcetamol-Challenge: Wer kann mehr Schmerzpillen schlucken?
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Parcetamol-ChallengeWer kann mehr Schmerzpillen schlucken?

Riesenaufregung in Schottland: Junge sollen soviel Medikamente wie möglich nehmen und sich so mit Freunden messen.

von
cmr
Paracetamol-Tabletten bringen im schlimmsten Fall den Tod. Aber auch andere Schmerzmittel sind mit Vorsicht zu genießen.

Paracetamol-Tabletten bringen im schlimmsten Fall den Tod. Aber auch andere Schmerzmittel sind mit Vorsicht zu genießen.

Sie sind jung und unterschätzen bewusst die Risiken und Nebenwirkungen: In der schottischen Grafschaft Ayshire südlich von Glasgow soll ein Jugendlicher ins Krankenhaus eingeliefert worden sein, weil er eine Überdosis Paracetamol zu sich genommen hat, schreibt "The Independent". Dabei wollte der Schüler nicht etwa unerträgliche Schmerzen lindern. Vielmehr versuchten er, seine Freunde zu beeindrucken, indem er zeigte, wie viele Tabletten er auf einmal schlucken kann.

Die Nachricht hat sich in Windeseile verbreitet. Bereits ist von einem Trend die Rede: Vor allem in den sozialen Netzwerken sollen sich die Schüler mit ihren waghalsigen Aktionen brüsten. Tatsächlich finden sich beispielsweise auf Twitter unter #ParacetamolChallenge viele kritische Kommentare, die davor warnen, sich an dem Trend zu beteiligen.

Schwere Schäden bei hoher Dosierung

Wie weit verbreitet die Challange ist, ist allerdings unklar. Andreas Deffner, Pressesprecher der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, sagt gegenüber 20 Minuten, dass dem Bundesministerium für Gesundheit bislang keine Informationen zu dem Thema vorlägen. Man wolle sich dazu aber in nächster Zeit mit Fachleuten beratschlagen.

Fest steht aber, dass das rezeptfreie Arzneimittel großen Schaden anrichten kann. Kay Brune, Pharmakologe an der Universität Erlangen-Nürnberg, sagt 20 Minuten: "Bereits bei der zugelassenen Dosis von bis zu acht Tabletten pro Tag können Patienten schwere Leberschäden davontragen." Bei der doppelten Dosis sei ein Leberversagen praktisch programmiert. Auch Magengeschwüre, Herzinfarkt oder Schlaganfall seien nicht unwahrscheinlich. Bei Rückenschmerzen wirke das Medikament hingegen gar nicht, sagt Brune.

Wie gefährlich die Einnahme einer Überdosis Paracetamol ist, beweist ein Fall aus der englischen Großstadt Leeds. Dort starb 2011 die 19-jährige Charlotte nach der Einnahme des Schmerzmittels. Ihre Mutter vermutet, dass sich ihre Tochter mit dem Medikament nach der Trennung von ihrem Freund betäuben wollte. Auf das neue Wett-Phänomen angesprochen, warnt Charlottes Mutter die jungen Konsumenten aktuell: "Endet nicht wie meine Tochter!"

Tödliche Nebenwirkungen

Selbst bei gesunden Körper lässt sich die Todesfolge bei einer Überdosis häufig nicht aufhalten – genau wie bei Charlotte. "Und das ist kein schöner Tod, er zieht sich über mehrere Tage hin und ist sehr schmerzhaft", sagt Brune. Deswegen solle Paracetamol abgeschafft werden, findet der Mediziner. "Wer sich umbringen will, sollte liebe von der Brücke springen."

Doch das Medikament erfreut sich scheinbar immer noch großer Beliebtheit. Schwangeren gilt es als einzig zulässiges Schmerzmittel. Dabei hat eine norwegische Studie belegen können, dass das Präparat wie ein Hormon wirkt und vor allem männliche Föten schädigen kann. So seien Hodenfehlbildungen und Unfruchtbarkeit nicht unwahrscheinlich, heißt es darin.

Aus dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte wird auf Anfrage auf die neuerdings reduzierte Packungsgröße bei Paracetamol hingewiesen. Das Medikament rezeptpflichtig einzustufen sei bislang aus unterschiedlichen Gründen nicht möglich gewesen, heißt es.

Einer von vielen gefährlichen Trends

Sich Paracetamol einzuwerfen, um sich den Respekt von Gleichaltrigen zu verschaffen, ist nur eine von vielen gefährlichen Netz-Moden. Beliebt war in der Vergangenheit auch, sich in Alkohol getränkte Tampons ein den Po oder die Scheide zu stecken. Warum? Damit sich der ultimative Rausch schneller und intensiver bemerkbar macht.

In Schottland appellieren angesichts der Paracetamol-Mutprobe Lehrer und Polizei nicht nur an Schüler, ihr Leben nicht auf's Spiel zu setzen. Der schottische Schulleiter Alan Ward sagte in einem Fernsehinterview, dass die sozialen Netzwerke besser beobachtet werden müssten. "Wir halten insbesondere Eltern an, die Online-Aktivitäten ihrer Kinder verstärkt zu kontrollieren und sie über die Folgen dieser gefährlichen Aktion aufzuklären."

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